23. Jänner 2006



Die 17jährige Amala


Der Fischer Rajendran auf seinem Boot.

Muniamma

Ein Reise- und Projektbericht aus Chennai und Mamallapuram/Südindien.
Elisabeth Kasbauer, Frauen ohne Grenzen Teammitglied, war im Dezember 2005 in Indien, um unser Projekt „Connecting Women and Children for Hope!“ zu dokumentieren. In zahlreichen Interviews hat sie die Lebensgeschichten der BewohnerInnen aufgezeichnet und die nächsten Schritte für eine erfolgreiche Weiterführung des Projektes unternommen.
Weiters wurde der Startschuss für die Trainings im Rahmen des Projektes „Die Zukunft in die eigene Hand nehmen“ gegeben und die Vorbereitungen für das Anfang Februar stattfindende Schwimmtraining „Frauen schwimmen Richtung Eigenständigkeit“ getroffen.
Weiters wurde der Startschuss für die Trainings im Rahmen des Projektes „Die Zukunft in die eigene Hand nehmen“ gegeben und die Vorbereitungen für das Anfang Februar stattfindende Schwimmtraining „Frauen schwimmen Richtung Eigenständigkeit“ getroffen.
Als ich mich am ersten Tag auf den Weg in die Dörfer Venpurusam und Kokilimedu an der Ostindischen Koromandelküste mache, treffe ich auf der Strasse ein paar Frauen, die mit einem der 3Wheelers, die aus dem Projekt finanziert wurden, unterwegs sind. Ein herrliches Bild, das ich sicher nicht so schnell vergessen werde! Die Männer stehen staunend, aber nicht ohne Stolz daneben, und wissen gar nicht so recht, was sie davon halten sollen. „Jetzt müsst ihr ihnen aber auch Hosen und T-Shirts geben“, meint einer, „dann können die Frauen einmal uns herumfahren...“.
11 Frauen haben schon ihren Führerschein, 9 weitere werden jetzt trainiert und wir hoffen, dass es noch mehr werden. Die Begeisterung ist jedenfalls grenzenlos.
Ende November hat ein Spezial-Gesundheitscamp zum Thema Augen stattgefunden. Im Zuge meines Aufenthalts bekamen 36 Frauen und Männer ihre erste Brille von Frauen ohne Grenzen. Die Gesichter, die Freude, das Staunen der neuen BrillenträgerInnen, nachdem sie die Brille das erste Mal aufsetzten, war berührend. Soviel Dankbarkeit und Freude habe ich schon lange nicht mehr gesehen.
Die Frauen in den Dörfern haben sich jeweils zu dritt zu Kooperativen zusammengeschlossen, insgesamt sind das 60 in beiden Dörfern. Sie vermieten die Netze, die sie von uns bekommen haben, an die Fischer und transportieren täglich den Fisch und die Meeresfrüchte mit den Autos zum Markt. Der Gewinn, 1/6 des Gesamtumsatzes, kommt in eine eigens dafür gekaufte Blechbüchse. Die Vermietung der Netze ist ein wichtiger Schritt in Richtung finanzielle Unabhängigkeit. Die Einnahmen werden in neue Netze, Reparaturen, Benzin usw. investiert. Die Idee der Frauen ist es, Kühlboxen für die Fische anzuschaffen und dann, wenn genug Geld eingenommen wurde, soll noch das eigene Geschäft eröffnet werden!
“… unsere Töchter sollen stark und voller Power sein...”
Ich gehe von Haus zu Haus und bei Kaffee, Tee oder frischem Kokosnusssaft interviewe ich die Frauen in den Dörfern. Die Männer davon abzuhalten, bei unserem Interview daneben zu sitzen, ist gar nicht so einfach. Tawamani, eine meiner Begleiterinnen hat ihr liebe Not, die Ehemänner, Väter oder Brüder wegzulocken.
