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27. März 2008

Nazanin Afshin-Jam © Nazanin Afshin-Jam

Nazanin Afshin-Jam

Unorthodoxe MISSion

Nazanin Afshin-Jam, Kanadierin mit iranischen Wurzeln und ehemalige Miss Kanada, engagiert sich gegen die Hinrichtung im Iran inhaftierter Minderjähriger. Ganz nebenbei ist die 28jährige Aktivistin auch noch Sängerin, Pilotin und Politologin.

Nicht nur ein hübsches Gesicht”, „Sie ist hübsch und klug“, „Eine Schönheitskönigin, die eine message hat“ – das sind nur ein paar der Klischees, mit denen Nazanin Afshin-Jam gerne beschrieben wird. Ja, sie ist Miss World Kanada 2003 und niemand würde bestreiten, dass sie außergewöhnlich hübsch ist, aber es sind weder großen braunen Augen noch ihr langes Haar, die sie so bemerkenswert machen. Diese Merkmale haben es ihr lediglich ein bisschen leichter gemacht, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen. Und damit hat sie Leben gerettet.

Als sie vom Fall der minderjährigen Nazanin Mahabad Fatehi hörte, ein junges Mädchen, das im Iran zum Tode verurteilt wurde, weil sie einen Mann getötet hatte, der sie vergewaltigen wollte, startete sie umgehend eine Unterschriftenkampagne. Mit „Help Nazanin“ sammelte sie 350.000 Unterschriften. Am 31. Jänner 2007 wurde das junge Mädchen aus dem Gefängnis entlassen und ihre Todesstrafe aufgehoben. Die beiden Namensverwandten haben immer noch regelmäßig Kontakt, die junge Nazanin geht wieder zur Schule und will Anwältin werden.

Für Afshin-Jam war dieser Fall erst der Anfang ihres Engagements. Sie gründete Stop Child Executions, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, Minderjährige vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Iran sitzen etwa 90 Minderjährige in den Todestrakten der Gefängnisse. Heute versucht sie auch, über ihre Musik ihre Visionen zu vermitteln, vor allem der jungen Generation im Iran, „die Freiheit, Demokratie, die Trennung von Staat und Religion und Menschenrechte will“.

Jacqueline Stein, Frauen ohne Grenzen Praktikantin aus Kanada, führte ein Interview mit Nazanin Afshin-Jam über Schönheit, kulturelle Einflüsse, den Status von Frauen und Kindern in der Rechtssprechung der Scharia und warum es nicht immer so gut ist, eine overachieverin zu sein.

Über die Schönheit…
"Als ich mich dazu entschlossen habe, beim Miss World Bewerb mitzumachen, habe ich beim Roten Kreuz gearbeitet. Damals habe ich nicht viele Menschen erreichen können, vielleicht 30 auf einmal. Aber ich wollte mehr Leute erreichen und ich bin der Meinung, dass die Menschen SportlerInnen und Stars mehr zuhören als zum Beispiel Politikerinnen. Der Miss World Titel hat natürlich dazu beigetragen, dass ich mehr Aufmerksamkeit bekam, aber es geht nicht nur darum. Man braucht den ganzen Glitzer und Glamour nicht, um etwas zu verändern. Du musst nur deinen ganz eigenen Weg gehen, um für mehr Menschlichkeit zu sorgen.

Der Iran ist eine konservative Gesellschaft was die Kleidervorschriften und das Erscheinungsbild von Frauen betrifft. Aber die Menschen sind nicht unbedingt freiwillig konservativ, sie haben keine andere Wahl. Die meisten iranischen Frauen, ich würde sagen etwa 80%, wollen kein Kopftuch tragen müssen, sie wollen es selbst entscheiden können."

Über ihre Rolle als Repräsentantin der iranischen Frauen…
"Ich repräsentiere den Spirit dieser Frauen. Wenn man im Iran, in Teherans Stadtzentrum auf eine Party geht, dann ist das nichts anderes als all die Parties in London, Paris, New York; nur eben ein bisschen diskreter. Die iranische Gesellschaft will mit dem Westen in Kontakt sein. Vor der Revolution vor 29 Jahren waren die Menschen im Iran viel freier, sie hatten viel mehr Rechte. Frauen und Männer waren gemeinsam unterwegs, haben Alkohol getrunken, gefeiert. Auch wenn ich nicht die aktuelle Realität der Frauen im Iran repräsentiere, ich stelle auf jeden Fall ihre inneren Werte dar."

