15. März 2006

Manal Omar, Women for Women International und Women without Borders, Bagdad/Amman.
Ein Brief von Manal Omar/Irak, Februar 2006
Manal Omar ist Irak-Direktorin von Women for Women International und arbeitet seit langem mit Frauen ohne Grenzen zusammen.
Liebe FreundInnen,
es ist lange her, seit ich das letzte Mal geschrieben habe. Viele haben mich schon gefragt, warum ich damit aufgehört habe.
Die Wahrheit ist, dass ich das Schreiben immer als Quelle für Hoffnung gesehen habe; um die Nachrichten, die Geschehnisse im Irak, in die Welt zu bringen und jeden (kleinen) Erfolg mit anderen zu teilen. Es ist kein Geheimnis, dass das immer schwieriger wird. Und ich hatte einfach Angst, den Gedanken zuzulassen, dass der Funke Hoffnung, an den wir uns die letzten Jahre geklammert haben, immer kleiner wird. Aber die IrakerInnen versuchen nach wie vor, an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten, sie versuchen das zu ändern, was nach so vielen Jahren des Krieges einfach aufkommt.
Die Bombardierung des schiitischen Schreins in Samarra am 22. Februar ist mit Sicherheit nicht das erste Anzeichen eines Bürgerkrieges.Aber dieser Anschlag hat gezeigt, dass es die Debatte um Bürgerkrieg oder nicht nicht mehr länger gibt. Die Debatte dreht sich jetzt um das „wie lange“ und „wie schlimm“.
Wird es der Regierung gelingen, schnell darauf zu antworten und eine Koalition der irakischen Einheit aufzubauen? Oder wird der Irak der nächste Libanon? Und ab wann erreicht der Bürgerkrieg internationale Ausmaße?
Diese Debatte ist für die irakische Bevölkerung sehr realistisch, denn im letzten Jahr hat sich die Situation von schlecht zu schlimm entwickelt. Die meisten IrakerInnen sind über den Bürgerkrieg nicht überrascht. ExpertInnen und all jene, die viel Kontakt zum Irak haben, haben schon lange Zeit über diesen unausgerufenen Bürgerkrieg gesprochen.
Wie die meisten von Euch wissen, habe ich meine Hochzeit letztes Jahr wegen einem Todesfall in der Familie meines Mannes abgesagt. Dieser Vorfall hat uns zutiefst geschockt. Ich habe nie die Deteils erwähnt, weil es mir bis heute so schwer fällt, darüber zu sprechen. Der Schwager meines Mannes ist in eine der zahlreichen Auseinandersetzungen und Spannungen zwischen Sekten und lokale, mafia-ähnliche Banden geraten. Wann immer ich diese Geschichte jemandem aus dem Irak erzähle lautet die erste Frage „Aber was denkt sich ein Schiite dabei, nach Tarmiah zu gehen?“ Sein Tod war einer dieser Vorfälle, die aus den Stammeskämpfen zwischen Tarmiah (hauptsächlich SunnitInnen) und Kaadhamiyah (hautpsächlich SchiitInnen) entstanden sind. Hier können sie über diesen schrechklichen Vorfall lesen.
Wenn sogar in einzelnen Bezirke in Bagdad lokale Fehden ausgetragen werden, dann kann man sich ungefähr ausmalen, wie es in ländlichen Gegenden aussieht. Ganze Gebiete im Land wurden für SchiitInnen oder Sunnittinnen, je nachdem welcher lokale Stamm an der Macht ist, als „no go areas“ gekennzeichnet.
Aber auch die meisten Internationalen sind über den Bürgerkrieg nicht überrascht. Ich glaube es ist auf jeden Fall richtig, wenn ich sage, dass wir entnervt sind. Diejenigen, die schon 2003 im Irak waren, können bezeugen, dass die Konflikte zu dieser Zeit nicht auf dem Level waren, auf dem sie jetzt, 2006, sind. Irgendetwas ist schief gelaufen. Das, was hauptsächlich schief gelaufen ist, ist die Internationale Gemeinschaft.
Ich werde nicht ins Detail gehen, denn es gibt unzählige Reports und Ratschläge, die zeigen, wie wir dabei sind, unser eigenes Grab zu graben. Aber unglücklicherweise sind es die IrakerInnen, die sich hineinlegen müssen.
Das irakische Volk wird den Preis für die Fehler der Internationalen Gemeinschaft bezahlen. Als der Irak ins Chaos stürzte war voraussehbar, dass es zu diesen Abspaltungen und Gruppierungen innerhalb der Gemeinschaften kommen würde.
Und genau das schmerzt so sehr, dass es voraussehbar war.
Manchmal, wenn ich zurückschaue, wie hoffnungsvoll und optimistisch ich einmal war, fühle ich mich betrogen; betrogen dafür, dass ich geglaubt hatte. Ein Teil von mir ist verärgert – so als wäre ich ausgetrickst worden. Als hätte ich etwas gekauft, wo andere schon vorher wussten, dass es nicht funktionieren wird.
Als die Diskussionen um einen Bürgerkrieg vor zwei Jahren erstmals begannen, war ich so sicher, dass die IrakerInnen über dieser Art von Spaltungen, Stammeskämpfen, stehen.
Eine junge Frau aus Tikrit hat mir die selben Gedanken geschrieben – gläubige IrakerInnen wissen genau, dass die Stärke, das Besondere ihres Landes in der Vielfalt der Religionen und Ethnien liegt. Leute, mit denen ich jetzt diskutiere, sagen, dass ich mich getäuscht habe. Aber trotzdem, viele sind nach wie vor überzeugt, hätte man es den IrakerInnen überlassen, wäre es nicht so weit gekommen. Die unzähligen internationalen Interventionen haben den Irak destabilisiert in einer Zeit wo er Unterstützung von der Welt gebraucht hätte; oder zumindest alleine gelassen hätte werden sollen.
Diese Interventionen haben oft gezeigt, dass der Irak immer weiter und weiter zurück rutscht. Viele IrakerInnen haben das Gefühl, dass ihr Land nicht mehr wieder erkennbar ist und so dankbar sie auch für den Fall des Baath Regimes sind, sie wünschen sich Anzeichen dafür, dass ihre großartige Heimat sich endlich auf dem Weg der Besserung befindet. Für viele hat der Anschlag vom 22. Februar diesen Traum zerstört.
In dem Haus, in dem ich in Jordanien meine Wohnung habe, sind von den 12 Wohnung nur zwei an JordanierInnen vergeben. Der Rest sind IrakerInnen. Acht sind nach Amman gekommen, nach dem ein Familienmitglied ermordet oder entführt wurde. Im ganzen Haus wird darüber gesprochen, was im Irak vor sich geht. Gerade vor ein paar Monaten wurde noch über Saddams Stamm gewitzelt und diskutiert, wer wohl als erster in den Irak zurückkehren wird.
Nun kann niemand von uns davon sprechen, bald in den Irak zurückzukehren.
Die traurige Realität ist, dass die meisten von uns glauben, dass das jetzt noch lange nicht das Schlimmste ist. Wir kämpfen darum, nette und aufbauende Worte zu finden und mit einer dummen Hartnäckigkeit versuchen wir uns an jedes verbliebenen Fünkchen Hoffnugn zu klammern.