Frauen ohne Grenzen veranstaltete von 28. November bis 1. Dezember 2008 die erste internationale SAVE – Sisters Against Violent Extremism Konferenz in Wien, eine Plattform, um neue, alternative Strategien und Visionen gegen Terror und Gewalt zu erarbeiten. Die 33 Frauen, die an der Konferenz teilgenommen haben, kommen aus aller Welt, haben verschiedene religiöse Backgrounds, ihre Geschichten sind unterschiedlich und eindrucksvoll. Und genau damit tragen sie dazu bei, gemeinsam neue und konstruktive Strategien gegen Terrorismus und Gewalt zu erarbeiten.
Von Opfern zur Aktivistinnen
Beatriz Abril Alegre hat bei den Anschlägen am 11. März 2004 in Madrid ihren 19jährigen Bruder Oscar verloren und ist in der Association March 11 – Affected by Terrorism aktiv, ein Opferverband, der zahlreiche Initiativen wie zum Beispiel Gesprächsrunden für Angehörige oder Ausstellungen, organisiert. Sie engagiert sich für Frieden uns Versöhnung, ihr Motto lautet: Gerechtigkeit statt Rache.
Robi Damelin und Najwa Saadeh haben sich im Parents Circle kennen gelernt, eine Organisation, die IsraelInnen und PalästinenserInnen vereint, die sich für ein friedvolles Miteinander und eine Zukunft ohne Gewalt einsetzt. Robis Sohn, ein junger Akademiker und Friedensaktivist, wurde als Reservist 2002 an einem Checkpoint von einem palästinensischen Scharfschützen ermordet. Die Palästinenserin Najwa verlor 2003 ihre 12jährige Tochter Christine, nachdem die israelische Armee das Auto, in dem sie mit ihrer Familie fuhr, beschossen hatte. Najwa und Robi setzen sich gemeinsam mit vielen anderen für Frieden und Versöhnung ein und stehen für Hoffnung in diesem langjährigen Konflikt.
Rachel North, eine Londoner Werbestrategin saß am 7. Juli 2005 im ersten Waggon einer Londoner U-Bahn und las den soeben erschienen Artikel über ihre Vergewaltigung. Unterbrochen wurde sie plötzlich von den Druckwellen einer Explosion. Der 19jährige Germaine Lindsay, britischer Staatsbürger mit jamaikanischen Wurzeln, ließ eine Bombe detonieren, die 26 Menschen das Leben kostete und 150 Verletzte forderte; Rachel überlebte geschockt und mit leichten Verletzungen. Kurz darauf postete sie ihre Geschichte im Internet, diese wurde von BBC entdeckt und führte schließlich zur Veröffentlichung ihres ersten Buches, „Out of the Tunnel“. Rachel engagiert sich seit den Anschlägen aktiv gegen Terror: sie gründete eine 7/7 Inquiry Group, die sich für eine unabhängige Untersuchung des Anschlags einsetzt, sie schreibt für zahlreiche Zeitungen und Magazine und spricht regelmäßig in TV und Radio als engagierte Sprecherin der 7/7 Opfer.
Cindy Corrie gründete die Rachel Corrie Foundation, nachdem ihre Tochter Rachel im Gazastreifen getötet wurde; die Aktivistin engagierte sich gegen die Zerstörung eines palästinensischen Hauses. Die Familie gründete die Stiftung, um Respekt und Verstehen zu fördern, Menschen zu vereinen und um von der Basis für soziale, wirtschaftliche und ökonomische Gerechtigkeit zu kämpfen.
Vergebung als politische Kategorie
Phyllis Rodriguez und Aicha el Wafi engagieren sich seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 im Forgiveness Projekt, einer Organisation, in der sich weltweit Menschen zusammenfinden und auf unterschiedlichste Art und Weise Versöhnung und Traumabewältigung praktizieren. Phylllis´ Sohn Greg wurde bei den 9/11 Anschlägen im World Trade Center getötet, Aicha´s Sohn Zacarias Moussaoui wurde als der so genannte „20. Luftpirat“ von 9/11 verurteilt und sitzt lebenslang in einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA. Phyllis engagierte sich nach den Anschlägen gegen eine Politik der Rache, „Nicht im Namen meines Sohnes“ lautet ihr Credo und Aicha kontaktierte sie, weil sie Kontakt mit Angehörigen der Opfer aufnehmen wollte. Im Oktober 2007 wurden Phyllis und Aicha mit dem Quadriga Award ausgezeichnet, einem Preis, der „Vision, Mut und Verantwortung lehrt“ und jährlich am Deutschen Nationalfeiertag an jene verliehen wird, „durch deren Mut Mauern fallen und deren Engagement Brücken baut“ (c die Quadriga).
