
05. März 2007
Rajaa al-Khuzai und Edit Schlaffer beim Interview in Wien.
Eine Versammlung der irakischen Witwenorganisation in Bagdad.

Rajaa al-Khuzai bei der Nacht der Wiener Wirtschaft am 17. Februar im Rathaus.
v.l.n.r.: Daliya F. Shawkat / Bagdad, Edit Schlaffer / FoG, Rajaa al-Khuzai / Bagdad
Edit Schlaffer, Gründerin von Frauen ohne Grenzen, im Gespräch mit Dr.Rajaa al-Khuzai.
Rajaa al-Khuzai ist die Architektin des neuen Irak. Die Verfassung trägt ihre Unterschrift. In der Übergangsregierung war sie eine der ersten drei weiblichen Parlamentarierinnen. Und sie ist es gewöhnt, neues Territorium zu erobern. Sie war die erste Frau in ihrem Heimatort Diwaniyya, die Ärztin wurde. Während der Sanktionen hat sie als Leiterin der Geburtenklinik bei Kerzenschein Operationen durchgeführt – und dort war sie nicht bei den ersten, die fluchtartig das Spital verließen, als marodierende Garden das Spital plündern wollten. Sie hat sich ihnen entgegengestellt, mit dem Satz: „Das ist euer Spital!“ Ihre Courage hat sie und ihre Patientinnen gerettet.
Und jetzt, da das brüchige Bauwerk Irak zu zerfallen droht, ist sie eine der glaubwürdigsten Stimmen für einen neuen Weg. Sie hat einen hohen Preis bezahlt: Todesdrohungen bestimmen ihren Alltag. Sie bewegt sich in einem Bulk von 60 Bodyguards und musste jetzt auch das jüngste ihrer 7 Kinder aus dem Land bringen.
Aber Rajaa will bleiben. Sie weiß, dass sie für tausende Witwen, die sie in einem Kleinkreditprogramm organisiert hat, die einzige Überlebenshoffnung ist. Sie wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Sie schätzt diese Würdigung, aber Ehrungen sind nicht was sie vordringlich möchte. „Das ist euer Irak!“ ruft sie ihren Landsleuten zu. Und ihre Botschaft auf ihrem Wien-Besuch war: „Dieser Irak ist auch eure Verantwortung hier im Westen, wir brauchen das humanitäre Engagement der Europäischen Union“.
Edit Schlaffer: Rajaa, Sie haben in zahlreichen Situationen wie selbstverständlich Führung und Verantwortung übernommen, was sicher nicht immer leicht war.
Rajaa al-Khuzai: Ich bin die Tochter eines Lehrers, mein Vater war ein aufgeklärter Mann. Und die Frauen im Irak meiner Kindheit waren bereits gebildet und emanzipiert. In unserem Haus gab es keine freie Wand, Bücher vom Boden bis zur Decke. Ich konnte die Gedichte ägyptischer, libanesischer oder französischer Poeten rezitieren und im Sommer fuhren wir auf unsere Farm, wo mein Vater die Bauern zusammenrief. Er hat sie eingeladen, am Boden Platz zu nehmen und gesagt, das sei nun ihre Schule und er sei gekommen um sie zu unterrichten. Diese anregende Atmosphäre hat mein Leben geprägt.
ES: Sie zeigen uns ein Bild vom Irak jenseits von Bomben, Terror und Ausweglosigkeit.
RK: Mein Vater war der erste Student, der in Diwaniyya graduierte und als er zur Fortsetzung seines Studiums nach Bagdad aufbrach, wurde er von einer Musikband zur Bahnstation begleitet. Bildung war immer etwas Fantastisches für uns, und das ist bis heute so geblieben. Meine Tochter hat im letzten Jahr ihr Pharmazie-Studium an der Universität in Bagdad abgeschlossen. Wenn ich mich morgens von ihr verabschiedet habe, wussten wir nicht, ob wir uns wieder sehen würden. Daliya und ihre Freundinnen haben alles riskiert, um eine Ausbildung zu bekommen. Sie mussten durch Checkpoints, ihr Schulweg war oft begleitet von beängstigenden Geräuschen: Granaten, Sirenen und weinende Menschen.
