
18. Februar 2008
Edit Schlaffer im Gespräch mit Benazir Bhutto in ihrem Haus in Dubai im Herbst 2006.
Noch in ihrem Exil in Dubai hat Benazir Bhutto mit mir über die Zukunft ihres Landes gesprochen. Vergangenen Dezember fiel sie einem Attentat zum Opfer. Zu den Wahlen in Pakistan am 18. Februar: aus einem nachgelassenen Interview.
Benazir Bhutto, bereits eine Legende zu Lebzeiten, ist einem Attentat zum Opfer gefallen. Ich traf sie in ihrem Exil in Dubai, in ihrem Wohnzimmer, in dem sich kleine Gruppierungen versammelt hatten, die nicht unterschiedlicher sein könnten: westliche Diplomaten in Nadelstreif, Stammesvertreter in Pluderhosen, Frauen in fließenden shalwar khameez . Benazir Bhutto war charismatisch, eloquent und schön. Durch ihre Ausbildung an englischen und amerikanischen Elite Universitäten war sie aufgeschlossen für westliche liberale Werte, gleichzeitig war ihr Leben maßgeblich durch ihre dynastischen Ambitionen bestimmt. Sie war eine couragierte Frau, die die islamistische Bedrohung realistisch einschätzte und in an diesem kritischen Wendepunkt in der Geschichte ihres Landes eine Hoffnung für Einigung repräsentierte.
Sie haben die Geschichte Pakistans entscheidend mitgeprägt und planen und sind entschlossen, das wieder zu tun. Die interessierte Weltöffentlichkeit fragt: wer ist eigentlich Benazir Bhutto?
Ich bin Benazir, die erste muslimische Frau, die Premierministerin wurde, das ist der Eckpfeiler meiner Identität. Und das habe ich der Ermutigung meines Vaters zu verdanken. Er war der beste Mentor, den Sie sich vorstellen können. Und dann hatte ich das Glück in Harvard zu studieren, zu einer Zeit als eine junge Frau dort unterrichtete, Professor Martina Horner, die über die Angst der Frauen vor Erfolg forschte. Ich habe als 16-jährige Studentin geschworen: Benazir, du wirst nie in diese Falle tappen.
Das ist ein globales Phänomen: dass Frauen oft nicht weiterkommen, weil ihnen niemand das Vertrauen gibt, das beste aus dem zu machen, was in ihnen steckt.
Das stimmt immer noch, allerdings nicht für die Eliten. Angehörige der Eliten haben viele Vorteile, für sie gelten andere Standards. Wenn wir unsere Privilegien entsprechend einsetzen, können wir viele Barrieren niederreißen. Als Tochter Zulfikar Ali Bhuttos hatte ich die einmalige Möglichkeiten, deshalb habe ich es nie als negativ empfunden, Teil der Elite zu sein, sondern als Privileg und Verpflichtung, etwas daraus zu machen.
Die Eliten, insbesondere in Ihrer Weltregion, sind allerdings nach wie vor männlich, die Gesetze des Patriarchats bestimmen die Politik und den Alltag von Männern und Frauen.
Das stimmt, aber trotzdem war ich immer unerschrocken und habe niemals Angst gehabt. Das ist bis heute so. Ich habe mich nicht von den Drohungen und Vorhaltungen von meiner Kandidatur abhalten lassen, dass die Bevölkerung eines muslimischen Landes niemals eine Frau wählen würde. Hätte ich nicht mit großer Leidenschaft meine erste Wahlkampagne in der Überzeugung geführt, dass es mir gelingen wird, die Welt vom Gegenteil zu überzeugen, hätte ich also nicht den Mut für diesen Testlauf gehabt, hätte ich es nie gewusst, ob es möglich ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es wichtig ist, mich auf ein großes Risiko einzulassen. Nichts gewagt, nichts gewonnen – das war ein Leitmotiv meiner Kindheit.
War es für Sie eigentlich von Bedeutung, eine weibliche Repräsentantin zu sein? Heute müssen Sie sich den Vorwurf gefallen lassen, Ihr Startkapital verschleudert zu haben, zuwenig für Reformen und vor allem für die Frauen in Ihrem Land getan zu haben.
Ich musste erkennen, dass man an der Spitze wirklich allein ist. Die Intrigen waren unglaublich. Mein Vater hat mich oft gewarnt, mich vor Schmeicheleien in Acht zu nehmen, Aber mir wurde nicht geschmeichelt, ich wurde auch wenig kritisiert, aber dafür hat man versucht mich zu manipulieren. In seiner Todeszelle hat mein Vater noch zu mir gesagt: hör nicht auf die Leute, die die Saat des Zweifels in deine Gedanken streuen. Am Beginn meiner ersten Amtszeit war ich aber zu gefügig, das wurde von vielen ausgenützt für die Durchfechtung eigener Rivalitäten. Ich war in Wirklichkeit noch unglaublich jung und unsicher, aber ich lernte schnell und entwickelte eigene Standpunkte zum Entsetzen mancher meiner Berater.
