05. September 2007
First Lady Shadya Karume mit Edit Schlaffer und Claudia von Monbart (Weltbank) im Kreise ihrer Mitarbeiterinnen
Das Treffen mit Sansibars Präsidenten Karume
Bernadette Kinabo, die stellvertretende Bürgermeisterin von Moshi
Edit Schlaffer im Gespräch mit First Lady Shadya Karume
Afrika wird der Prüfstein für die Erreichung der Millenniumsziele. Weltweit ist Afrika auf der Agenda. Von der Weltbank bis Bill Gates, von Angela Merkel bis Bill Clinton, der Tross der internationalen Akteure hat den Blick auf Afrika gelenkt.
Ein Bericht von Edit Schlaffer
Bono und die internationale Popszene schlagen Hoffnungstöne an, sie singen gegen Korruption, Malaria, Aids und Armut.
Vor 30 Jahren bin ich mit dem Rucksack quer durch Tansania gereist. Tansania, das ist die Weite der Serengetti, das ist der majestätische Kilimanjaro und das ist das arabisch angehauchte romantische Inselparadies Sansibar. Die Besteigung des Kilimanjaro ist eine der großen Touristenattraktionen und Einnahmequellen des Landes. Der Aufstieg erfordert keine großartigen bergsteigerischen Qualitäten, sondern eine ganz bestimmte sorgfältig zusammengestellte Ausrüstung: Entschlossenheit, Ausdauer und Durchhaltevermögen und vor allem der Glaube an das Erreichen des Gipfels, der Uhuru heißt, was auf Swahili soviel bedeutet wie Freiheit. Und genau das braucht Afrika heute: Freiheit von Armut und Krankheit. Die Route ist anstrengend, aber klar vorgezeichnet: eine gute Regierungsform, Bildung und Ausbildung und Einbeziehung der Frauen in den wirtschaftlichen Aufbau.
Diesmal kehre ich mit einer Journalistendelegation der Weltbank nach Tanzania zurück. Der Kilimanjaro ist nach wie vor prachtvoll, die Schneedecke aber sichtbar dezimiert. Moshi, die strategisch wichtige Stadt im Norden liegt inmitten von Kaffeeplantagen. Die Kaffeepreise sind in den letzten Jahren drastisch gefallen mit einschneidenden Konsequenzen für die Region: die Kaffeestauden wurden nicht kultiviert, die jungen Männer sind aus der Region abgewandert, aber Bernadette Kinabo, die stellvertretende Bürgermeisterin ist optimistisch: „Wir haben die Zeit der Verzweiflung hinter uns, ich sehe überall Hoffnung, wenn ich mich hier umblicke.“
Die Politik der Liberalisierung hat ein neues Wirtschaften in Tanzania eingeleitet. Das sozialistische Experiment Nyereres ist Vergangenheit. Die Kaffeekooperativen basieren auf Konkurrenz und setzen auf Qualität und ein höheres Preisniveau, was mittlerweile ein Abkommen mit Starbucks einbrachte. Nischenmärkte wie Spezialkaffees werden ebenfalls bedient. Das Land ist gerade dabei, sich neben den Weltmarktführern Kolumbien und Kenia als Spitzenkaffeeproduzent zu etablieren. Frauen spielen eine immer wichtigere Rolle im Kaffeebusiness, früher waren sie nur für den weniger lukrativen Bananenanbau zuständig. Marcelina Isaac zeigt uns stolz ihre kleine Kooperative von 12 Kaffeebauern, der sie vorsteht. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben, ihre sieben Kinder sind erwachsen, ein Sohn studiert Medizin in Nairobi.
Tansania hat keine nennenswerten Bodenschätze oder Industrie. Ackerbau ist die Grundlage der Wirtschaft und macht ungefähr die Hälfte des nationalen Einkommens aus. Die Farmen sind klein, oft unter einem Hektar und maximal bis drei Hektar. Nur 10% der Landwirtschaft wird durch Traktoren unterstützt, 20% durch Ochsen, der Rest ist Handarbeit mit Harke. Die mangelnde Technologie und ausgedehnten Dürreperioden sind konstante Rückschläge beim Versuch, die Landwirtschaft gewinnbringend aufzuziehen.
