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27. März 2003

Sumaya Farhat-Naser - Ein Brief aus Palästina

Es ist alles sehr schwer. Wir leben im Alarmzustand. Wir wachen nachts erschrocken auf, weil Schüsse fallen oder weil Panzer und Militärwagen immer wieder kommen, um Häuser zu durchsuchen, um Menschen gefangen zu nehmen. Wir horchen nach Geräuschen, suchen nach Radio-Sendungen und fürchten uns, schreckliche Nachrichten zu hören. Wir atmen auf, wenn es ruhiger wird.

Angst umhüllt uns, Gefahr beschattet uns. In der Seele bleiben die Schmerzen wegen der täglichen Meldungen über die vielen Toten und Verletzten.

Die Zerstörung vieler palästinensischerer Häuser an vielen Orten geht systematisch weiter - als sei das normal.
Es erschüttert uns und weckt unsere kollektive Erinnerung an die Zerstörung der über 400 palästinensischen Dörfer im Jahr 1948. Hauszerstörung als Mittel zur Vertreibung und Zerstörung der Existenz.

Die Welt schweigt, denn nichts ist neu dabei. Es gehört sich in diesem Fall und in dieser Zeit, dass man schweigt - das ist einfacher.
Doch die Verbitterung wächst, die Wut steigt und der Zorn schlägt in Hass, Verzweiflung und Depression über.

Im Januar und im Februar wurde in Israel kein einziges Attentat verübt Wir fühlten Erleichterung in der Hoffnung, der politische Weg könnte doch Oberhand gewinnen. Leider waren in dieser Zeit 164 Palästinenser vom Militär getötet worden. Daraufhin erneuerten sich die Attentate und viele zivile Israelis fanden den Tod. So erneuert sich das Weiterdrehen des Gewaltkreises und die Toten auf beiden Seiten werden mehr.
Auch das wird hingenommen als wäre es normal.

Unsere Seelen auf beiden Seiten leiden, unsere Zukunft bleibt ungewiss und wir entbehren jegliche Sicherheit.

All das ist zum Alltag geworden. Gewöhnen wir uns daran oder blenden wir uns aus, um zu überleben?
Unsere Albträume werden belebt; es könnte jeden treffen und im Schatten des Krieges, könnte das Schrecklichste „nur“ schlimm erscheinen, das Schlimme weniger arg, und das Schwere einfach ertragbar sein. Die Verschiebung oder Umstellung der Maßstäbe von Recht, Moral und Humanitätsverständnis wird zugelassen.

Sehr besorgt sind wir um unsere Familien im Irak. Zwei Stunden vor Beginn des Angriffs auf Bagdad haben wir telefoniert, Gedanken und Gefühle ausgetauscht und uns mit dem Gebet verabschiedet.
Die Telefonverbindung ist gestört.
Mein Schwager, 64 Jahre alt, seine Frau, seine Schwiegertochter, sein Sohn und seine Enkelin leben im Schutzkeller. Heute morgen kann ein E-Mail, es heißt, „noch leben wir, Gott schützt uns. Wir schreiben solange es noch möglich sein kann. Es gibt wenig Worte, die das, was in uns vor sich geht und was wir fühlen, beschreiben können.“

Wir trauern und hoffen, wir glauben und wollen uns umsorgt und behütet fühlen.

Die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser arbeitet seit vielen Jahren an Initiativen, Seminaren und Vorträgen, die vor allem jungen Menschen Hoffnung und neue Perspektiven geben. Frauen ohne Grenzen haben gemeinsam mit ihr das Projekt "Medizinische Notversorgung in Birzeit" realisiert.

 
 

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