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11. August 2006

Peace Now! © Manal Omar

Familie fluchtet von zuhause

Frauen fluchten in den Park in Beirut

Gedanken aus dem Libanon - Ein Bericht von Manal Omar

August 2006

Salaam,  

Ich kann nicht schlafen wegen dem Lärm der Bomben, die auf den Süden Beiruts niedergehen. Ich hoffe, dass das Bombardement nur im Süden ist und nicht im Zentrum der Stadt, wo ich bin. Ich komme mir ein bisschen egoistisch vor, wenn ich so denke.

Die erste Nacht habe ich wie ein Baby geschlafen, rühmte mich damit, dass ich derartiges ja von Bagdad gewohnt wäre. Aber es stellte sich bald heraus, dass das absolut nicht stimmte. Den zerstörten Libanon zu sehen erschöpfte mich – psychisch und physisch.
Trotzdem, diese Nacht kann ich nicht schlafen. Darum habe ich beschlossen, diese Email zu schreiben.


Gestern wurden die Strassen in Hamra von den israelischen Bomben erschüttert, die auf die südlichen Bezirke von Beirut niedergingen. Und währenddessen diskutiert die Welt, ob es einen Waffenstillstand geben wird, jetzt, oder vielleicht auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Auch wenn ein Waffenstillstand sobald als möglich eintreten muss, die Argumente dafür sind für mich mittlerweile schon irrelevant. Es ist schon alles zerstört. Ich kann das Ausmaß der Zerstörung, das Leid, die vielen toten Menschen im Libanon noch gar nicht ausmachen.

Erst vor zwei Monaten bin ich hier die Strasse entlanggegangen und es wäre mir nicht im Traum eingefallen, dass dies passieren könnte. Schon jetzt scheint es, als wäre dies in einem anderen Jahrhundert gewesen.
Ich will nun nicht darauf eingehen, was ich in diesen Tagen alles gesehen habe in Beirut, nein, ich will Schuldige finden. Es gibt genug Kandidaten. Ich könne Israel beschuldigen, für die unglaubliche Machtausübung und für eine militärische Taktik, die keine Grenzen kennt. Oder ich könnte die Hisbollah beschuldigen, dafür, dass sie die Israelischen Soldaten gefangen genommen hat. Oder vielleicht sollte ich das libanesische Volk an sich beschuldigen, dafür, dass sie die Hisbollah so stark hat werden lassen.

Und was ist mit den internationalen Akteuren? Ich könnte Bush und Blaire dafür beschuldigen, dass sie nicht vom ersten Tag an einen Waffenstillstand gefordert haben, sondern diese Eskalation zugelassen haben, Israel grünes Licht gegeben haben und in weiterer Folge die arabische Welt polarisiert haben. Oder vielleicht sollte ich die arabischen Regierungen beschuldigen, dafür, dass sie es nicht geschafft haben, ihre Leute ordentlich zu repräsentieren.

Oder was wäre ist mit GWOT – dem Globalen Krieg gegen den Terrorismus (Global War on Terrorism)? In diesem Zusammenhang könnte ich diejenigen beschuldigen, die für die Invasion, das Bombardement und das ganze Chaos im Namen globaler Sicherheit verantwortlich sind. Die Strategie „entweder seid ihr für uns oder gegen uns“ hat definitiv ihr Ziel erreicht,; die die versucht haben, sich raus zu halten, mussten sich im Endeffekt für eines der beiden Extreme entscheiden. Das, was dazwischen liegt ist voller politischer Landminen und der einzige Weg, davor zu fliehen, ist sich auf eine der beiden Seiten zu stellen.

Ja, ich glaube ich möchte GWOT beschuldigen, weil es mir hilft, den Zusammenhang irgendwie zu verstehen. Eine Logik hinter dem ganzen zu entdecken und die mathematische Gleichung zu verstehen, das fällt mir sehr schwer. Zwei israelische Soldaten = tausende libanesische Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder. Und bei GWOT kann ich zumindest ein Muster ausmachen – Afghanistan, Irak, Gaza, Palästina, Libanon, Syrien (ja? nein?). Vielleicht steckt ein System hinter dieser Verrücktheit.

Aber wird dieses Spiel “Wer ist der Schuldige” irgendeine Auswirkungen auf die tausenden von Opfern in diesem Konflikt haben?
Und egal wer die Schuld trägt, wer als Sieger hervorgeht, der Libanon ist der klare Verlierer.

Wenn wir aus Palästina in mehr als 50 Jahren oder erst kürzlich aus dem Irak nichts gelernt haben, dann erscheint es mir ganz klar, dass die Leben der arabischen Bevölkerung einfach nicht so viel wert sind. Es geht nicht nur um die Zerstörung von Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit, nein, es geht um das soziale Leben, das zerstört wurde. Es geht um die Generation, die die Chance gehabt hätte, ohne Krieg aufzuwachsen. Das Gerücht, dass der arabischen Welt weder Frieden noch Stabilität, weder die Chance auf Wachstum noch Transformation gebühren, scheint Realität zu werden.

Wie betäubt gehe ich durch Beirut. Die Situation und die Erfahrungen im Irak haben mir alle Emotionen genommen. Mein Mann erinnert mich daran, dass heute der Todestag unseres lieben Hussein ist, seinem Schwager, der vor einem Jahr in Bagdad ermordet wurde. Und während ich an einem Hotel in Beirut vorbeigehe, das normalerweise voller TouristInnen ist und wo jetzt Flüchtlinge wohnen, die ihre Ersparnisse aufwenden, um ein Dach über dem Kopf zu haben, bete ich für Hussein. Zum x-ten Mal frage ich mich, warum ich die Arbeit mache, die ich mache, und wie viel sinnlosen Tod, sinnlose Zerstörung eine Region, ein Land, ein Mensch eigentlich ertragen kann.


Manal Omar ist langjährige Frauen ohne Grenzen Projektpartnerin. Derzeit arbeitet sie für OXFAM als Programm-Managerin für den Mittleren Osten, Osteuropa und Großbritannien.

 
 

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