Über Unterstützungssysteme…
"Ich würde sagen, dass mich etwa 90% der IranerInnen – innerhalb und außerhalb Irans – sehr unterstützt haben, als ich für die Miss World Kanada kandidierte. Vor allem auch deshalb, weil der Iran in den letzten Jahren nicht wirklich gut dastand in der Öffentlichkeit.
Ich hatte das Glück, dass meine Familie mich unterstützt hat, sie wollte, dass ich glücklich bin. Außerdem hatte ich noch das Rote Kreuz, Amnesty International und die Anwälte im Iran, die Minderjährige, die zum Tode verurteilt sind, vertreten. Ich fühlte mich gestärkt, wollte immer schon etwas bewegen. Als ich das erste Mal von Nazanin hörte, war Amnesty International eine großartige Unterstützung bei der Organisation der „Help Nazanin“ Kampagne. Jeder hat mich unterstützt."

Über den Status von Frauen und Kindern…
"Laut dem iranischen Strafgesetzbuch, das auf der Sharia aufgebaut ist, ist das Leben einer Frau nur halb so viel Wert wie das eines Mannes. Ein Mädchen gilt mit 9 Jahren als erwachsen und wird somit auch für Rechtsverstöße bestraft. Das Internationale Abkommen über staatsbürgerliche und politische Rechte legt jedoch fest, dass es unter keinen Umständen erlaubt ist, Minderjährige zu exekutieren. Aber das iranische Gesetz missbraucht diesen Paragraph und sagt: „Wie werden sie nicht mit 9 Jahren töten, sondern sie bis zum 18. Lebensjahr gefangen nehmen und dann hinrichten“.

Im kulturellen Sog zwischen Iran und Kanada….
"Ich bin in Kanada aufgewachsen und ich konnte es nie verstehen, warum ich nie so wie alle anderen bei einer Freundin übernachten durfte. Ich glaube, meine Eltern waren im Grunde nur um meine Sicherheit besorgt. Sie waren schon konservativer als die typischen kanadischen Eltern, aber auch liberaler als die typischen iranischen Eltern. Kulturell war ich zwischen Kanada und dem Iran hin und her gerissen.

Jetzt, als Erwachsene interessiert es mich, mehr über meine Kultur und die Geschichte zu erfahren und ich bin auch stolz über die ganze Vielfältigkeit. Die iranischen Politiker haben sehr rückständige Ansichten und ich möchte gerne, dass die Menschen im Westen wissen, dass das nicht der Mainstream ist, dass die IranerInnen zum Großteil nicht so denken."

Über das Dazugehören und Darüberstehen…
"Ich kann den Druck, unter dem die jungen Frauen heute stehen, gut nachvollziehen, mir ist es genauso gegangen. Die Kinder haben mich angespuckt, mich beleidigt als ich in der Schule war, aber dann, 10 Jahre später, als wir Klassentreffen hatten, entschuldigten sich einige und viele sagten: „Ich habe immer gewusst, dass du einmal etwas Gutes tun wirst“.

Ich bin froh, dass ich damals so stark war und an mich und meine Ziele geglaubt habe. Aber ich denke heute auch „alles in Maßen“. Vielleicht hätte ich als Teenager auf ein paar mehr Parties gehen können, weil das einfach zum Erwachsenwerden dazu gehört. Ich erinnere mich, als ich noch ein Kind war und immer zu viel auf einmal gemacht habe. Manchmal wollte ich am liebsten einfach nur dasitzen und weinen, weil ich so überwältigt war.

Heute sage ich „Mach soviel du kannst, aber nur solange du damit glücklich bist“. Wenn du einen Traum hast, dann verfolge ihn. Es geht immer um die Balance: nicht dem Gruppenzwang verfallen, sondern sich selbst genügend Raum erlauben, um sich zu entwickeln.“

 
 

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