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23. Oktober 2007

Ed Husain und Edit Schlaffer © Xenia Hausner

Ed Husain im Gespräch mit Edit Schlaffer

Ed Husain in Moschee © F Guidicini

Ed Husain © Ed Husain

Ed Husain

Ein Mann, zwei Kulturen. Ein britscher Islamist steigt aus.

Einst hing Ed Husain an den Lippen der Radikalen. Jetzt ist der Bestsellerautor ein Berater gegen den Terrorismus.

Von Edit Schlaffer

Vom beinahe-Jihadisten zum Doktoranden an einer englischen Eliteuniversität, das ist der Lebensweg des 32-jährigen britischen Vorzeige-Muslims Ed Husain. In seinem Bestseller The Islamist beschreibt er, warum er sich dem radikalen britischen Islam anschloss, was er dort sah und warum er umkehrte.

Am vereinbarten Treffpunkt einer U-Bahnstation mitten in der Londoner City steht Ed, ein typischer englischer Gentlemen, in Tweed Sakko und Khaki Hose, glatt rasiert und begrüßt mich mit einem warmen Händedruck. Er schlägt ein kleines italienisches Restaurant für unser Gespräch vor.

Schwer vorstellbar, dass das derselbe Ed sein soll, der als Teenager gläubiger Anhänger fundamentalistischer Gruppen war. Aber damals war er ja noch der hitzköpfige Jugendliche Mohammed, unterwegs zur islamischen Weltrevolution.
Was den Sohn aus einer wohlbehüteten indischen Mittelschichtfamilie der zweiten Generation dazu getrieben hat? Genau diese Frage gibt den Terrorabwehrstrategen weltweit das größte Rätsel auf. Was bringt die vielen jungen Mohammeds mitten in Europa dazu, sich in den Sog radikaler Gruppierungen zu begeben?

Ed erzählt seine persönliche Reise in den Jihad: „Für mich war die Schule der Ausgangspunkt. Ich habe plötzlich realisiert, dass ich zwar in London lebte, aber in Wirklichkeit war das ein Außenposten Indiens. Mir wurde schlagartig klar, dass ich keine weißen, nicht-muslimischen Freunde hatte, auch keine Kontakte zu Mädchen, es war eine völlig männerdominierte Welt, in der ich aufwuchs.“
In diese Lebensphase fiel der Bosnien-Schock“, erzählt er weiter. „In den TV-Nachrichten erlebte ich, wie tausende blauäugige weiße Bosnier von Serben abtransportiert wurden. Ihr einziges Vergehen: sie waren Muslime

Die Extremisten aus dem Nahen Osten haben diese Ereignisse für ihre Propaganda benützt. Sie haben die jungen Muslime verunsichert und gesagt: „Schaut euch das an, glaubt ihr wirklich, ihr seid Engländer, glaubt ihr wirklich ihr gehört hierher? Damit kann es schnell vorbei sein.“
Dieses Argument hat bei Ed gegriffen. Zunehmend hatte er das Gefühl, dass Muslime nicht Teil der Gesellschaft sind, im Westen nicht sicher sind. „Eine Stunde vom Heathrow Airport entfernt kann man sich schnell auf der anderen Seite wieder finden. Auf der persönlichen Ebene fühlte ich mich total von der Mainstream-Gesellschaft abgeschnitten.“

In seinem Buch zitiert er ein östliches Sprichwort: „Das Umfeld eines jungen Burschen wird sein Schicksal bestimmen.“ Und genau das passierte ihm.
Er verbringt mehr Zeit in den Moscheen East Londons als in der Schule. Er schleicht sich nachts aus dem Haus, um sich gegen den Willen seines Vaters an religiösen propaganda-orientierten Unterweisungen zu beteiligen und wird bald zum Schrecken der englischen Autoritäten.

Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich tatsächlich im islamistischen Netzwerk integriert war. Ich habe islamistische Texte gelesen, mit verhängnisvollen Botschaften, die ich in der Schulbibliothek gefunden habe. Dort sind sie sicher immer noch“.