Gezielte Bewässerung wäre ein zentraler Schlüssel für eine stabile landwirtschaftliche Produktion, von der die Gewährleistung der landesweiten Nahrungsmittelversorgung abhängt. Die Landwirtschaft ist ein hartes Geschäft und ist zu einem großen Teil in weiblichen Händen. Die Regierung setzt in ihren Strategien zur Armutsreduzierung auf den landwirtschaftlichen Sektor, dessen Effizienz und Erfolg eng verknüpft ist mit Infrastruktur wie Straßenbau, Ausbau des Kreditwesens und Bekämpfung der Korruption auf lokaler Ebene.
Der Ausbau des Humankapitals ist die große Herausforderung für die Zukunft des Landes und eine Top-Priorität der Regierung. Die Bildungsministerin spricht offen über die drastischen Probleme: es haben zwar alle Kinder ein Recht auf freie Grundschulausbildung, aber die Qualitäts-Sicherung ist kritisch. Die Klassen sind überfüllt, selbst in der Grundschule sind die Dropout-Raten hoch, und nur ein Bruchteil steigt in weiterführende Schulen auf.
Die Ministerin hat eine große Kampagne gestartet, um den Trend aufzuhalten, dass vor allem Mädchen in so hohen Zahlen die Schule abbrechen. Die Ursachen liegen auf der Hand: die Mädchen werden früh schwanger, sehr oft ungewollt.
Lange Schulwege sind nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Vergewaltigung von Schulmädchen ist ein Tabu, das ganz entschlossen von den beiden weiblichen Ministerinnen für Gleichstellung und für Bildung durch Aufklärungskampagnen und gesetzliche Maßnahmen in Angriff genommen wird. Präsident Jakaya Kikwete hat im Juni dieses Jahres sogar die Öffentlichkeit aufgerufen, Vergewaltiger den Behörden zu melden. In einer Versammlung im Distrikt Mpanda fand der Präsident deutliche Worte: „Manche Mädchen werden bereits mit 11 Jahren schwanger, das ist einfach absurd.“
Die weite Verbreitung von Teenagerehen und Kinderarbeit produzieren die ansteigenden Schulabbrüche, die heuer auf 45.000 angestiegen sind, um insgesamt 13.000 landesweit innerhalb eines Jahres. Lokale Frauenorganisationen wie das engagierte Tanzania Medienfrauennetzwerk machen energisch Lobbying für die Hinaufsetzung des Heiratsalters von derzeit 14 auf 18 Jahre.
Selbst wenn Kinder im Schulsystem bleiben, ist dieses von nachhaltigen Defiziten durchsetzt. Der Mangel an kompetenten LehrerInnen führt dazu, dass die anfängliche Begeisterung und Motivation der Kinder für den Schulbesuch in Langeweile und Leistungsverweigerung umschlägt. LehrerInnenausbildung müsste eine Priorität sein. Besonders in Mathematik und Naturwissenschaft sind die Ergebnisse messbar schlecht.
Die Ministerin fragt ganz spontan: „Kann uns Österreich nicht qualifizierte LehrerInnen schicken, wir brauchen alles, einfach alles, Mathematik, Chemie, IT und vor allem Englisch. Selbst wenn sie selber noch Studierende sind, würde uns das schon unendlich helfen.“ Dazu kommt noch ein spezielles Problem: viele Lehrkräfte erkranken und sterben jedes Jahr an Aids.
Frauen haben in der Regierung ein deutliches Profil, Schlüsselpositionen wie das Finanzministerium sind weiblich besetzt. Im Büro der ständigen Gender Direktorin folge ich erstaunt der Aufzählung der Forderungen und geplanten Maßnahmen von Direktorin Mariam Mwafflissi, die einem skandinavischen Aktionsplan Ehre machen würde: In allen Ministerien soll es Beauftragte für spezielle Berücksichtigung von Frauenschwerpunkten geben. Das dringlichste sei ein gendersensibles Budget, um zu gewährleisten, dass entsprechende Finanzierungen auch Frauen zufließen, damit sie wirtschaftlich aktiv werden können.
Marian sieht die ökonomische Rolle der Frauen als zukunftsweisend für den Erfolg ihres Landes: „Wenn Männer Geld zur Verfügung haben, verwenden sie es, um sich eine neue Frau zu nehmen. Frauen hingegen verwenden grundsätzlich all ihr Geld für die Familie und Gemeinschaft.“
Sie versucht auf ihren Reisen in die entlegenen Provinzen die Menschen zu motivieren, ihre Mädchen auszubilden. „Ich sage immer, schaut mich an, ich komme vom Land, meine Familie war nicht wohlhabend, aber ich bin wo ich heute bin, weil ich etwas gelernt habe."
