
02. Mai 2007

v.l.n.r.: 1. Reihe: Reem Aljarbou, Irene Montjoye, Rania al Baz
2. Reihe: Aicha el Wafi, Anita Pratap, Xenia Hausner
hinten: Hiba Othman, Elisabeth Kasbauer, Edit Schlaffer

Aicha el Wafi und Phyllis Rodriguez

Frauen gegen Terror - Matinee für eine Kultur des Friedens in einem Klima der Angst. 22. April 2007 im Theater in der Josefstadt
Terror ist Teil unseres Lebens geworden – von den Bomben in Afghanistan und im Irak, über die Anschläge auf die Züge in Europa, bis zum täglichen Horror, den wir in den Nachrichten sehen. Provoziert durch Gewalt und verstärkt durch Rhetorik leben wir in einem Klima der Angst.
Hardware alleine ist keine Lösung. Auch militärische Muskelkraft bringt keine positiven Ergebnisse. Frauen, nicht Armeen sind die Agentinnen für Veränderung. Frauen glauben an die Macht von Soft Power: Zuhören, anhaltende Verhandlungen und Dialog. Wir sind nicht einfach nur ZuschauerInnen, wir alle sind AkteurInnen in unseren Gesellschaften. Wir müssen endlich aufwachen und aktiv werden!
(Edit Schlaffer)
Am Podium sprachen und diskutierten:
Aicha el Wafi, Französin marokkanischer Herkunft, Mutter von Zacarias Moussaoui, der angeklagte 20. Luftpirat der Anschläge vom 9. September 2001. In ihrem Buch „Mon fils perdu“ (Mein verlorener Sohn) verarbeitete sie ihre Erlebnisse. Nachdem ihr Sohn festgenommen worden war und in den USA vor Gericht stand, beschloss Aicha, Kontakt zu Familienangehörigen von 9/11-Opfern aufzunehmen:
Mein Sohn wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, weil die amerikanische Regierung einen Sündenbock braucht, jemanden, den sie für den 11. Septmeber verantwortlich machen können.
Ich habe meinen Sohn immer auf dem richtigen Weg geführt. Er hat das Elternhaus mit 22 Jahren verlassen und ist dann in Kontakt mit extremistischen Gruppen gekommen, Menschen, die nach Macht und Herrschaft suchen.
All die Aussagen, die mein Sohn vor Gericht getätigt hat, haben mich unglaublich geschmerzt, und nicht nur mich, sondern auch die Eltern der Opfer, die ihre Liebsten verloren haben. Meine Rolle im Kampf gegen Terrorismus ist es, mit den jungen Menschen zu sprechen. Ich muss die Chance haben, ihnen von der Falle zu erzählen, in die mein Sohn getappt ist.
Als ich Phyllis zum ersten Mal gesehen habe, sah ich eine verletze Mutter, die durch den Tod ihres Sohnes aus dem Gleichgewicht geriet. Wir sind zwei Mütter, die zusammen geweint haben und die sich gegenseitig getröstet haben. Und ich danke Phyllis für den Mut und die Liebenswürdigkeit mir gegenüber.
Phyllis Rodriguez, jüdische US Amerikanerin, Lehrerin und Künstlerin und Aicha el Wafi verbindet eine tiefe Freundschaft, eine Freundschaft ohne Grenzen, die ein einzigartiges Beispiel dafür ist, Grenzen zu überwinden und Raum für Frieden zu schaffen. Phyllis Sohn Greg kam bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben. „Nicht im Namen meines Sohnes“ lautet ihr politisches Credo:
Meine Freundschaft mit Aicha ist gar nicht so ungewöhnlich, wie die meisten Menschen denken. Ich habe durch diese Verbindung sehr viel gelernt. Ich habe gelernt, dass es weltweit unglaublich viele Menschen gibt, die die Kluft zwischen sich selbst und jenen, die als „die anderen“ oder „der Feind“ wahrgenommen werden, überwunden haben. Als Zacarias Moussaoui wegen seiner mutmaßlichen terroristischen Verbindungen festgenommen und verurteilt wurde, wusste ich nicht, ob er schuldig oder unschuldig war. Aber als meine Regierung beschloss, die Todesstrafe für ihn zu beantragen, wusste ich, ich muss etwas tun. Ich wusste nur noch nicht was.