Sie haben auf einer persönlichen Ebene erlebt, wie schwer es war sich in der traditionellen pakistanischen Gesellschaft durchzusetzen.
Ja, das ist richtig. In Pakistan herrscht ein sehr dezidiertes Frauenbild vor. Der Armeechef weigerte sich einfach, mir zu salutieren. Er befahl seinen Offizieren, mich niemals vom Flughafen abzuholen, damit es keine Filmaufnahmen davon gäbe, wie sie mir salutierten. Mein Mann wurde dafür angegriffen, dass er mir erlaubte, so aktiv zu sein. Bevor sie mich absetzten, schickten sie einen Kommandanten zu ihm mit dem Vorschlag, dass ich zu seinen Gunsten abtreten sollte. Eine Frau an der Spitze war ihnen unerträglich. Mein Bruder wurde tatsächlich soweit manipuliert, dass er meiner Mutter vorschlug, dass er doch als männlicher Erbe der geeigneter Parteivorstand wäre. Das waren ganz gezielte Versuche meine Familie zu spalten und mich zu schwächen.
Sie haben mit ihrem Schritt, eine arrangierte Ehe einzugehen, die traditionellen Werte und Normen, die das Zusammenleben von Männern und Frauen in Pakistan begründen und bestimmen alles andere als in Frage gestellt.
Meine Familie hat meinen Mann für mich ausgesucht, ich durfte ihn vorher sehen und habe akzeptiert. Warum? Um politisch aktiv zu sein, brauchte ich mein eigenes Heim. Als alleinstehende Frau wäre ich unakzeptabel gewesen. Jedes mal wenn ich im meines Wohnzimmer meines Elternhauses eine Versammlung geplant hätte, müsste ich meine Schwägerinnen fragen. Und ich wollte einen Mann und Kinder, aber wie sollte das anders funktionieren? Mit einem Mann einfach auszugehen kam nicht in Frage.
Was haben Sie also für die Frauen Pakistans getan? Sie selbst sind privilegiert aufgewachsen, mit einem modernen Vater, der keinen Unterschied machte zwischen Ihnen und Ihren Brüdern.
Ich habe mich entschieden für die Bekämpfung von häuslicher Gewalt in meinem Land eingesetzt. Zum erstenmal in der Geschichte Pakistans sollte dieses Vergehen strafbar sein. Also starteten wir TV-Programme, die die Öffentlichkeit informieren sollten, dass Gewalt in der Familie nicht toleriert werden würde. Sie können sich die Welle der Abwehr nicht vorstellen, die auf mich zukam, männliche Politiker und auch Frauen sind gegen mich aufgestanden und haben mich beschuldigt, das Land in den Schmutz zu ziehen und öffentlich bloßzustellen. Ich war entschlossen, das Schulwesen auszubauen, ich habe 100.000 neue Lehrer rekrutiert und darauf bestanden, dass zwei Drittel Frauen sein müssten, um sie in die Öffentlichkeit zu bringen. Frauenpolizeistationen wurden eingerichtet, damit Frauen in einem sicheren Umfeld über Verbrechen, die ihnen angetan wurden, sprechen konnten. Gerade i einer geschlechtersegregierten Gesellschaft wie Pakistan ein wesentlicher Schritt, dem Opfer den ersten Schritt in Richtung Gerechtigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich auf Bereiche eingelassen, die ein Mann in meiner Position sicher nicht angerührt hätte.
Welche weiteren Agenden haben Sie aufgegriffen?
Beispielsweise unsere explodierende Geburtenrate. Die UN organisierte einen Bevölkerungsgipfel in Kairo. Ich stand unter großem Druck, die Angelegenheit fallen zu lassen, aber ich wusste: diese Frage ist fundamental für die Zukunft unseres Landes. Welche ökonomischen Erfolge wir auch erzielen, sie werden durch ungehindertes Bevölkerungswachstum zunichte. Wenn Frauen keine Kontrolle über ihre reproduktiven Rechte haben, dann werden sie eher Gefahr laufen, unterernährt zu sein, leichter krank werden, nicht arbeiten können. Die große Herausforderung war, die Frauen überhaupt zu erreichen, da sie selber am allermeisten Angst davor haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, zu unsicher sind, was das für Konsequenzen haben könnte. Ich habe mich entschlossen, die Frauen direkt anzusprechen, und wir planten eine ganze Armee, von Frauen zu rekrutieren, um gezielte Aufklärungsarbeit zuleisten. Es gelang über 50.000 Frauen in den ersten drei Jahren meiner Regierung zu mobilisieren und auszubilden. Das ist vielleicht kein großer Erfolg auf der internationalen politischen Bühne, aber von hoher Wichtigkeit für das Leben der Menschen in meinem Land.
Aktuell gibt es eine Diskussion über den Führungsstil von männlichen und weiblichen Politikern, ihrem spezifischen Umgang mit Macht. Der häufig als weiblich etikettierte Zugang der „soft skills“ war nicht unbedingt Ihr persönliches Markenzeichen.