Er hängt an den Lippen der Radikalen wie Omar Bakri, liest Sayyid Qutb, der Osama Bin Laden´s Mentor war, und landet schließlich bei der militanten Gruppe Hizb up-Tahrir, für die Demokratie unakzeptabel ist. Der wahre Islamist sollte für das globale Kaliphat, den islamischen Staat, kämpfen.
Seine Weggefährten „verschwinden“ für „Trainings“ in arabische Länder. Auch Ed ist fasziniert von der Vision einer neuen islamischen Weltordnung.
Mit missionarischem Eifer verteilt er Flugblätter an den bekanntesten Universitäten Englands, die typischen Rekrutierungsorte der Islamisten. Er hält idealistische Reden, rebelliert gegen Eltern und Autoritäten. Diese Mechanismen sind uns noch vertraut aus der Studentenbewegung der 70er Jahre.
Seine Mitkämpfer sind eine bunte Gruppe: ein Arzt aus dem Royal London Hospital, ein GP Morgan Banker, ein Stadtplaner.

Hätte es in dieser Phase noch einen Wendepunkt geben können? War er manchmal nicht unschlüssig?
Ich habe mich nicht von einem Tag zum anderen entschlossen: ich schreibe mich heute in einer Terrorgruppe ein. Und es hätte sicher andere Möglichkeiten für uns alle geben können, wenn die Politik mit uns geredet hätte. Ihr größter Fehler war, das zu unterlassen.“
Was genau hätte die Politik tun können?
Das Problem war, und es besteht immer noch, dass sie einfach nicht mit der jungen muslimischen Generation kommuniziert. So erschien es mir und vielen anderen damals logisch, den Weg in den Extremismus einzuschlagen.“

Ed beschreibt ausführlich das unglaubliche Gefühl der Zugehörigkeit, das ihm auf seiner Reise durch viele islamistische Jugendgruppen begegnete. „Das können sich Menschen aus dem Westen nicht vorstellen, zu deren dringendster Frage sicher nicht gehört: Wer sind wir eigentlich?“
Ed fühlte sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Botschaften, der dominanten westlichen Kultur, den asiatischen Einflüssen und dem Islam völlig zerrissen.
Wie genau schaffe ich es, meinen Platz in der Welt zu definieren? Und dann kommen diese Gruppen mit ihrem Schwarz-Weiß-Verständnis von Identität, das völlig elitär und geheimnisvoll ist. Ich war zu diesem Zeitpunkt 18 und habe gerade zu studieren begonnen, es hat sofort geklickt“.

Die Suche nach dem wahren Islam war die treibende Kraft für Ed. Er beschreibt eindringlich den Unterschied zwischen muslimischem und westlichem Denken. Und er ist überzeugt, dass die liberalen aufgeklärten Denker Europas die Macht Gottes nicht verstehen. Gott sei im innersten des durchschnittlichen Muslims fest verankert.

Welche Rolle spielen Frauen in diesem Szenario? Ed war immer von Männern umgeben.
Beflügelt sexuelle Frustration den revolutionären Kampfgeist nicht auch noch zusätzlich?
Meine ganze frühe Jugend habe ich erzählt bekommen, vorehelichen Sex und Alkohol gibt es für uns Muslime nicht. Dann bin ich plötzlich an der Universität und genau das war ständig um mich, aber ich durfte auf keinen Fall mitmachen. Was tun? Ich und meine Freunde sind in den Gebetsraum am Campus ausgewichen, das ist der Ort, wo die islamistischen Gruppierungen ihre Anhänger rekrutieren. Und schlagartig war ich vom gesamten Universitätsgeschehen abgeschnitten“.
Ed konnte die freizügigen Vergnügungen seiner Mitstudenten nicht teilen, stattdessen hat er seine muslimischen Kolleginnen kontrolliert, ob sie auch züchtig verhüllt sind und den Hijab tragen.

Es hat Jahre gedauert, bis sich Ed aus all diesen Verstrickungen gelöst hat. Mitbestimmend für seine Umkehr war, dass er sich in Faye verliebte, eine kluge junge Frau, mit der er auf der Suche nach dem wahren Islam bis nach Saudi Arabien reiste. Heute ist Ed zum Sufismus seines Vaters zurückgekehrt. Er ist ein gläubiger Muslim, selbst junger Vater und von einer neuen Vision erfüllt: die britische und muslimische Identität miteinander zu versöhnen, sich für Toleranz und Pluralität einzusetzen.

Buchtipp: Ed Husain: The Islamist. Penguin, 2007.

Der Artikel erschien am 14. Oktober 2007 im Kurier.

 
 

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