ES: Sie sind in die Politik gegangen ….
RK: … obwohl Politik in meiner Kindheit ein Horror war. Mein Vater hat die Monarchie kritisiert und die Geheimpolizei hat oft unser Haus durchsucht. Meine Mutter hat es meist geschafft, schnell kritische Texte zu verbrennen. Aber ich erinnere mich noch an die Schnittwunden, die er durch die Fesseln im Gefängnis davongetragen hat. Wir hatten den strikten Auftrag in unserer Jugend, uns nicht in Politik einzumischen.
ES: Sie haben sich nicht daran gehalten
RK: Ich war entschlossen, das Beste für mein Land zu geben als Ärztin und habe es auch geschafft, meine Fachausbildung zur Gynäkologin in London zu machen. Ich habe nur mit einem Trick mein Visum nach England bekommen. Man wollte Ärzte nicht ausreisen lassen, aber ein Freund meines Mannes hat bei Berufsbezeichnung Hausfrau eingetragen. Das fand ich sehr lustig. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, dass ich sicher wieder zurückkehre mit den besten Qualifikationen.
ES: Sie haben als Leiterin einer großen Geburtenklinik die Zeit der Golfkriege und der Sanktionen überstanden und ihre Klinik offen gehalten.
RK: Während der Saddam Zeit wussten wir, dass wir einen Feind hatten und wir haben uns damit arrangiert: wir durften nicht offen sprechen, politische Kommentare waren tabu. Ich erinnere mich, dass während der Operationen ÄrztInnen und Schwestern oft Witze über Saddam machten, das war der Volkssport Nummer 1, aber ich war immer ruhig, ich wollte nichts riskieren. Ich wusste, dass auch in meinem Team Spitzel eingeschleust waren.
ES: Sie haben die Invasion und den Sturz des Diktators begrüßt.
RK: Ja, absolut, wie die meisten IrakerInnen. Erstmal auf einer persönlichen Ebene, er hat Ärzte gehasst. Meine Schlussfolgerung ist, dass er wütend war, weil er alles haben konnte, aber kein medizinisches Diplom. Die Universität Bagdad hat ihm ein juridisches Doktorat gegeben, am Eingang zum College prangte sein Bild mit der Waage der Gerechtigkeit in der Hand, welche Ironie! Ich erinnere mich, er hat in einem Schwung über 70 Professoren der medizinischen Fakultät gefeuert, einfach so. Während der Sanktionen waren Ärzte und Ingenieure so verzweifelt, dass sie nach ihrer Schicht im Krankenhaus in den Strassen Zigaretten verkauft haben, um ihre Familien durchzubringen.
ES: In dieser Phase haben sie sich für die Witwen in ihrem Land eingesetzt, eine rasant anwachsende Gruppe.
RK: Niemand hat von diesen Frauen geredet oder das Problem wahrnehmen wollen. Aber ich habe sie als Gynäkologin ständig getroffen, wir hatten schlagartig über eine Million Witwen. Saddams Lösung: als er hörte, dass es so viele junge Witwen gab, hat er ein Gesetz erlassen, dass jeder Mann, der eine Witwe heiratet, 20.000 Dinar bekommt. Und heute sind wir wieder in einer vergleichbar dramatischen Lage, die Zahl der Witwen geht jeden Monat in die Hunderte, sie sind jung, oft erst 15 oder 16. Und ich habe eine sehr wichtige Unterstützung von der Weltbank bekommen, um ein wirtschaftliches Programm mit diesen Frauen zu starten, aber es ist viel zu wenig. In diese Projekte müsste Geld fließen, damit die Menschen im Irak wieder Hoffnung haben können.