Bereitschaft für harte Arbeit und eiserne Disziplin sind die Grundausstattung, die man für Politik braucht, beide Eigenschaften sind meine hervorstechenden Persönlichkeitsmerkmale. Aber darüber hinaus war mein subjektiver Maßstab: immer zu beweisen, dass ich genauso gut bin wie ein männliches Staatsoberhaupt. Ich war entschlossen so tough aufzutreten wie ein männlicher Führer , um so zu zeigen, dass ich ein weiblicher Mann war. In meiner ersten Regierungsperiode setzte ich alles daran, so zu agieren, aber als ich das zweite mal nach Pakistan zurückkam, war ich entschlossen, nicht mehr den Beweis anzutreten, dass ich so stark sein kann wie ein Mann, der an der Macht ist. Ich erkannte, dass ich die weibliche Version der politischen Führung repräsentieren kann und dass diese eine ganz andere Geschichte ist. Ich war wie viele Frauen in Führungspositionen in die klassische Falle gegangen: du wirst nur akzeptiert, wenn du möglichst kompromisslos, möglichst männlich auftrittst. Damit wird die Rhetorik automatisch härter, kriegerischer. Wenn Menschen eine Frau wählen, drücken sie damit auch aus, dass sie eine andere, eine zugewandtere Politik wollen, eine Politik, die sich auch um ihre alltäglichen Sorgen bemüht.
Die Zeit des Exils kann vielleicht am nützlichsten verwendet werden für Reflexion und Analyse. Wenn Sie heute zurückschauen auf ihre Zeit als Premierministerin, was ist gut gelaufen, aber was würden Sie anders machen?
Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg war, in Erziehung zu investieren, aber es war nicht genug -- in Erziehung zu Demokratie im umfassendsten Sinn ist die Grundlage für unsere Zukunft. Nur eine pluralistische Gesellschaft , die die alten patriarchalen Gesellschaften überwindet, in denen niemand Fragen steht, wird mit den aktuellen Herausforderungen zurechtkommen. Wahlen sind nur ein Schritt in Richtung Transformation der Gesellschaft, es bedarf eines demokratiebewussten Militärs und Rechtssystems.
Sie haben verkündet nach Pakistan zurückzukehren, was gibt Ihnen die Zuversicht, dass Sie von der Masse der Bevölkerung willkommen geheissen werden?
Ich habe bewiesen, dass ich für Demokratie stehe. Die Extremisten haben natürlich versucht, uns zu destabilisieren, aber solange ich da war und Pakistan eine Demokratie war, konnten diese extremen Kräfte Afghanistan nicht in einen ort verwandeln, von dem aus sie dem Westen den Krieg erklärten. Die Russen sind 1989aus Afghanistanabgezogen, 1990 wurde meine Regierung gestürzt und dann kam die Attacke auf das World Trade Center. Zu diesem Zeitpunkt war Pakistan nahe daran zum Terroristen-Staat erklärt zu werden. Ich wurde wieder gewält und wir konnteen die terroristische Bedrohung zurückdrängen. Es gab keinen Terrorismus.
Es kamen allerdings die Taliban an die Macht und bald darauf erlebte die Welt die Kampfansagen Osama Bin Ladens und der Al Qaida.
Während meiner Zeit als Premierministerin war ein enormer Druck auf den Taliban mit der UN zu arbeiten. Als ich gehen musste, haben die Taliban sofort Al Qaida eingeladen, das hätten sie vorher nicht gewagt. Die Extremisten mussten mich loswerden, denn sie brauchten eine Basis, von der aus sie operieren konnten. Und noch einmal: die Taliban ohne Al Qaida waren eine andere Geschichte.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass es Wahlen geben wird und Sie eine entscheidende Rolle spielen werden?
Nach 9/11 wird die Bekämpfung des Terrors nicht möglich sein ohne faire freie Wahlen in Pakistan. Ich sehe ganz klar in welche Richtung die Bemühungen gehen: die Wahlen von Extremisten zu kontrollieren. Sie werden Musharraf als aufgeklärten Moderaten präsentieren. Aber solange Musharraf da ist, werden die Taliban sich wieder zusammentun und ihre Macht etablieren, das habe ich in den letzten Jahren immer wieder gesagt. Und was müssen wir heute erleben? Sie haben bereits den Taliban Staat in den Stammesgebieten Pakistans errichtet, direkt unter der Nase von Musharraf, der einer der engsten Verbündeten des Westens ist.
Was sind Ihre unmitttelbaren Pläne für die Zukunft?
Ich plane eine Rolle in der Zukunft meines Landes zu spielen. Ich werde niemals meinen Traum von einem Pakistan aufgeben, das in Frieden lebt mit Afghanistan, mit Indien und seinem Volk ein Leben in Würde und Sicherheit ermöglicht.
Das Interview wurde am 16. Februar in der Tageszeitung "Die Presse" gedruckt.