10. Juli 2007
Nayereh Tohidi im Gespräch im Kunsthaus Wien
Dr. Jaleh Lackner, Frauen ohne Grenzen Teammember und Dr. Tohidi


Eine Gesprächsrunde mit Dr. Nayereh Tohidi
Während ihres Aufenthalts in Wien Anfang Juli hatte Frauen ohne Grenzen die Gelegenheit, Dr. Nayereh Tohidi gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von JournalistInnen zu treffen und über die Situation im Iran zu sprechen:
Wie schätzt sie die junge Generation ein? Sind sie die treibende Kraft, werden sie etwas bewegen? Inwiefern beeinflusst die Festnahme Haleh Esfandiaris auch ihr Leben?
Nahereh Tohidi ist Professorin am Women´s Studies Department an der California State University. Sie ist Expertin für Gender, Islam und Demokratie in Muslimischen Gesellschaften und arbeitete als Beraterin für internationale Organisationen wie UNDP, UNICEF, ILO etc für Projekte zu Frauen, Identität, Gender und Entwicklung im Mittleren Osten und dem Postsowjetischen Eurasien.
Die Zukunft…
Ich bin eine hoffnungslose Optimistin. Ich denke immer positiv, auch wenn das in letzter Zeit nicht wirklich einfach ist; nicht nur aufgrund der derzeitigen Situation im Iran, sondern wegen der Entwicklungen in der gesamten Region, weltweit. Die Politik der USA wird lang anhaltende negative Auswirkungen haben, die uns alle betreffen werden.
Die junge Generation…
Für mich sind die Frauen, vor allem die jungen, die Haupt-Agentinnen für einen Umschwung im Iran. Sie haben diese Funktion jetzt schon, denn die jungen Frauen haben bereits tief greifende soziale Veränderungen bewirkt – in Bezug auf Gender, Sexualität, Einstellungen, in Bezug auf Heirat und auf die Sichtbarkeit von Frauen in der Gesellschaft.
Die Iranerinnen sind nicht die unterwürfigen, ergebenen Frauen, die nur Opfer sind, so wie viele Leute das im Westen wahrnehmen. Sie sind stark. Sie sind selbstbewusst, viele von ihnen zumindest. Sie melden sich zu Wort, sie fordern ihre Rechte.
Die junge Generation ist sehr pragmatisch, materialistisch, ähnlich wie die Jugendlichen in vielen westlichen Gesellschaften. Sie wollen handfeste Ergebnisse sehen. Sie sind nicht so idealistisch wie wir es waren, ihre Ziele und Errungenschaften wollen sie sofort sehen, sie planen nicht so langfristig.
Zeiten der Veränderung…
Zur Zeit findet ein eigenartiger Veränderungsprozess im Iran statt; die Menschen sind in gewisser Art und Weise demoralisiert, auch die jüngeren und die StudentInnen; demoralisiert in Bezug auf ihre Ideale, Leadership und die politische Agenda. Und auf der anderen Seite sind sie viel bestimmter, nachdrücklicher in dem, was sie wollen. Sie wissen ganz genau was sie wollen, und was sie nicht wollen.
Eines wollen sie zumindest: Menschenrechte, persönliche Freiheit, soziale Freiheit und bessere Lebensbedingungen.
Haleh Esfandiari…
Ich scheue mich im Moment davor, in den Iran zu reisen. Ich habe mit Haleh zusammengearbeitet. Viele von uns, vor allem diejenigen, die sich für Menschen- und Frauenrechte engagieren und die als pro-demokratische ProfessorInnen bekannt sind, haben ihre Lektion bekommen. Das war ja auch ein Grund, warum Haleh und andere verhaftet wurden, sie sagen zu Leuten wie uns: „Kommt nicht her“, und zu denen im Iran „Geht nicht weg“. Damit wollen sie jegliche internationale und transnationale Dialoge und den Kontakt unter uns verhindern.
Haleh Esfanidari hat immer versucht, derartige Dialoge ins Leben zu rufen und das war wirklich ein Beitrag zum Demokratisierungsprojezess – die Möglichkeit für Intellektuelle, voneinander zu lernen, Ideen auszutauschen.
Frau Esfandiari reiste mehrmals im Jahr in den Iran, ohne Probleme. Wir haben ihr immer gesagt, sie soll aufpassen. Ihre Mutter ist Wienerin, lebt aber im Iran und sie besuchte sie zumindest zweimal im Jahr. Und im Zuge dieser Reisen traf sie auch immer Menschen, die sie für ihre Seminare und Diskussionen einladen könnte. Und so dachten wir „Vielleicht trauen sie sich einfach nicht, jemandem wie Haleh nahe zu kommen. Vielleicht haben sie begriffen, dass sie nicht militant ist, keine Verschwörerin oder ähnliches.“
Dr. Haleh Esfandiari ist iranisch-amerikanische Staatsbürgerin. Die 67jährige lebt seit 25 Jahren in den USA und ist Direktorin des Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington DC. Die Expertin für Frauenagenden im Mittleren Osten und Iran war am 30. Dezember 2006 auf dem Weg zum Teheraner Flughafen, als sie von maskierten und bewaffneten Männern aufgehalten wurde und ihr das Gepäck sowie beide Pässe gestohlen wurden. Als sie ihren Pass nachmachen lassen wollte, wurde sie zum Verhör zum Intelligence Ministry geschickt, vier Monate lang unter Hausarrest gestellt und ständig verhört.
Am 8. Mai wurde sie von Sicherheitskräften in das Evin Gefängnis gebracht, obwohl sie nicht formell irgendeines Verbrechens angeklagt war. Das Evin Gefängnis ist berüchtigt für seinen rauen Umgang mit politisch Gefangenen; 2003 wurde die iranisch-kanadische Fotojournalistin Zahra Kazemi während ihres Verhörs getötet.
Die Festnahme von Dr. Esfandiari wurde weltweit verurteilt –von der Washington Post, der Los Angeles Times, der International Herald Tribune und Human Rights Watch. Esfandiaris FreundInnen aus aller Welt fürchten um ihre Gesundheit und Sicherheit und rufen die iranische Regierung dazu auf, Haleh freizulassen.
Der American Islamic Congress hat gemeinsam mit dem Ibn Khaldoun Center in Kairo, der Initiative für Inclusive Security in Washington, Freedom House und der Kuwaiti Economic Society die “Free Haleh” Kampagne ins Leben gerufen.
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Eine Million Unterschriften um diskriminierende Gesetze zu ändern
Iranische Frauen aller Altersstufen, Berufsgruppen und unterschiedlicher Denkschulen und Schichten haben diese einmalige Aktion im August 2006 ins Leben gerufen. Sie fordern das Ende der Frauen diskriminierenden Gesetze im iranischen Recht.
Die Petition ist die größte Frauenkampagne, die es im Iran jemals gegeben hat. Zehntausende haben bereits unterzeichnet.
Im nächsten Sommer soll die 1 Millionen – Grenze überschritten und die Petition dem Parlament vorgelegt werden.
Die Webseite mit Informationen und der Möglichkeit zur online-Unterschrift: www.we-change.org