ES: Sie haben in diesen schwierigen Zeiten sieben Kinder auf die Welt gebracht …
RK: und meinen jüngeren Bruder verloren. Ich komme nicht darüber hinweg. Er hatte gerade sein Studium abgeschlossen und diente in der Armee. Plötzlich riss der Kontakt zu ihm ab. Ich bekam die Nachricht, dass er in einer Klink im Süden war. Also reisten mein Mann, meine Mutter, mein Onkel mit mir dorthin. Aber er war unauffindbar. Am nächsten Tag kam der Direktor des Militärspitals zu mir, ein Studienkollege meines Mannes und er bat mich, unbedingt meine Nerven zu kontrollieren und mir nichts anmerken zu lassen. Mein Bruder war hingerichtet worden. Ich ging zurück in den Operationssaal. Wir holten den Leichnam nachts aus dem Kühlhaus und haben ihn heimlich um 3 Uhr früh begraben. Sie haben uns sogar die Tränen genommen. Ich weiß bis heute nicht, was meinem kleinen Bruder vorgeworfen wurde.
ES: Im Juni 2003 wurden sie in den Palast gerufen, um Botschafter Paul Bremer III, den zukünftigen Zivilverwalter, zu treffen.
RK: Ich bekam den Anruf an einem Vormittag, mit der Bitte, nach dem Mittagessen bei ihm einzutreffen. Ich war 150 km entfernt und wusste nicht, was mich erwarten würde. Als ich den Palast betrat, hatte ich sehr gemischte Gefühle, von hier hatte Saddam uns alle terrorisiert und hier wurden nun die Weichen gestellt für unser neues Leben. Bremer war sehr freundlich, er hat mich ausgefragt, wie lange ich in England war, seit wann ich wieder im Irak arbeite und was ich über die Verfassung wüsste. Schließlich fragte ich ihn: „Warum bin ich hier?“ Seine knappe Antwort: “Weil Sie eine starke Frau sind.“ Ich habe ziemlich verwirrt meine Heimreise angetreten.
ES: Das ist unglaublich spannend, wie ist es weitergegangen?
RK: Mein Mann wollte wissen, warum mich Bremer gerufen hatte. Ich konnte nur den Satz wiederholen: weil ich eine starke Frau bin. Das wusste mein Mann aber ohnehin schon lange. Zwei Tage später kam wieder ein Anruf von Bremer. Er sagte knapp: „Gratuliere, sie haben den Job.“ Und ich: „Was für einen Job? Ich habe bereits eine Arbeit“.
Bremer hat mir erklärt, dass ich nun ernanntes Mitglied der Übergangsregierung bin. Ich war so perplex, dass ich mir Bedenkzeit erbat, er hat mir 48 Stunden gegeben. Daheim gab es dann Familienrat. Ich habe immer nur wiederholt „was weiß ich schon von Politik?“. Mein Mann hat aber insistiert: „Das ist jetzt deine große Chance! Über all die Jahrzehnte hast du Kinder und Mütter gerettet. Jetzt kannst du etwas für alle IrakerInnen tun. Ich erinnere mich noch an die Panik, die mich überfiel: „Was ist, wenn ich versage?“ Mein Mann hat mich schließlich überzeugt: „Wenn du es nicht probierst, wirst du es nie wissen. Und wer ist schon zum Politiker geboren?“.
ES: Am 15. Juli 2004, als Bremer die Übergangsregierung vorstellte, wurden der Welt drei Frauen und 22 Männer präsentiert. Und eine dieser Frauen waren Sie.
RK: Ganz schnell konnte ich einen Blick in die Schrecken der Zukunft tun. Meine Kollegin Aqila al-Hashimi wurde auf dem Weg ins Büro ermordet. Ihre Nachfolgerin Salema hat ihren 19 jährigen Sohn kurz darauf ebenfalls durch einen gezielten Terroranschlag verloren. Es wurde ihr die Nachricht übermittelt, das sei eine Warnung an sie gewesen, sich aus der Politik heraus zuhalten.