Mein Ehemann, meine Familie und ich, wir waren durch den Tod unseres Sohnes am Boden zerstört. Aber trotzdem, als ich Aicha im Fernsehen sah, wusste ich, dass ich sie eines Tages treffen möchte. Ich wollte ihr, von Mutter zu Mutter, mein Mitgefühl zeigen. Das erste Treffen war wunderbar und sehr emotional. Als Greg ums Leben kam, dachte ich, ich könnte den Mördern nie vergeben. Mittlerweile weiß ich, dass Vergeben mehr als nur ein Wort ist, es ist ein Prozess.
Die Möglichkeit, mit Aicha zu sprechen, hat mir unglaublich geholfen und mich nicht verbittern lassen.
Anita Pratap, preisgekrönte Journalistin aus Indien, war die erste weibliche CNN Anchor in Südostasien und berichtete über Krieg und Terror aus aller Welt: die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan, Kämpfe und Rebellenaufstände in Indien, Pakistan und Kaschmir:
Weltweit sind die Menschen von Terror betroffen – in Amerika, Europa, Lateinamerika, im Nahen und Mittleren Osten, in Asien. 30 Jahre lang über Krieg und Terror zu berichten, hat mich eines gelehrt: die Konflikte können variieren, aber die Situationen können sehr ähnlich sein, weil die Emotionen der Menschen sehr ähnlich sind. Die Angst, der Kummer, die Hoffnungen und Wünsche der Opfer sind dieselben. Genauso wie die Wut und der Hass der Täter ähnlich sind. Konflikte sind unvermeidbar, wichtig ist jedoch, wie wir mit Konflikten umgehen. Konflikte können auch positive Auswirkungen haben. Versöhnung, Hoffnung, Frieden mit sich selbst und „den anderen“ schließen.
Hiba Othman, Friedensaktivistin und Universitätsprofessorin für Mathematik lebt und arbeitet in Beirut. Die Repräsentantin der World Safety Organisation (WSO) wuchs in einem Klima der Angst auf, Krieg und Terror begleiten sie seit ihrer Kindheit:
Ich habe meine Geburtstage als Kind immer in irgendwelchen Verstecken gefeiert. Und das Happy Birthday meiner Familie war von Raketen und Bomben begleitet.
Am meisten Bedeutung in Kriegszeiten hat Zeit. Die Zeit vergeht und du hoffst, zu überleben. Ein Tag ist nicht ein Tag wie man das kennt, sondern ein Warten. Warten, dass die Angriffe aufhören, warten dass es finster wird.
Ich glaube an die Konzepte von Versöhnung und Friedenserziehung, an Curricula, die einen fixen Platz in der Erziehung haben. Ich habe letztens ein Buch gelesen „All I need to learn, I learned in Kindergarten“; wenn man schon in diesem Alter mit Friedenserziehung anfangen würde, das Lernen ausbauen würde bis zur Universität – Versöhnung, Konfliktlösung, Menschenrechte, Akzeptanz und Toleranz - dann wäre unsere Welt ein besserer Ort.
Ebenfalls aus dem Libanon, die Journalistin Zeinab al Saffar. Sie moderiert das englischsprachige Fernsehprogramm „In their Eyes“ auf Al Manar TV, dem Medienkanal der Hisbollah:
Ich berichtete über den Krieg vergangenen Juli im Fernsehen. Eines Tages schlugen die Bomben direkt neben dem Fernsehstudio ein; ich sollte live berichten und ich dachte nur: Bitte bitte, lasst mich nicht alleine im Studio zurück. Ich bin im Studio geblieben, ich habe berichtet, habe meine Job erledigt, obwohl daneben die Raketen eingeschlagen haben. Das hat mir Kraft gegeben. Denn das war ein Versuch, uns zum Schweigen zu bringen, uns die Möglichkeit zu nehmen, die Leute darüber zu informieren, was vor sich geht. Das ist Terror. Ich bin hier, um zu zeigen, dass Terror uns nicht zum Schweigen bringt.
