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06. Dezember 2005

Rui´s Grandma © Rui Liu

Rui and her Grandma © Rui Liu

Old Chinese Woman and Young Chinese Woman © Rui Liu

China - Der Spiegel und ich

Rui Liu, 27, stellt sich mit einem sehr persönlichen Essay als zukünftige China-Korrespondentin vor.

Ich schaue gern in den Spiegel. Ich erinnere mich, als ich ein kleines Mädchen war, stand ich oft auf meinen Zehenspitzen, und versuchte, mein Gesicht im Spiegel der Frisierkommode zu finden, die fast so hoch war wie ich.
Heute sehe ich mich immer noch gern in diesem Spiegel. Mit dem Unterschied, dass die Kommode heute zu niedrig für mich ist.Wenn ich mich hinunterbücke, sehe ich das Gesicht einer jungen Frau, glühend vor Eifer, zuversichtlich für die Zukunft und fasziniert von ihrem eigenen Spiegelbild.
Die Tatsache, dass ich gerne in den Spiegel sehe, hat etwas mit meiner Großmutter zu tun, mit der ich den Großteil meiner Kindheit verbrachte. Ich erinnere mich klar und deutlich, als ich sie eines Nachts murmeln hörte “uns Frauen kann man nicht sehen”. Ich war so verwirrt dass ich am nächsten Morgen als erstes in den Spiegel blickte um zu überprüfen, ob ich gesehen werden konnte. Erst heute, als junge Frau, kann ich verstehen, dass meine Großmutter nicht von der physischen Sichtbarkeit geredet hatte.
Granny verbrachte ihr ganzes Leben damit, für ihre Familie zu sorgen, tagein und tagaus. Sie kochte für ihren Mann und ihre fünf Kinder. Aber immer wenn Gäste kamen, mussten sie und die anderen weiblichen Familienmitglieder neben dem Backofen, an einem kleinen Tischchen in der Küche essen. Bei Familiendiskussionen wurde sie nie um ihre Meinung gefragt. Nachdem mein Großvater gestorben war, musste sie tun, was mein Onkel, ihr ältester Sohn, sagte. Ihre Pflichten als Tochter, Ehefrau und Mutter immer erfüllend, blieb sie als Mensch stets kaum beachtet. Obwohl sie sich selbst in dem Spiegel der Frisierkommode sehen konnte, war sie im Spiegel der Gesellschaft unsichtbar.
Ich lebte ein völlig anderes Leben. Zuhause treffe ich Entscheidungen gemeinsam mit den restlichen Familienmitgliedern. In der Schule war ich oft für verschiedene Aktivitäten verantwortlich, genauso, wie die anderen Jungen und Mädchen. Und nicht nur das, ich kann sehen, wovon Großmutter nicht einmal träumen konnte: wie ich meine eigenen Entscheidungen treffe. Mein Leben war eine Serie von Entscheidungen. Nach meinen Highschool-Abschluss konnte ich unter einigen Universitäten auswählen. An der Universität konnte ich aus einer ganzen Reihe von Fächern Internationale Beziehungen und Peace Studies aussuchen. Und heute, kurz vor dem Abschluss, bin ich wieder mit der Qual der Wahl konfrontiert: weiter studieren oder arbeiten beginnen; in China bleiben oder ins Ausland gehen; sofort zu heiraten oder noch eine Zeitlang Single zu bleiben.
Es ist nicht wichtig, ob ich berühmt oder reich sein werde, aber ich werde die Chance bewahren, mein Potential zu zeigen und anderen Frauen zu helfen, das ihre darzustellen als volle Mitglieder der Gesellschaft, als ganzes sichtbar im Spiegel der Geschichte. Ich werde mir dies bewahren, weil die Fülle meiner Wahlmöglichkeiten, die ich genieße, mir erst offensteht nach Jahrzehnten voller Bemühungen und Entbehrungen durch meine Großmutter, meine Mutter, und Millionen anderer chinesischer Frauen.
Dennoch sind die Entscheidungen, die ich gemeinsam mit vielen jungen Frauen meiner Generation zu treffen habe, eine große Herausforderung. Die falsche Vorstellung, dass Männer den Frauen überlegen sind, dominiert immer noch die Ansichten der meisten hier. Während Männer dazu ermutigt werden, sich zu messen und sich zu behaupten, wird von uns erwartet, ruhig, loyal und folgsam zu sein. Das deckt sich ziemlich genau mit dem, was von uns als gute Ehefrauen und Mütter erwartet wird. Die Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind, erfordert ein höheres Level von persönlicher Entwicklung und Selbstbestimmung.
Die Geschichte meiner Großmutter und meine eigene spiegelt das Leben von Millionen anderer Frauen in China und vielleicht sogar weltweit wider. Viele von ihnen führen immer noch ein Leben wie meine Großmutter. Ihr Wert wird noch nicht gewürdigt. Es ist die Verantwortung von jeder jungen Frau wie mir, hart zu arbeiten und zu kämpfen, damit sie sich selber sehen und im Spiegel der Gesellschaft gesehen werden.
Das ist mein Traum. Dieser Traum wird, denke ich, nicht nur von unseren Großmüttern, Müttern und Schwestern geteilt, sondern auch von vielen unserer Väter, Brüder, Ehemänner, und männlichen Kollegen. Er wird nicht wahr werden, bevor nicht jede/r realisiert hat, dass Frauen die Gesellschaft mitgestalten und das Recht dazu haben müssen.
Frauen halten die Hälfte des Himmels.

- Rui Liu.

 
 

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