Aussendungen

Frauen ohne Grenzen SAVE Newsletter, 26. November 2009

Liebe Frauen ohne Grenzen, liebe FreundInnen,


vor genau einem Jahr erfolgte der Terrorangriff auf Bombay, der 166 Menschen das Leben kostete.
Der Terroranschlag auf Bombay (Mumbai) hat wie seine westlichen Gegenstücke ebenfalls ein Symbol der Stadt getroffen. Das Taj Hotel, koloniales Wahrzeichen am Gate von India, das nicht nur das kollektive Gedächtnis, sondern auch die aktuellen Träume der aufstrebenden jungen Generation symbolisiert.

Die Hochzeit im Taj und erfolgreiche Geschäftsabschlüsse, ein Hauch von Bollywood, das war die Bühne für die Elite des Landes und das internationale Publikum. Ein Team von zehn Jihadis, ausgezeichnet trainiert und technologisch hochgerüstet, hat diese Parallelgesellschaft im Land der krassesten sozialen Gegensätze in ihren tiefsten Schichten erschüttert. Es waren junge Männer in ihren Zwanzigern, in legeren Baggy-Hosen, die sich untereinander mit Satellitentelefonen verständigten und mit der Hilfe des Internets ihre Ziele ausgeforscht haben.

Wir haben uns an Terror gewöhnt, aber der Anschlag vom 26.11.2008 war eine Premiere: Es war nicht eine kurze Serie von Explosionen, sondern eine ganze Stadt wurde 60Stunden in Geiselhaft genommen. Die Rauchwolken aus den Fenstern des alten Trakts des Taj Hotels sind das neue Wahrzeichen der Stadt. Die Terroristen haben ihre Blutspur durch ganz Bombay gezogen und ein schnell wechselndes Szenario des Schreckens hinterlassen: Vom zentralen Bahnhof mit seinem unüberschaubaren Chaos von Pendlern haben sie sich durch den Süden der Stadt gearbeitet, über das Oberoi Trident Hotel, das bekannte Leopold Café, das Cama and Albless-Krankenhaus bis zu einem jüdisch orthodoxen Gemeinschaftshaus.

Es kann jeden treffen
Bombay hat eine lange Tradition des Terrors, doch die Anschläge vom 26.11. nahmen gezielt die Mittel- und Oberschicht ins Visier. Die Gäste des eleganten Oberoi Trident Hotels schrieben auf große Papierfetzen „Rettet uns!“ und pressten diesen lautlosen Schrei gegen die Fenster, während ihre Angehörigen und die Journalisten versuchten, mit Ferngläsern die Szenerie zu verfolgen.

Die Bilanz des dreitägigen Horrors: 166 Tote und 108 Verwundete; darüber hinaus auch noch tiefe Verunsicherung. Die Botschaft der Terroristen war: Es kann jeden treffen, es gibt keine Sicherheit.
Wie lückenhaft das nationale Sicherheitsnetz ist, kam schlagartig an die Oberfläche. Die Terroristen hatten sich mit Schnellbooten an die Stadt herangepirscht. Unbemerkt, aber auch nahezu ungehindert konnten sie ihren Terror vor den Augen der Welt inszenieren. Die Inkompetenz des Sicherheitsapparats in einem Land, das die fortgeschrittensten Computersysteme entwickelt hat, ist schlagartig in der Auslage gestanden. Es dauerte über acht Stunden, bis die Kommandos aus Delhi das entfernte Bombay erreichten.

Anlässlich des Jahrestages versuchen die Autoritäten mit einem groß angekündigten Marsch quer durch die Stadt, das neu angeschaffte moderne Equipment öffentlich zur Schau zu stellen. Neue Schnellboote, hochgerüstete Polizeistationen und die neu etablierte Spezialtruppe Force 1 sollen Zuversicht vermitteln. Das ist die eine Seite der Geschichte. Hinter dem Kürzel 26/11 kam im Laufe dieses Jahres ein ganzes Panorama von Mut und persönlicher Tragik zum Vorschein.

Der ermordete Schaffner Sharma hatte in der schicksalshaften Nacht ganze Ströme von Pendlern unter Einsatz seines eigenen Lebens gewarnt. Seiner Witwe ist es gelungen, Arbeit zu finden, um ihre Kinder durch die Schule zu bringen. Sie hat mit ihren Entschädigungszahlungen einen Fonds für die Ärmsten der Überlebenden im Andenken an ihren Mann errichtet.
Ein auffallender Unterschied zu den dramatischen Anschlägen von New York und London ist die Vereinzelung der Opfer. In Amerika haben sich die „Families of September11“ zusammengeschlossen, die eine wichtige Stimme bei der Untersuchungskommission und bei Politikempfehlungen für Terrorbekämpfung haben.

Die Stimmen der Opfer der Anschläge in Bombay haben keine kollektive Botschaft. Sie transportieren immer noch das individuelle Drama und Leiden. Sabira Khan wurde durch ein explodierendes Taxi schwer verletzt und musste acht Monate im Spital bleiben. Die Nerven in ihrem linken Bein sind zerstört, sie muss dringend operiert werden, um eine Amputation zu verhindern. Dafür reicht ihre Entschädigung nicht aus. Es gibt auch kein Geld, um die Töchter zu verheiraten.
Aber es gibt vor allem keinen Druck, um die langsame Bürokratie für sie und andere Opfer zu mobilisieren. Resignation und Wut bestimmen deshalb das Leben von Sabira und vieler anderer Opfer. Sie wollen Kasab, den einzig überlebenden Terroristen, hängen sehen.

Kritisch denken und debattieren
Um vorwärtsblicken zu können, müssen die traumatischen Erlebnisse abgeschlossen werden. Der Ruf, Kasab öffentlich aufzuhängen, scheint für viele der Opfer ein solcher Abschluss zu sein. Der 15-jährige Sohn eines getöteten Polizisten ist die Stimme der jungen Zivilgesellschaft: „Ich will, dass die nächste Generation nicht in die Fallen des radikalen Extremismus gerät.“
Hightech-Equipment für Terrorabwehr ist das Gebot der Stunde, kann aber nur ein Teil der Strategie sein. Die Stimmen der Überlebenden und Opfer müssen die junge Generation erreichen, um sie mit den notwendigen Mitteln auszustatten und so aktiv gegen die Ideologien des radikalen Extremismus auftreten zu können, mit der Fähigkeit, kritisch zu denken und zu debattieren.
Gerade die Abwesenheit von Alternativen ist die Stärke der Jihadis.
(Dieser Gastkommentar von Dr. Edit Schlaffer erschien am 26.11.09 in der Tageszeitung Die Presse)

Frauen ohne Grenzen hat SAVE - Sisters Against Violent Extremism vor einem Jahr gegründet. Die aktuellen SAVE Kampagnen laufen gerade in Jemen und Pakistan an.
Wir freuen uns über den Einsatz von Frauen gegen Terror rund um die Welt.


Mit lieben Grüßen aus Bombay,


Ihre
Edit Schlaffer und das Frauen ohne Grenzen Team

 

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