Innenansichten des Terrors: Der Ausstieg aus dem Extremismus
Hadiyah Masieh hat eine ganz eigene Geschichte: während sie studierte wurde sie von einer radikalen Gruppe rekrutiert, der Hizb –ut Tahrir, eine Organisation, die zu der Zeit die richtigen Antworten auf ihre Fragen zum Islam zu wissen schien. Sie hatte einen wichtigen Posten innerhalb der Organisation, organsierte Veranstaltungen, hielt Reden. Nach 10 Jahren stieg sie aus, die politischen Ideen entsprachen nicht mehr ihren Vorstellung und Werten und hatten ihrer Meinung nicht mehr viel mit dem islamischen Glauben zu tun. Heute versucht Hadiyah ein Vorbild für die junge Generation zu sein, will in Schulen und Universitäten arbeiten, um den jungen Menschen zu zeigen, dass es auch andere Perspektiven im Leben gibt. Sie engagiert sich in verschiedenen Projekten und Organisationen, unter anderem bei Muju, eine KünstlerInnengruppe, in der MuslimInnen und JüdInnen gemeinsam arbeiten.
Gegen den Status Quo
Olga Alicia Paz aus Guatemala erlebt die psychischen Auswirkungen von Gewalt und Terror täglich in ihrer Arbeit als Obfrau einer guatemaltekischen NGO, die Opfer von politisch motivierter Gewalt psychologische Hilfe bietet (ECAP). In ihrer Funktion als Mitglied der Nationalunion Guatemaltekischer Frauen engagiert sie sich für jene Frauen, die während des bewaffneten Konflikts in den 60er Jahren sexuelle Gewaltübergriffe überlebt haben und fordert Gerechtigkeit und Schutz für die Opfer.
Manal Omar unterstützt Frauen weltweit durch ihre Arbeit bei internationalen Organisationen wie Weltbank, UN, Women for Women International, OXFAM und derzeit beim US Institute for Peace. Sie arbeitete in Afghanistan, im Irak, im Libanon und in vielen weiteren Krisenherden weltweit.
Najma Ahmed Abdi arbeitet für die NGO Save Somali Women and Children in Somalia, eine Organisation, die seit Beginn der 90er Jahre Frauen dabei unterstützt, der Spirale Marginalisierung, Gewalt und Armut zu entkommen. Najma ist außerdem Vorsitzende des Youth Leadership Forum und Mitglied des Nationalen Komitees zu Beschneidung (FGM) in Somalia.
Die Nordirin May de Silva ist Direktorin der Organisation Women into Politics, einer feministischen Organisation, die für mehr Frauen in Politik eintritt und Trainings veranstaltet, um mehr Frauen als Entscheidungsträgerinnen zu positionieren. May´s Trainingsprogramme sind SAVE best-pracitce Modelle, die von Nordirland in die ganze Welt reisen sollen. May de Silva ist Vizepräsidentin von Women´s News Northern Ireland und Präsidentin der Northern Ireland Policing Board´s Women´s reference group.
Aus Österreich nahmen Saime Öztürk und Lajali abu Zahra teil; junge Musliminnen, die sich im FATIMA Projekt engagieren, um junge Musliminnen in Österreich zu empowern und ihnen (Bildungs)perspektiven zu vermitteln; beide sind in der muslimischen Jugend Österreich aktiv.
