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25. März 2008

Seismograph der Gesellschaft

Die Sozialwissenschafterin Edit Schlaffer im Gespräch mit Margit Schwarz-Stiglbauer: über islamische Frauen im Aufbruch, Grenzen der Koedukation und den Lackmustest für Partnerschaftlichkeit.

Die renommierte Sozialwissenschafterin Edit Schlaffer ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem als Autorin zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher zur Genderforschung bekannt. Sie besetzt nicht das Klischee einer männerfeindlichen Aktivistin: Klar und vorurteilsfrei, von den realen Gegebenheiten ausgehend, analysiert Edit Schlaffer die Probleme, in denen heute Frauen und Männer stecken. So erstaunt es nicht, wenn sie argumentative Oberflächlichkeiten und Stereotypen bei diesen wichtigen Themen reizen.
Zum Beispiel die Vereinbarkeitsdiskussion, wie sie in Österreich geführt wird. "Die hat leider wenig Substanz und schrammt an den wahren Problemen vorbei," ärgert sie sich. "
Andere positiv erprobte Modelle, die es in Europa ja bereits gibt, müssten auf Praktikabilität für Österreich untersucht werden. "Warum holen wir uns nicht ExpertInnen und überlegen uns neue Wege?", schlägt sie vor und nennt das Modell der Niederlande, in denen ein großer Teil der ArbeitnehmerInnen teilzeitbeschäftigt ist, was eine elterliche Betreuung der Kinder an zwei Tagen der Woche ermöglicht. Oder ein weiteres Beispiel: Zwei Kollegen aus Harvard und Bologna untersuchen gerade ein Modell zur Realisierung von Genderfreiheit: Steuerbegünstigungen für Frauen. Nicht nur Frauen profitieren dabei, sondern auch Unternehmen, die Frauen einstellen. "Obwohl Familienorganisation heute noch immer als etwas Privates gesehen wird, hat der Appell ,Mutter zum Kind' keine gesellschaftliche Schubwirkung mehr", zieht Edit Schlaffer Bilanz. Die Entwicklung gehe bereits hin zu gesamtgesellschaftlicher Verantwortlichkeit. "Wir brauchen eine völlig neue geistige Ausrichtung und neue Modelle. Da muss die Gesellschaft ran", fordert sie.
Dass Männer nicht in die frühkindliche Erziehung eingebunden sind - eine Zeit, in der das "Fundament moralischer, verantwortlicher, sozialkompetenter Orientierung gelegt wird" -, hält Schlaffer für ein "gesellschaftliches Drama": "Kinder lernen von gegengeschlechtlichen Partnern, wie Dinge gesehen werden, Konflikte ausgetragen werden, wie unterschiedlich wir die Welt sehen aufgrund unserer Genderprägung. Dass wir das unseren Kindern nicht ermöglichen, ist ein unglaublicher gesellschaftlicher und emotionaler Verlust", bedauert die Mutter zweier Teenager.

Neue Männer
Die Wissenschafterin, die die Ludwig Boltzmann Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut und geleitet und dort bereits in den 1980er-Jahren innovative Forschungsschwerpunkte zu Gender und Entwicklung etabliert hat, sieht durchaus die Bereitschaft der "neuen Männer" zu mehr Partnerschaftlichkeit: "Sie spüren ja auch, dass sie ein zum Teil entfremdetes Leben führen, abgeschnitten von emotionalen Benefits, weil sie zu wenig präsent sind. Sie trauen es sich aber noch nicht zu. Die Angst ist da, wenn sie sich familiär stärker einbringen, dass sie dann beruflich einen riskanten Weg gehen. In Skandinavien hat man dieses Problem rechtzeitig erkannt", erklärt sie und erzählt von einem Wissenschafterpaar, das sie in Kalifornien kennen gelernt hat: Er geht um 5.00 Uhr früh ins Labor und kommt um 12.00 Uhr nach Hause, dann geht sie. "Biografisch sind das nur wenige Jahre, in denen Kinder mehr Betreuung brauchen. Es ist nicht einzusehen, dass Frauen deswegen völlig aus ihrer Karriere fallen", betont Schlaffer.

Lost Boys
Dass es trotz einer weiblichen Mehrheit an Uni-AbsolventInnen noch immer so wenige Professorinnen gibt, sieht sie in erster Linie in ungerechten Verteilungsstrukturen begründet: "Die reproduktiven Jahre einer Frau fallen direkt in die Zeit des Karriereaufbaus. Wie soll eine Frau eine Habilitation schaffen, wenn sie gerade zwei Kinder bekommen möchte bzw. soll, denn es ist ja auch ein gesellschaftliches Anliegen und nicht nur ihr privatistischer Wunsch."
Dass den Frauen nicht ermöglicht wird, sich wissenschaftlich zu etablieren, und die Männer gleichzeitig immer mehr Führungspositionen innehaben, sieht sie auch für die Institution Universität als "keine langfristige Perspektive". Sie bedauert, dass das Bildungssystem sich mit PISA-Studien oder Ähnlichem beschäftig, aber nicht mit den Burschen, die aus dem System fielen, weil sie oft gerade in diesem Alter weniger motiviert und wissenschaftlich orientiert seien: "Wir erzeugen eine ganze Generation von ,lost boys'." Und nennt ein Beispiel: Weil Burschen an den Aufnahmetests für amerikanische Eliteuniversitäten so schlecht abschneiden, gibt es zurzeit in den USA eine heiße Diskussion: die Einführung einer Männerquote.