Es ist zum Teil sehr erschütternd, wie die Frauen ihr Leben beschreiben. Viele von ihnen sind unglücklich, sie fühlen sich bevormundet, nicht nur von den Ehemännern, auch und sehr oft von den Schwiegereltern. Ihr eigenes Leben zu leben, das haben viele schon aufgegeben – mit 25, 30, 40 Jahren – sie setzen all ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume in ihre Kinder.
Die frühe Heirat sehen die meisten als größtes Problem in ihrem Leben an. Sie hatten nicht die Chance, auf eigenen Beinen zu stehen, gingen von einer Bevormundung zur nächsten über.
„Das Leben vor der Hochzeit ist wunderbar. Aber nach der Heirat wird alles problematisch und kompliziert. Zum Beispiel meine Schwiegermutter, sie ist ein großes Problem für mich. Das Leben ist jetzt nicht mehr dasselbe. Die Männer sind sehr dominant, das ist nicht immer einfach für uns. Diese ganzen „do´s und dont´s“, wie du dich verhalten sollst, wie du sprechen, dich bewegen, etc. sollst, für alles gibt es Regeln“, erzählt mir Lakshmi, die mit 17 geheiratet hat.
Für sich selbst wünschen sich die „älteren“ Frauen nichts mehr, das Wort Traum ist ihnen fremd, sie haben es nie gelernt zu träumen. „Hoffentlich haben es die Kinder gut. Sie sollen gut gebildet sein, ein schönes Haus haben und gutes Geld verdienen“ und „unsere Töchter sollten nicht so schnell und früh verheiratet werden wie wir. Wir leiden alle darunter. Unsere Töchter sollen stärker und voller Power sein.“
– das sind die gängigen Antworten, wenn ich nach ihrem größten Traum frage.
„Ich möchte einfach ich selbst sein“, ist der allergrößte Traum von Amala,17 Jahre alt. Außerdem will sie eine eigene Firma aufbauen und einmal diejenige sein, die das Sagen hat. Die junge Generation will ihr Leben selbst bestimmen, Zeit für sich, ihre Freundinnen und Hobbies haben. Und vor allen Dingen mehr lernen. Die meisten Frauen gehen bzw. gingen zwischen 6 und 10 Jahre lang zur Schule. Nach Abschluss der Schule besuchen sie oft Nähkurse und sind für den Haushalt zuständig.
„Sie (die Eltern Anm.) haben meine Ausbildung gestoppt, weil sie wollten, dass ich bald heirate. Ich hätte gerne noch mehr gelernt. Ich muss sehr viel arbeiten, einfach deshalb, weil ich ein Mädchen bin. Den ganzen Tag heißt es nur Arbeit, Arbeit, Arbeit – ich koche für die ganze Familie, putze, wasche, ich bin für die ganze Hausarbeit zuständig.“
Empowerment durch Autofahren
Das Autofahrtraining haben auch viele junge Frauen besucht. Die Fähigkeit, ein Auto selbständig lenken zu können, gibt ihnen alles. Auch wenn die Eltern erst überredet werden mussten, jetzt haben die 17/18jährigen die Chance, mit ihren Freundinnen, für die sie sonst wegen der vielen Arbeit keine Zeit haben, einen Ausflug zu machen.
Für die älteren Frauen hat das Auto einen anderen, aber nicht weniger hohen Stellenwert: Endlich müssen sie die schweren Körbe mit Fisch und Meeresfrüchten nicht mehr kilometerlang auf dem Kopf tragen. „Seit wir die Autos haben, ist unser Leben so viel einfacher geworden. Unsere Lebensbedingungen haben sich enorm verbessert. Sobald ich mich mit dem Fisch auf den Weg in die Stadt machen, passt mein Mann zu Hause auf die Kinder auf“, beschreibt die 26 jährige Lakshmi, Mutter von 3 Kindern die Situation.