Nach dem Anschlag auf Aqila al-Hashimi wusste ich, ich bin auch ein Ziel. Jetzt habe ich Bodyguards 24 Stunden, sie schlafen sogar in meinem Garten. Ich bin wie eine Gefangene in meinem eigenen Haus. Ich kann nicht einmal mehr vor der Tür sitzen. Sie sind immer da in ihren Zelten. Auf meinen ersten Ausfahrten bemerkte ich, dass die Bodyguards die Arme häufig aus dem Fenster strecken und mit ihren Gewehren in die Luft feuern. Ich hab gesagt, „lasst das bleiben, ihr macht mir Angst. Andernfalls lenke ich mein Auto selber. Diese Art von Schutz ist keine Beruhigung.“
ES: Glauben Sie, ist ihre Arbeit das Risiko wert?
RK: Es gab einen kritischen Zeitpunkt für Frauen, und ich bin froh, dass ich da war, um Einfluss zu nehmen. Es sollte unser altes Familien- und Sozialgesetz gekippt werden, weil es mit Saddam in Verbindung gebracht wurde. Ich habe Rechtsgelehrte konsultiert und sie haben mir versichert, dass dieses das beste Recht im Nahen Osten ist. So habe ich im Parlament einen Antrag gestellt und mit 15 von 25 Stimmen gewonnen. Wir konnten unser altes, aber für Frauen wichtiges Gesetz behalten. In derselben Nacht habe ich im Namen der anderen Parteien Todesdrohungen bekommen. Stellen sie sich vor, von meinen Kollegen, die mit mir auf der Regierungsbank saßen.
ES: Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
RK: Nach einer kurzen Paralyse ist mir der befreiende Gedanke gekommen: durch meine politischen Arbeit habe ich mich ohnehin in eine Gefahrenzone gelegt, wenigstens mache ich etwas Positives, etwas, was den Frauen zugute kommt. Und dafür wird man sich an mich erinnern.
ES: Sie sind die Stimme der Frauen im Irak und reisen unter großen Gefahren, um die Anliegen der Frauen hörbar zu machen. Sie haben uns von den tausenden Waisen berichtet, die mit 15 die Waisenhäuser verlassen müssen, um Platz für die Kleinen zu machen. Gerade für Mädchen ist das ein Drama, sie sind auf der Strasse. Aber heute sind Sie nicht mehr Teil der Regierung.
RK: Im vorigen Jahr habe ich mich entschlossen, mein Engagement auf einer humanitären Ebene fortzusetzen. Ich habe die Politik verlassen, weil niemand mehr auf mich gehört hat. Ich spürte, dass viele, mit denen ich arbeitete, nicht mehr loyal mit dem Irak waren.
ES: Es herrscht eine große Desorientierung in Bezug auf den Irak. Gibt es Strategien, gibt es Lösungen?
RK: Ja, unbedingt. Die EU hat bis jetzt zu wenig getan. Sie haben den Irakis während der 14 Jahre der Sanktionen nicht geholfen. Jetzt ist die Zeit der Wiedergutmachung gekommen, um den Irak aufzubauen. Aber der Aufbau wird nur sinnvoll sein, wenn er auf der Unterstützung der Frauen basiert. Mit dieser Strategie können die Familien im Irak erreicht werden. Unsere Kinder spielen nicht mehr, die Depression und Verzweiflung hat sich über das Land gesenkt. Die Hälfte der IrakerInnen leben unter der Armutsgrenze, die Dropout Quote der Schulkinder hat die 700.000 Marke erreicht, 40% davon sind Mädchen. Wir fühlen uns wie Hamster in einem Rad. Ein Sicherheitsplan folgt dem anderen, nichts funktioniert, außer die Ausgangssperren der Regierung.
Lassen sie uns doch auf die Frauen setzen! Sie machen 60% der Bevölkerung aus. Wenn wir sie direkt unterstützen, von Kleinkreditinitiativen über berufsorientierte Ausbildungs-kampagnen, Postgraduate Programmen für unser riesiges Potential von hochtalentierten jungen Menschen, dann wird die Hoffnung wieder leben.
Dr. Rajaa al-Khuzai war als Ehrengast der Nacht der Wiener Wirtschaft 2007 am 17. Februar 2007 in Wien.
Das Interview erschien am 4.3.07 im Presse Spectrum.