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15. März 2006

Emertha ©Xenia Hausner

Emertha bei Ihrem Besuch in Wien.

Emertha im Fußballstadion © Edit Schlaffer/FoG

Auf Einladung von Sektionschef Mag. Robert Pelousek/Sektion Sport Bundeskanzleramt hatte Emertha die Möglichkeit, das Länderspiel Österreich-Kanada live im Stadion anzuschauen.

Emertha in Wien ©Edit Schlaffer

Emertha beim Pressegespräch © FoG

Georgina Nitzsche/FoG (links) und Emertha beim Pressegespräch.

Ruanda - Beim Fussball gibt es keine Hutus und Tutsis, es gibt nur uns, wir, das Team

Emertha Uwanyirigira, eine der acht „Kicken für die Versöhnung“- Fußballtrainerinnen in Kigali, Ruanda, war von 23. Februar bis 2. März 2006 zu Gast bei Frauen ohne Grenzen.

Auf Einladung der Initiative "Wider die Gewalt" war Emertha bei der diesjährigen Nacht der Wiener Wirtschaft am 25. Februar zu Gast. Wir danken herzlich!


In einem Pressegespräch erzählte die 28jährige Wirtschaftsstudentin ihre persönliche Geschichte, wie sie zum Fußball kam und dass sie eine der ersten war, die eine Studentinnengruppe an einer ruandesischen Universität ins Leben gerufen hat.

„Ich habe meine beiden Eltern verloren und bin seither für meine Geschwister, zwei Brüder und zwei Schwestern, verantwortlich. Meine Kindheit war nicht schön. Mein Vater starb während des Genozid 1994, meine Mutter starb ein Jahr später an Krebs. Über Nacht war ich auf einmal für vier Kinder verantwortlich. Aber ich habe es geschafft, mit dieser Situation klar zu kommen, das gelingt nicht allen, denn es ist eine sehr schwierige Aufgabe. Viele Mädchen, die das gleiche Schicksal erleiden, schaffen es nicht, Lösungen zu finden, sondern rutschen mehr und mehr in Probleme hinein, zum Beispiel in die Prostitution.
Wenn du sagst, du bist Waise und brauchst Geld und arbeitest deshalb als Prostituierte, werden die Probleme immer mehr und immer größer. Deshalb habe ich diesen Weg nicht gewählt. Ich habe mir gesagt ich muss kreativ sein, ich muss etwas anderes finden. Und ich hatte Glück. Die Regierung finanzierte mir ein Studium, weil ich in der Highschool immer gute Noten hatte.

Ich weiß dass ich die Frauen in Ruanda stärken kann

An der Universität habe ich mir zum Ziel gesetzt, eine Frauenvereinigung ins Leben zu rufen. Es gibt so viele furchtbare Geschichten. Du hörst von einer Erstsemestrigen, dass sie schwanger ist, dass sie eine Waise ist und überhaupt keine Familienmitglieder mehr hat. Viele Frauen und Mädchen sterben an HIV/Aids. Ich fühle mich für die Frauen in Ruanda verantwortlich und weiß, dass ich dazu beitragen kann, sie physisch und psychisch zu stärken.Das war der Grund, warum ich eine Studentinnenorganisation gründen wollte. Es sollte ein Forum werden, wo wir uns treffen können, wo wir Frauen einladen können, Rolemodels, die uns etwas zeigen können, uns sagen können, was wir tun können zum Beispiel im Bereich reproduktive Gesundheit. Die Studentinnengruppe wurde ein großer Erfolg. FAWE (Forum for African Women´s Education) wurde auf meine Gruppe aufmerksam und ermutigte mich, derartige Organisationen an mehreren Universitäten in Ruanda aufzubauen. Heute hat jede Universität eine Studentinnenvereinigung. Dadurch kam ich dann auch zu FAWE.

Fußball ist meine Leidenschaft

Das habe ich bis jetzt geschafft, aber ich bin noch lange nicht fertig. Ich werde weiterhin für die Stärkung von Mädchen und Frauen arbeiten. Aber ich arbeite auch an meinem Empowerment, zum Beispiel, indem ich Fußball spiele. Fußball ist meine Leidenschaft.