Der gesamte Bildungs-Sektor ist von ausländischer Förderung abhängig, auch für die internationale Gemeinschaft die zielführendste Investition in die Partnerschaft mit Afrika.
Sansibar und die noch kleinere Insel Pemba, Teil der Republik Tanganjika mit eigener Regierung, sind ein Juwel im indischen Ozean, das Assoziationen an omanische Seefahrer und Gewürznelken weckt. Stonetown, die Hauptstadt, ist 20 Flugminuten vom Festland entfernt. Die kurze Fahrt vom Flughafen in die Stadt ist ein abrupter Einstieg in die Probleme. Müll und Abfall überall, Plattenbauten á la DDR erinnern an die sozialistische Vergangenheit. Die Stadt ist geziert von prachtvollen Gebäuden, kunstvoll geschnitzten Eingangsportalen, allerdings halbzerfallen mit der Aura von Vergänglichkeit überdeckt. Das UNESCO Weltkulturerbe-Siegel wird den Untergang dieses Kleinods vielleicht aufhalten, unter der Voraussetzung, dass auch entsprechend Geld in das Projekt gepumpt wird.
Auf einer Fläche von 2460 Quadratkilometern leben 1 Million Sansibaris, die zu 98% muslimisch sind. Amani Karume wurde nach einer turbulenten Wahlkampagne, die 23 Tote forderte, Präsident der Insel. Er ist damit in sein Elternhaus zurückgekehrt, vom weiß gestrichenen palmengesäumten kleinen Palast am Strand aus hat schon sein Vater die Insel regiert.
In einer Gesprächsrunde frage ich ihn, ob seiner Einschätzung nach islamische Fundamentalisten Einfluss haben oder anstreben. Die Weltbank stuft Tanzania und Sansibar als eines der stabilsten Länder in Afrika ein. Karume erwidert ganz spontan: „Sansibar ist ein säkularer Staat, war immer säkular und solange ich Präsident bin, wird es auch dabei bleiben.“ Ich frage ihn, was er für die Frauen Sansibars tut. Darauf reagiert er mit einem charmanten Lächeln: „Meine Auskünfte werden Sie vielleicht nicht zufrieden stellen, am besten sie unterhalten sich morgen Vormittag mit der First Lady darüber.“
Er hat nicht zuviel versprochen. Shadya Amani Karume ist nicht nur Gattin, sondern auch Aktivistin und Vorsitzende der führenden Frauenorganisation Zayedesa. Sie redet ohne Umschweife über Gewalt in der Ehe, Drogenmissbrauch, Prostitution und Aids: „Unsere Jugend hat viele Probleme, sie ist rastlos und irgendwie aus der Bahn geworfen.“
Der Grund liegt auf der Hand. Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Ausbildungsmöglichkeiten und damit keine Zukunft. Sansibar hätte die besten Voraussetzungen, ein Best- Practice-Beispiel für gelungene Entwicklung zu werden. Das Land ist fruchtbar, überschaubar, alles wächst, aber alles wird importiert, von Salat bis Hotelpersonal. Das Festland stellt die gesamte Infrastruktur zur Verfügung und die jungen Menschen verlassen die Insel oder leben unter der Armutsgrenze.
Frau Karume entwickelt eine überzeugende Vision: „Wir haben fantastische Strände, ein einmaliges kulturelles Erbe. Wenn wir unseren Tourismus vorsichtig entwickeln, den Massenansturm, der mehr zerstört als einbringt, hintanhalten, die Landwirtschaft auf die Bedürfnisse der Hotels ausrichten und damit auch autark werden, haben wir die Zukunft gewonnen.“
Die Sonne könnte für alternative Energien genutzt werden, die Jugend in umweltfreundlichen Anbaumethoden ausgebildet, der Abfall, der sich auf der Insel türmt, professionell verwertet und eingesetzt werden und die lokalen Märkte eventuell soweit ausgebaut werden, dass sie mit alternativen Produkten sogar das Festland beliefern könnten. Sansibar wäre damit eine schwimmende Insel der Hoffnung und ein Beispiel für Erfolg Made in Afrika - powered by…?
Genau das ist das fehlende Mosaiksteinchen: die Kooperations- und Investitionsbereitschaft aus der ersten Welt. Auch Österreich ist gefragt.
Der Artikel erschien am 6. September 2007 in der Wochenzeitung Die Furche.