„Die Frauen sind unsere bessere Hälfte“
Der Fischer Rajendran erklärt mir, während ich mit ihm auf einem Boot am Strand sitze, dass Frauen die bessere Hälfte der Männer sind. Frauen und Männer sind Partner und unser Projekt findet er sehr gut. Er meint, gestärkte Frauen helfen ja auch den Männern, weiter zu kommen. Aber, es gibt natürlich Frauen- und Männerarbeit. Dass er kocht, oder andere Haushaltsarbeit erledigt, kann er sich nicht vorstellen, er kann das ja alles gar nicht! Seine Frau fährt ja auch nicht mit dem Boot hinaus um zu fischen...
Alkohol trinkt er schon manchmal, aber nur zu besonderen Anlässen. „Das, was mir manchmal wirklich Probleme bereitet, sind meine moralischen Werte“, erzählt Rajendran. „Dinge, die ich für wichtig empfinde, werden von den anderen oft nicht akzeptiert. Sicher, wir haben alle wirtschaftliche und andere Probleme, aber ich verstehe einfach nicht, warum viele Leute so egoistisch sind und keine Rücksicht auf die anderen nehmen. Das frustriert mich oft.“ Er ist enttäuscht von denen, die, wenn sie betrunken sind, Unsinn reden und ihre Frau angreifen oder beleidigen. Das macht ihm Sorgen. „Es nützt auch nichts, mit diesen Männern zu reden, sie verstehen das nicht und meinen unfreundlich, dass das ihre Privatsache ist.“
Alkoholisierte und gewalttätige Ehemänner stehen an der Tagesordnung, aber, erzählt mir Muniamma, wenn sie mitbekommt, dass ein Mann seine Frau schlecht behandelt, dann schreitet sie ein. Und, die Männer haben Respekt vor ihr. Sie hat einen Status im Dorf, der es ihr erlaubt, die Männer zurechtzuweisen. „Das sollte eigentlich normal sein“, meint sie.
„Früher habe ich das Leben genommen, wie es gekommen ist...“
Kuppulatshmi, deren ganze Familie vom Krabbenfang lebt, erzählt mir, wie schwer das Leben in den letzen Wochen war. Der viele Regen, die Wirbelstürme, das aufgewühlte Meer und die omnipräsente Angst vor einem Tsunami, machen das ganze Leben unsicher, unvorhersehbar. Seit dem Tsunami vor einem Jahr planen die meisten nichts mehr, sie haben erlebt, wie schnell alles zerstört und anders sein kann. „Früher habe ich das Leben so genommen, wie es gekommen ist. Aber seit der Tsunami gekommen ist, wissen wir nicht mehr, was als nächstes passieren wird. Alles, was irgendwo geschrieben steht, egal ob wissenschaftlich, philosophisch, was auch immer, nichts zählt mehr. Wir versuchen uns alle einzureden, dass das Leben weitergeht, aber in Wirklichkeit funktioniert das nicht. Diese innere Angst dominiert unser Leben. Es ist so, als ob es etwas Jenseitiges gäbe; alles kann jederzeit passieren. Wir sind sehr misstrauisch geworden.“ (Muniamma)
Ich fühlte mich so geehrt als Kuppulatshmi mir erzählte, Frauen ohne Grenzen wären fast etwas Übernatürliches für sie. Wir sind einfach da, haben Zeit, hören zu und setzen dort an, wo es notwendig ist: die Kooperativen, die Autos, die Gesundheitscamps, Selbstverteidigungstrainings für Jugendliche etc.. „Obwohl ihr alle genug Geld und all die Dinge habt, die man so braucht, habt ihr so ein großes Herz, dass ihr immer alles teilen wollt und eure Arbeit ausweitet. Dabei lebt ihr doch so viele Kilometer weit weg...Das ist alles wirklich unglaublich für uns, fast wie Gott eben.“
Die Frauen sind so unglaublich stolz auf ihre Netze, auf die Autos und das Fahrtraining. Mich fasziniert, wie sie zusammenhalten, sich gegenseitig empowern: eine lernt der anderen das Autofahren, die nächste bringt der Nachbarin das Rechnen bei und wieder eine andere ist da, wenn eine Frau Probleme mit ihrem Mann hat.
Ich bin sicher: Gemeinsam sind sie stark für die Zukunft.