Rania al Baz ist eine der bekanntesten und wenigen weiblichen Fernsehsprecherinnen Saudi Arabiens; berühmt wurde sie aufgrund einer schrecklichen Geschichte: Ihr Ehemann hat sie so brutal geschlagen, dass ihr Gesicht in unzähligen Operationen wieder hergestellt werden musste. Rania al Baz ging an die Öffentlichkeit und zeigte der Welt, dass Terror täglich auch zu Hause stattfindet:
Die Art von Terror, die ich erlebt habe, war weder an Religion, noch an Staaten oder anderes gebunden, mich hat mein Ehemann so misshandelt, dass ich entstellt war, dass mein Gesicht durch zahlreiche Operationen wieder hergestellt werden musste. Aber wichtiger als das, was war, ist, wer ich heute bin. Ich bin eine Saudi Arabische Frau, die glücklich ist. Ich habe eine neue Heimat gefunden, einen Job als Journalistin und ich habe das Sorgerecht für meine Kinder.
Terrorismus hat viele Gesichter: häusliche Gewalt ist Terrorismus, politische Gewalt ist Terrorismus, das Töten unschuldiger Menschen ist Terrorismus.
Ich wünsche mir, dass mir heute alle in die Augen schauen, sehen, dass ich es geschafft habe und ich hoffe, dass viele Menschen von mir lernen können.
Wir danken Direktor Herbert Föttinger dafür, dass wir die Matinee im Theater in der Josefstadt organisieren konnten: „Ich bin richtig berührt, dass diese Veranstaltung, dass dieser Beginn einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen nicht in einem Kongresszentrum stattfindet, sondern auf der Bühne eines Theaters. Ich glaube, dass das Theater ein magischer Ort ist, der zu einem Dialog verführt.“
Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer eröffnete die Veranstaltung: „Ich habe mir heute morgen überlegt, wie mein Leben ausschauen würde, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, in einem Land wie Österreich geboren worden zu sein. Wie würde ich mit der Angst umgehen, dass meine Tochter auf dem Weg zur Schule von einer Autobombe getötet werden könnte, dass meine Frau vielleicht nicht vom Einkaufen zurückkommen würde, weil ein Selbstmordattentäter sich genau in der Menge der Wartenden in die Luft sprengt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie viel Mut und innere Stärke es bedarf, um das tägliche Leben in ständiger Gewalt zu meistern. Wenn wir die Tatsache ignorieren, dass der Kampf gegen den Terror ein Kampf für den Frieden ist, dann könnte es sein, dass wir verlieren. Ich möchte gerne mit Ihnen gemeinsam einen kurzen Moment der Opfer von Terror weltweit gedenken….“
Es war uns leider nicht möglich, auch eine Israelische Sprecherin einzuladen, denn Libanesischen StaatsbürgerInnen ist es gesetzlich verboten, mit IsraelInnen auf einem Podium gemeinsam zu sprechen. Gesetze, die bis dato weder PolitikerInnen noch DiplomatInnen überwinden konnten, können auch wir nicht außer Acht lassen. Aber es ist uns ein Anliegen, an dieser Stelle zu erwähnen, dass es eine weitere Veranstaltung zu diesem Thema geben wird, ein Podium, zu dem wir Sprecherinnen aus Israel einladen werden.
Ausgewählte Medienberichte rund um die Veranstaltung können Sie hier nachlesen.
Wir danken:
Theater in der Josefstadt www.josefstadt.org
Echonet www.echonet.at
Hotel Pension Domizil www.hoteldomizil.at
Gasthof Zimmermann www.zimmermanns.at
Trimedia Communications www.trimedia.at
Erlas www.erlas.at
Cordial Theaterhotel www.tiscover.at/chwien
Bücher am Spitz
Die Veranstaltung wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Soziales, Generationen und Konsumentenschutz - BMSG - finanziert.