Hasinah Kharbhih gründete das Impulse NGO Network, eine Initiative im Nordosten Indiens, die Projekte zu Kindehandel und HIV/Aids sowie Existenzsicherung realisiert. Hasinah arbeitet als Trainerin und führt (e) umfangreiche Forschungsprojekte zu Gesundheit, Missbrauch, HIV/Aids, Kinder und Jugendliche, Gewalt in der Familie durch. Weiters entwickelte sie das international anerkannte Mehalaya Model, ein umfassendes Koordinationssystem, das es Regierung, Sicherheitsagenturen, Rechtsbeiständen, Medien und NGOs ermöglicht, sich gemeinsam gegen Kinderhandel einzusetzen und miteinander verbunden zu arbeiten.
Nawal Hassan arbeitet mit Frauen und Kindern im Norden Libanons. Sie trainiert Frauen und junge Mädchen in den Palästinensischen Flüchtlingslagern. Nawal arbeitet für die Najdeh Association und engagiert sich außerdem als Koordinatorin im Advocacy Forum für das Naher-el-Bared camp und beim Training and Research Projekt für Palästinensische weibliche Flüchtlinge.
Suad Ata Al Gedsi ist täglich mit dem Kampf der Frauen um Rechte und Gleichberechtigung im Jemen konfrontiert. Sie arbeitet als Vorsitzende des Women´s Forum for Research and Training (WFRT) , einem Zentrum, das sich bemüht, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit durch angewandte Projekte zu implizieren.
Lily Z. Munir, eine muslimische Feministin aus Indonesien tritt für Gleichheit der Geschlechter und Frauenrechte im Islam ein. Sie kämpft für Frieden und Toleranz in islamischen Gesellschaften und hat das einzigartige Center For Pesantren (Islamische Internate) and Democracy Studies (CEPDES) gegründet.
Frauen in der Männerwelt
Einige SAVE Pionierinnen engagieren sich auch am politischen Parkett ihrer Länder, sie haben männliche Machtterritorien für sich beansprucht und treten für Frauenrechte und Gleichstellung ein. Ana Teresa Bernal Montanez ist eine der fünf KommissarInnen der Kolumbianischen Kommission für Reparation und Versöhnung. Sie war eine zentrale Figur in den Verhandlungen zwischen den FARC Rebellen und der Pastrana Regierung, repräsentierte den Nationalen Friedensrat und war die weibliche Stimme, die sich für ein Frauenforum in den bilateralen Dialogen einsetzte. Ana Teresa ist eine energische Anwältin für die alle KolumbianerInnen und ihr Recht auf Frieden, das zeigt sie auch als nationale Koordinatorin für das National Network of Citizens´Initiatives for Peace and Against War und durch die 10 Millionen Stimmen, die sie 1997 in den unverbindlichen Wahlen „Citizen´s Mandate for Peace, Life and Liberty Campaign“ erhielt.
Einige der Teilnehmerinnen haben insofern bereits Geschichte geschrieben, da sie entweder an Wahlen in ihren Ländern teilgenommen haben oder eigene Frauenparteien gegründet haben.
Anis Haroon, die Gründerin der Women´s Division oft he Pakistan People´s Party, die aufgrund von Visaproblemen leider nicht teilnehmen konnte, organisiert Demonstrationen und Märsche, protestierte gegen die Sharia (islamische Gesetzgebung) und mobilisiert Frauen, um an Wahlen teilzunehmen. Sie organisiert die Veranstaltungsreihe „Witness to Violence“, öffentliche und private Treffen von Journalistinnen, Menschenrechtsaktivistinnen, Vertreterinnen von Frauenorganisationen und Frauen, die Angehörige bei Gewalt und Terroranschlägen verloren haben.
Rajaa al Khuzai und Khanim Latif (die ebenfalls aufgrund von Visaproblemen nicht kommen konnte) sind beide Gesichter einer neuen irakischen Politik: Rajaa war eine der ersten drei Frauen in der Übergangsregierung von Paul Bremer und Khanim wurde 2005 als unabhängige Kandidatin für die Nationalversammlung gewählt und engagierte sich für eine 25% Quote für Frauen in den kommenden Legislaturperioden in der Irakischen Nationalversammlung. Rajaa gründete 2005 die Iraqi Widows Organisation. Khanim arbeitet im Norden des Landes als Aktivistin in der Asuda Organisation, eine NGO, die sich gegen Gewalt gegen Frauen einsetzt.