Ich fand heraus, dass ein paar Frauen Fußball spielten, sie nannten sich selbst „Urimuri“, das bedeutet „Licht“. Ich fand das unglaublich interessant und dachte „Wow, Frauen können Fußball spielen?!“. Und ich habe angefangen, mit ihnen mit zu trainieren. Ich wurde immer besser und trainierter und wollte gar nicht mehr zu spielen aufhören. Vor etwa einem Jahr hörte ich, dass Frauen ohne Grenzen das Projekt „Kicken für die Versöhnung!“ starten und ich wollte unbedingt dabei sein.

„Ich hab zwei Beine und ich gebrauche sie...“

Meine Nachbarn haben immer zu mir gesagt: „Oh, Emertha, du spielst Fußball? Bist du sicher, dass das richtig ist? Das ist doch etwas für Männer. Du solltest keine Männerarbeit machen, was ist los mit dir? Was ist bei dir schief gelaufen?“
Und ich antwortete immer: „Warum, ich hab zwei Beine und ich gebrauche sie. Was ist daran falsch? Ich habe Euch nicht gefragt, mir zu helfen. Ich bin diejenige, die spielt. Der Fußball ist hier, also mache ich das. Lasst mich einfach spielen!“.

Ich bin so glücklich als Trainerin im Rahmen von „Kicken für die Versöhnung!“, es ist großartig, die Chance zu haben, andere Mädchen zu trainieren. Die Mädchen spielen mittlerweile schon sehr gut und uns Trainerinnen macht die Arbeit Spaß.

Fußball als Empowerment

Das Fußballspielen stärkt die Mädchen enorm, unter anderem weil sie etwas tun, was normalerweise nur Männer und Buben machen. Die 160 Spielerinnen sind nach wie vor voller Eifer beim Training.
Viele andere Mädchen, auch verheiratete Frauen, wollten auch am Training teilnehmen, doch wir haben nicht so viele Kapazitäten. Das Projekt ist unglaublich wichtig, wir brauchen es, und wir hoffen, dass es eine noch viel größere Bewegung werden kann.

Kicken für die Versöhnung

Es gibt kein Hutu und kein Tutsi Team, wir alle kommen zusammen und spielen zusammen. Das ist unser Weg der Versöhnung. Unser Motto ist: Das ist mein Team, wir wollen zusammen spielen und gewinnen! Wir vergessen unsere Herkunft, wir vergessen die schlimmen Dinge, die passiert sind und die uns bei diesem Projekt aber auch zusammenbringen. Eine der Teilnehmerinnen, Regina, ist kürzlich zu mir gekommen und hat gesagt: „Danke! Dieses Projekt ist so wichtig für mich! Mein Vater ist im Gefängnis, weil er 1994 am Genozid beteiligt war. Ich habe mich immer so schuldig gefühlt. Ich fühlte mich so unwohl, weil ich dachte, jedeR an der Schule weiß, dass ich die Tochter eines Mörders bin. Jetzt gehe ich nicht mehr nach der Schule nach Hause und weine und denke an meinen Vater, jetzt gehe ich Fußball spielen – zusammen mit den anderen.“
In diesem Projekt gibt es keine Hutus und Tutsis, es gibt nur uns".


Emertha hat vor vier Monaten eine Radiosendung für Kinder in Ruanda gestartet, „Children´s Voice!“ Aufgrund ihrer eigenen Geschichte weiß sie, wie es ist, alleine zu sein, kämpfen zu müssen. Viele Kinder haben nicht die Chancen, die sie hatte. Ihnen möchte sie mit dieser Radiosendung eine Stimme geben, ihre Schicksale öffentlich machen.
„Ich musste immer an die Kinder denken, die eine ähnliche Geschichte durchleben wie ich. Sie haben niemanden, mit dem sie reden können, sie haben oft nichts zu essen, sie können nicht zur Schule gehen. Ich will, dass diese Kinder ihre Stimmen erheben, dass die Menschen verstehen, was ihre Probleme sind.“


Lesen Sie hier weitere Informationen zum Projekt "Kicken für die Versöhnung!".

 
 

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