Frühwarnsystem
Edit Schlaffer sieht ihre Wissenschaft als praxisbezogene und projektorientierte Forschung, die etwas bewirken, verändern kann, und bedauert, dass die Fähigkeit der Sozialwissenschaft zur Mitgestaltung viel zu wenig wahrgenommen wird. "Wir fühlen uns machtloser, als wir tatsächlich sind. Das geht weit über Politikberatung hinaus. Die entscheidende Funktion der Sozialwissenschaft ist ein Frühwarnsystem." Gerade in der aktuellen Situation von starken nationalen und internationalen Spannungszuständen sieht sie ihre Wissenschaft gefragter denn je.

Frauen ohne Grenzen
Diese Erkenntnis war auch Motivation für die Gründung von "Frauen ohne Grenzen" Anfang 2002. Anlass war die Machtübernahme der Taliban Mitte der 1990er-Jahre in Afghanistan und die "Auslöschung" von 50 % der Bevölkerung quasi über Nacht: Frauen durften damals weder Schulen noch Universitäten besuchen, keinen Beruf ausüben und sich nicht alleine auf offener Straße bewegen. Die Bilder der vermummten Frauen in ihren Burkas gingen damals um die Welt. Edit Schlaffer spürte die Verantwortung, die in der eigenen Freiheit liegt, auf diese dramatischen Ereignisse zu reagieren. Nach dem Fall des Taliban-Regimes Ende 2001 gründete Schlaffer "Frauen ohne Grenzen" und das erste Projekt "Empowerment von afghanischen Frauen für afghanische Frauen". Das war eine erste Initiative, Frauen auf die Wahlen im September 2004 und längerfristig auf ihre Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben vorzubereiten. Zum Kick-off von "Frauen ohne Grenzen" kam dann auch die erste Frauenministerin Afghanistans, Sima Samar, und appellierte: "Wir brauchen euch, damit ihr das, was uns passiert, öffentlich macht."

Katalysator
Mittlerweile agiert die Organisation weltweit mit zahlreichen Projekten und ist zu wichtigen internationalen Konferenzen eingeladen. Das Geheimnis ihres Erfolges liegt in der Arbeitsweise: ausschließlich projektorientiert, immer in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen, die meist am besten wissen, was sie brauchen. Dabei ist ihr Ansatz, laufende gesellschaftliche Prozesse zu unterstützen - vorurteilsfrei und ohne fertige Lösungen. Am Anfang eines Projektes steht immer das Zuhören, im Gespräch herausfinden, was die tatsächlichen Bedürfnisse sind. So sind während des Tsunami in Südindien viele Frauen ertrunken weil sie nicht schwimmen konnten. Die Organisation bot den Frauen Schwimmkurse an. Mit dem Schwimmen stieg auch das Ansehen der Frauen - in einer dörflichen Gesellschaft, die "stark von häuslicher Gewalt geprägt ist". Damit können von innen gewünschte Prozesse durch projektbezogene Unterstützung von außen gesellschaftliche Veränderungen auslösen.

Aufbruch im Nahen Osten
Solche gesellschaftlichen Veränderungen untersucht die Wissenschafterin vom FWF gefördert durch das Translational Research-Projekt "Brücken bauen - Frauen-Empowerment im mittleren Osten" gerade im Arabischen Raum.
"Ein richtiger Talentepool von Frauen ist im Aufbruch und wird diesen islamischen Gesellschaften ein neues Gesicht geben," prophezeit Schlaffer und belegt:"In Saudi Arabien sind bereits über 70 % der Studierenden weiblich. Physik ist in Bahrain weiblich besetzt." Im Rahmen dieses Projektes wollten die WissenschafterInnen jungen Frauen in Saudi-Arabien den Berufseinstieg durch Karrieremessen erleichtern. "Die Universitäten hatten das bereits selbst organisiert. Nur, das Problem war, dass die Frauen nicht mutig genug waren, dort hinzugehen. Gewünscht waren Trainingsangebote, um zu lernen, sich darzustellen, den Mut zu gewinnen, die Hürden zu überspringen", erzählt sie.
So haben die WissenschafterInnen Trainingsprogramme entwickelt und an zwei führenden saudiarabischen Unis durchgeführt. Und haben gesehen: "Das ist der Schlüssel: die Bereitschaft zu sagen: Ich kann das. Ich trau mir das zu", ist Schlaffer überzeugt.