Rola Dashti wurde 2007 als eine der mächtigsten 100 Frauen im arabischen Raum gelistet. Sie ist Präsidentin der Kuwait Economic Society , die erste Frau, die diesen Posten seit 1970 inne hat. Rola hat sich in zahleichen Initiativen und Organisationen für Frauenrechte engagiert und setzte sich 2005 erfolgreich für das Wahlrecht für Frauen ein. Erstmals durften Frauen ihre Stimmen abgeben und sich auch als Kandidatinnen aufstellen lassen; Rula selbst kandidierte bei den historischen Wahlen 2006 und ermutigte auch über die Landesgrenzen hinaus Frauen in Bahrain, Jordanien und Algerien dazu, als Parlamentarierinnen zu kandidieren.
Mediale Vermittlerinnen und Rollenmodelle alternativer Berichterstattung
JournalistInnen spielen oft eine Schlüsselrolle im Übermitteln von Nachrichten oder werden als Mediatorinnen eingesetzt. Besonders muslimische JournalistInnen, die in westlichen Ländern leben und arbeiten, sehen sich oft als mediale Vermittlerinnen zwischen den Fronten.
Necla Kelek, die Soziologin und Autorin von prämierten Büchern wie „Die fremde Braut“ oder „Verlorene Söhne“ ist Mitglied des Deutschen Islamgipfels und setzt sich dafür ein, dass muslimische Mädchen und Buben in Deutschland frei leben können, also kein Kopftuchzwang vor 14.
Güner Balci, Journalistin des ZDF Magazins Frontal 21 , wuchs selbst als „Migrantenkind“ in einem so genannten Berliner Problembezirk auf und engagierte sich früh in Einrichtungen wie dem MaDonna Mädchentreff in Berlin Kreuzberg.
Archana Kapoor, Filmemacherin, Aktivistin, Journalistin und Frauen ohne Grenzen Indien Repräsentantin gründete mit Ihrem Mann ein Medienhaus und gibt das monatliche politische Magazin Hardnews in Delhi heraus. Sie filmte und produzierte mehr als 250 Dokus und gründete 1997 die NGO SMART, die Empowerment und Alphabetisierungsprojekte für Frauen und Mädchen im Norden Indiens realisiert.
Die Türkei gilt als Übergangsland zwischen West und Ost. Ece Temelkuran, eine junge und national wie international anerkannte junge Journalistin schreibt kritische Artikel und Reportage über die Spannungen in ihrem Land, über die Spannungen zwischen den AnhängerInnen des Ultranationalismus und des Islamischen Extremismus und über die Diskussion rund um den EU Beitritt der Türkei.

Ulrike Lunacek, Grüne Spitzenkandidatin zur EP-Wahl 2009, Stv. Klubobfrau, Europa- und Entwicklungspolitiksprecherin sowie für Gleichstellung von Lesben, Schwulen und TransGender-Personen, Abgeordnete zum Nationalrat im Gespräch mit Najma Ahmed Abdi aus Somalia
v.l.n.r.: Najwa Saadeh, Suad Ata, Robi Damelin, Ece Temelkuran, Rola Dashti
v.l.n.r.: Rachel North, Manal Omar, Hasinah Kharbhih, Archana Kapoor, Shaista Gohir

v.l.n.r.: Cindy Corrie, Phyllis Rodriguez, Aicha el Wafi, Olga Alicia Paz, Hadiyah.

Rajaa al Khuzai und Robi Damelin
Archana Kapoor, Hasinah Kharbhih und Rachel North
Irina Scheitz und Azra Dizdarevic, Frauen ohne Grenzen Mitarbeiterinnen
Igo Rogova und Hasinah Kharbhih
Hadiyah und Ece Temelkuran
Hadiya, Rachel und Robi im Gepsärch mit Kurier Journalistin Paulina Szmydke.
Güner Balci und Necla Kelek
Edit Schlaffer und Elisabeth Kasbauer, Frauen ohne Grenzen
Rula Dashti, Rajaa Khuzai und Lily Munir
Beatriz Abril Alregre
Archana Kapoor (rechts) und May de Silva bei der SAVE Konferenz in Wien im November 2008