18. Oktober 2005

Shahla Ezazi bei ihrem Besuch in Wien.
v.l.n.r.: Shahla Ezazi, Jaleh Lackner-Gohari, Elisabeth Kasbauer, Giti Shahrokh und Soraya Mani.
Die iranische Soziologin Dr. Shala Ezazi war im Juli zu Gast in Wien. Sie war die Erste, die Studien zum Thema Gewalt gegen Frauen und Gewalt in der Familie im Iran durchgeführt hat.
Seit 1978 unterreichtet Shahla Ezazi an der Allameh Tabatabaii University (ATU) in Teheran Familiensoziologie, Soziologie der Erziehung und der Massenmedien und hält Vorlesungen über Feminismus, Women Studies, Gender Sociology und Familientheorie. Shahla Ezazi ist kurz vor der Revolution nach Teheran gezogen und in verschiedenen Organisationen aktiv, unter anderem ist sie Direktorin der Sociology Association in Teheran.
Die Expertin hat an der Universität Wien Soziologie studiert und ist Autorin zahlreicher Bücher und Artikel. Zu den bekanntesten Büchern zählen Family and Television (1994), Sociology of Family (1997), und Violent Family: Battered Women (2002).
Frauen ohne Grenzen hat Shahla Ezazi getroffen und mit ihr über ihre Arbeit und die Situation der Frauen im Iran gesprochen.
Frauen ohne Grenzen (FoG): Was sind die Themen Ihrer Forschungsarbeiten?
Shahla Ezazi (SE): Meine ersten Untersuchungen in Teheran gemacht habe, behandeln das Bild der Frau im Fernsehen. Die erste Forschungsarbeit bezog sich auf Frauen in Soap Operas und in der zweiten ging es um das Bild der Familie in Kinderprogrammen - wie die Familie überhaupt und im Besonderen die Frauen und die Mädchen im Kinderprogramm gezeigt werden.
Später habe ich begonnen, mich mit dem Problem von Gewalt in der Familie zu beschäftigen und seitdem bin ich bekannt als „die Expertin“.
Ich habe Interviews mit Frauen in Teheran gemacht und daraus wurde das Buch Violent Family: Battered Women (2002).
Das war meine letzte Arbeit, seitdem beschäftige ich mich mit verschiedenen Institutionen, der Regierung usw. und nehme an Workshops zu Gender und Sex, Gendersensitiveness usw. teil.
FoG: Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit berührt. Wie ist die Situation im Iran?
SE: Ich habe mit meinen Untersuchungen vor 6 Jahren angefangen. Bevor man so etwas macht, ist es ja normal, dass man mit KollegInnen und FreundInnen darüber spricht. JedeR hat mich ausgelacht und gesagt „Was, in Teheran? Gewalt gibt es hier doch überhaupt nicht, vielleicht bei den Frauen, die ganz arm sind und in Dörfern wohnen, aber in Teheran doch nicht!“ Nachdem ich mit FreundInnen und KollegInnen ein bisschen geredet habe, haben einzelne zu erzählen begonnen: „Ja, ich kenne so eine Cousine von mir, sie hat einmal eine Gipshand gehabt“, oder „Ja, und die Nachbarin von uns …“
"Im Iran sind wir beim ersten Schritt stehen geblieben..."
Heutzutage ist Gewalt in der Familie ein sehr „populäres“ Thema im Iran. Dazu haben verschiedene Faktoren beigetragen; erstens die Peking Konferenz [1] , bei der es darum ging, dass Regierungen Gewalt bekämpfen müssen, und zweitens meine wissenschaftlichen Arbeiten über Gewalt in der Familie und die damit verbundenen Schwierigkeiten.
Wenn man eine Untersuchung macht, ist der erste Schritt, dass die Öffentlichkeit sensibilisiert wird, die Leute darüber Informationen bekommen. Dann müssen Änderungen im Gesetz und in anderen Institutionen forciert werden und als Drittes müssen die Opfer vor Gewalt beschützt, und vor allem müssen Frauen unterstützt werden.
Im Iran sind wir beim ersten Schritt stehen geblieben. Die anderen Schritte sind wirklich sehr schwer umzusetzen.
FoG: Was sind die Stolpersteine, wo sind die Hürden?
SE: Die Gesetze können wir kaum ändern. Für die Staatsmänner – ich sage absichtlich Staatsmänner, weil alle Männer sind – ist das ja überhaupt kein Thema, die wollen die Gesetze nicht ändern.
Aber es gibt ja eine Abteilung für Women’s Affairs. Diese Frauen in der Regierung sind zwar nicht ganz an der Spitze, aber sie versuchen trotzdem irgend etwas zu tun, dennoch ist es sehr schwer. Gesetze sind bis jetzt noch nicht geändert worden und es gibt auch keine Unterstützung, kein Schutzprogramm usw.
Anscheinend existiert eine Hotline, bei der von Gewalt betroffene Frauen anrufen können, aber kein Mensch kennt die Nummer!
Die Männer werfen ihre Frauen mitten in der Nacht aus dem Haus; manchmal ohne Chador, Kopftuch und ohne Geld. Was soll die Frau dann tun? Sie versteckt sich irgendwie hinter Bäumen, bis irgendeine Nachbarin die Tür für sie öffnet und sie rein lässt. Aber dann kann sie niemanden anrufen, sie hat ja kein Geld, sie kann ja zu niemandem gehen. Sie hat überhaupt keine Chance.