Boys' Days
Warum aber ist in Bahrain Physik weiblich besetzt, während man in Österreich vergeblich um mehr weibliche StudentInnen in den Naturwissenschaften wirbt? "Durch die Trennung der Geschlechter in diesen Ländern ist eine Vielfalt weiblicher Rollenmodelle vorhanden. Die Mädchen werden in den Schulen nicht durch dominante Buben abgedrängt", erklärt Schlaffer. Also wieder zurück zu Buben- und Mädchenklassen? "Nein. Koedukation ist ein absoluter Wert. Man muss aber mögliche Defizite ausgleichen", ist Schlaffer überzeugt und berichtet von einem Projekt in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium.
Seit einiger Zeit gibt es die sogenannten "Girls' Days", wo Mädchen in Unternehmen gehen, um sich nicht-traditionelle Berufe anzusehen. Nun soll es auch "Boys' Days" geben. Die Kinder sollen gefördert werden, über ihre Gendergrenzen hinaus zu denken und sich neue Aktionsbereiche aufzutun. "Das ist ein revolutionäres Konzept und bedeutet, die Buben gehen in Bereiche, die als weiblich, unterbezahlt und als minderqualifiziert gelten, die aber gesellschaftlich wahnsinnig wichtig sind", erklärt Schlaffer. Als Beispiel nennt sie den Pflegebereich, der mit steigender Lebensdauer die Herausforderung unserer Zeit ist. Junge Männer in diese Bereiche hineinzubringen würde eine Neubewertung der Berufsbilder im Pflegebereich bringen, sie in Image und Bezahlung aufwerten. "Diese Genderinbalancen müssen auf der gesellschaftlichen Ebene abgehandelt werden und nicht auf der zwischenmenschlichen Schiene", ist sich die Forscherin sicher.

Kick-off
Gesellschaftliche Unbalancen sind seit den 1970er-Jahren stark im Fokus der wissenschaftlichen Forschung der Mittfünfzigerin, die damals als Lehrende an der Sozialakademie erfahren hat, dass Sozialarbeiter immer stärker mit dem Problem häuslicher Gewalt konfrontiert waren. Als junge Assistenzprofessorin hat sie eine Studie zu diesem Thema durchgeführt, die sie als "Kick-off" sowohl für ihre forscherische Tätigkeit als auch das Forschungsgebiet selbst bezeichnet: "Sich Gewalt und Macht in der zwischengeschlechtlichen Beziehung anzuschauen war damals völlig neu. Auch, dass das Private politisch ist und nicht in einem herrschaftsfreien Raum schwebt. Das war mein prägender Ausgangspunkt."

Brückenbau
Die aktuelle Herausforderung ihrer Zunft sieht Schlaffer, die im Nahen Osten sehr aktiv ist, jenseits geschlechtlicher Inbalancen in ethnischen und religiösen Spannungen. "Wir müssen jenseits des weltanschaulichen Kreuzzugs vermitteln, dass wir zunächst einmal zuhören, gemeinsam Maßnahmenkataloge erarbeiten und Begegnungsflächen initiieren", nennt sie die Ziele. Vor kurzem war "Frauen ohne Grenzen" als einzige westliche zivilgesellschaftliche Organisation beim Islamic World Economic Forum in Malaysia eingeladen. Im Herbst wird sie beim Worlds' Women Forum in Seoul die FWF-Studie vorstellen. "Das sind wahnsinnige Chancen zur Sichtbarmachung und zum Brückenbau", freut sie sich. Gerade angesichts der Integrationsproblematik muslimischer Zuwanderer in Europa bedauert Schlaffer, dass es dazu kein Datenmaterial gibt: "Wir wissen nicht, wie es ihnen wirklich geht. Wir bräuchten ein groß angelegtes Wissensprojekt und müssten an die unsichtbaren Mütter herankommen", fordert sie. Zurzeit überlegt sie gerade, einen Fußballclub für muslimische Mädchen in Wien zu etablieren.

Bei allen ihren Projekten wird klar: Edit Schlaffer ist eine perfekte Netzwerkerin. Ihr Credo: "Über nationale Belange hi-nausschauen und die Welt aus der Vogelperspektive sehen." Und was rät sie jungen Wissenschafterinnen?
"Mit vollem Einsatz das studieren, was man möchte, ohne sich von Verwertbarkeitskriterien ablenken zu lassen. Und bei der Partnerwahl: ein Lackmustest für Fairness und Partnerschaft. Ohne diese Kompatibilität wird nichts erreichbar sein", ist sie sich sicher. Dafür braucht es ihrer Ansicht nach nicht nur völlig neue gesellschaftliche Modelle, sondern auch Unterstützung und Training: "Was wir in Saudi-Arabien machen", fügt sie lächelnd hinzu, "bräuchten die Frauen hier im Grunde genauso". (mas)

Das Porträt ist im Sommer 2007 im Info Magazin des Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung - FWF (www.fwf.ac.at)

 
 

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