Man weiß mittlerweile zwar, dass Gewalt in der Familie existiert, aber jetzt müssen die nächsten, wichtigen Schritte gesetzt werden.
FoG: Nun ein kurzer Schwenk zur Politik. Frauen sind überall politisch aktiv. Wie ist die Situation im Iran?
SE: Vor zwei Jahren waren sehr viele Frauen in der Regierung, aber die Ziffer alleine zählt natürlich nicht. Einige waren sehr aktiv, wollten neue Gesetze für die Frauen und haben Gesetzesänderungen versucht, aber es sind nur sehr wenige Gesetze zum Erlass gekommen.
Jetzt, nach den neuen Parlamentswahlen, sind auch ein paar Frauen im Parlament, aber das zählt überhaupt nicht. Einmal hat eine Parlamentarierin gesagt, dass Vielweiberei eine wirtschaftliche Lösung für die Frau ist, dass die Frauen doch froh darüber sein sollen, dass sie keine Arbeit, kein Geld haben und dass sie nicht verstehe, warum Frauen dagegen sind, da sie so ein Dach über den Kopf bekommen. Eine andere hat gesagt, wenn man 10 Prostituierte hängen würde, dann würde es überhaupt keine mehr geben.
In diese Richtung denken diese Frauen. Sie sind sehr konservativ. Da habe ich keine Hoffnung.
FoG: Und die Frauen, die nicht so denken?
SE: Es gibt viele Frauen, die auf akademischer Ebene und bei NGOs aktiv sind. Es gibt ca. 15 Frauen-NGOs, die wirklich versuchen, etwas zu bewegen. Aber man muss das in dem ganzen sozialen Kontext betrachten. Die Frauen versuchen, etwas zu tun, politisch aktiv zu werden, aber die Chancen, die Möglichkeiten, sind wirklich sehr gering.
„...aber die Männer haben eine gewisse Resistenz gegen uns...“
FoG: Was meinen Sie, welchen Beitrag leisten Frauen für die Zivilgesellschaft im Iran? Leisten sie hier Arbeit im Sinne von Bewusstseinsveränderung oder ist das nur ein Netzwerk unter den Frauen?
SE: Nein, es sollte nicht nur ein Netzwerk unter den Frauen sein. Bei der Frauengruppe der soziologischen Vereinigung konnten auch immer „normale“ Frauen an der Diskussion teilnehmen. Wir haben auch Männer eingeladen, aber die Männer haben eine gewisse Resistenz gegen uns und kommen nicht. Erstaunlicherweise – ich rede nur über Teheran – sieht man mehr Frauen auf der Straße, in Seminaren, überhaupt überall, als Männer. Die Männer haben sich irgendwie zurückgezogen.
Es gibt zum Beispiel im Iran sehr viele Schriftstellerinnen, mehr als Männer. Alle haben unterschiedliche Wege gefunden, sich zu äußern. Diese Wege sind manchmal positiv, manchmal negativ, aber trotzdem sind es Wege, mit denen Frauen versuchen, sich aus einer unterdrückenden Situation zu befreien. Zum Beispiel gibt es jetzt viele Frauen, die studieren - mehr als Männer. Im letzten Jahr waren 70% Frauen und 30% Männer an der Universität. Das ist zwar positiv, aber die Frage ist, ob die Frauen auch alle eine Arbeit bekommen können.
FoG: Wo liegen noch Probleme in der iranischen Gesellschaft? Womit haben die Frauen zu kämpfen?
SE: Das Problem der „Run-away-Girls“ ist leider sehr aktuell.
Weil so viel Unterdrückung im Iran herrscht, denken einige „wenn ich eine Universitäts-Ausbildung habe, dann kann ich unabhängig sein, dann kann ich arbeiten“, und die anderen Mädchen glauben „wenn ich von zuhause weglaufe, dann bekomme ich eine bessere Chance“.
FoG: Würden Sie sagen, dass sich das Bewusstsein der Iranerinnen ändert, dass die Frauen selbstbewusster geworden sind und für ihre Rechte eintreten?
SE: Es gibt wirklich sehr viele Indizien dafür, dass die Frauen selbstbewusster geworden sind und auf jeden Fall glaube ich, dass die Männer durch die Frauen ein anderes soziales Bewusstsein bekommen haben. Also vielleicht haben sich die Männer auch nicht geändert, aber es ist zumindest ein Anfang, dass zu gewissen Themen - in der Zeitung, in der Öffentlichkeit – ein Diskurs entstanden ist. Wörter, die die Reformistengruppen benutzt haben - Demokratie und Meinungsfreiheit zum Beispiel - sind jetzt so normal geworden, dass die Konservativen diese Wörter auch verwenden. Vielleicht verstehen die zwar etwas anderes darunter, aber das Wichtige ist, dass sie diese Ausdrücke gebrauchen.
FoG: Danke für das interessante Gespräch.
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[1] 1995 fand in Peking die vierte Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen statt. 6000 Delegierte aus 189 Ländern verabschiedeten eine Deklaration, in der die Teilnehmerstaaten ihr Bekenntnis zur Gleichstellung und Menschenwürde von Frauen und Männern bekräftigten und die Gewährleistung der Gleichstellung von Frauen und Männern vor dem Gesetz und in der Praxis versprachen.