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09. März 2004

Connie B. Sekamana © Sabine Hauswirth

Connie Bwiza Sekamana ©Sabine Hauswirth

Connie Bwiza Sekamana (Ruanda) - "Wir sind keine Blumen!"

9. März 2004, Wie Frauen in Ruanda das Parlament eroberten

Martina Handler und Elisabeth Kasbauer/Frauen ohne Grenzen im Gespräch mit Connie Bwiza Sekamana

Frauen nahmen in Ruanda nach dem Genozid von 1994, bei dem innerhalb von 100 Tagen rund eine Million Menschen, also mehr als ein Zehntel der Gesamtbevölkerung, ums Leben gekommen sind, eine führende Rolle im Wiederaufbau- und Konfliktlösungsprozess ein.
Nach dem Völkermord bestand Ruandas Bevölkerung zu 70% aus Frauen und Mädchen; sie waren vor allem Zeuginnen der Gräueltaten und Opfer von Vergewaltigungen, Folterungen, Vertreibungen und Trauma.
1994 wurde die Übergangsregierung der Nationalen Einheit (GNU) mit Hilfe der Ruandesischen Patriotischen Front (RPF) gebildet. Connie Bwiza Sekamana ist seit ihrer Involvierung in die Verhandlungen um die Arusha-Friedensvereinbarungen von 1993 politisch aktiv. Von 1999 bis 2003 war sie Mitglied des Übergangsparlaments, im Herbst 2003 wurde sie vom Volk in das neue Parlament gewählt - als eine von 39 oder 48,8% weiblichen Parlamentarierinnen, womit Ruanda die Weltspitze erobert hat.

FoG: Wie wird der 8. März in Ruanda gefeiert?

CBS: Ich wünschte, ich könnte euch zeigen, wie wir diesen Tag begehen. Der 8. März ist in Ruanda ein nationaler Feiertag, die Schulen, die öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen, alle Menschen, auch die Männer, feiern diesen Tag, um die ruandesischen Frauen und alle Frauen auf der Welt zu ehren.
Ich bin etwas enttäuscht, dass der Frauentag hier nur für Frauen etwas bedeutet. Wir in Ruanda gehen davon aus, dass es keine reinen Frauenangelegenheiten gibt - es gibt nur Gender Angelegenheiten. Gender schließt Frauen und Männer ein, und wir sind schließlich alle gemeinsam für unsere Gesellschaft verantwortlich. Langfristige und anhaltende Entwicklung ist nur mit Frauen und Männern möglich.


FoG: Was hat Sie persönlich dazu bewogen, Politikerin zu werden?

CBS: Ich bin in die politische Arena eingestiegen, als ich 23 Jahre alt war. Ich wurde, wie viele meiner Landsleute, als Staatenlose geboren, als Flüchtling - das ist eine der schlimmsten menschlichen Erfahrungen. Ich wurde in Uganda geboren, und bis ich 13 Jahre alt war, glaubte ich, ich sei Ugandesin. Doch dann hat die ugandische Regierung allen Flüchtlingen aus Ruanda nahe gelegt, in ihre Heimat zurückzugehen. Ich konnte nicht glauben, dass ich nicht aus Uganda stamme, ich war doch dort aufgewachsen! Dieser plötzliche Identitätsverlust, das Nicht-Akzeptiert-Werden in einem Land, das meine Heimat war, war der Auslöser für mein politisches Interesse. Ich musste mich auf die Suche nach meiner Geschichte, nach meiner Identität machen. Die Realität meiner Lebensumstände haben mich dazu inspiriert, Politikerin zu werden. Wir alle wurden zu Opfern der Geschichte, und haben uns immer wieder gefragt, "Warum passiert das alles mit uns?"
Die Suche nach meiner eigenen Identität ging einher mit dem Streben nach Mitbestimmung und Partizipation.
Heute ist es ein Teil meiner Arbeit, dass ich jungen Leuten helfe, sich über ihre Geschichte, ihre Identität, ihre Chancen und ihren Standpunkt im Leben klar zu werden.

FoG: In Ruanda haben die Frauen, zumindest in der Politik, die gläserne Decke durchbrochen - davon sind wir hier noch weit entfernt. Wie konnte das erreicht werden?

CBS: Heute herrscht in Ruanda die Meinung vor, dass Frauen und Jugendliche die Stützen der Gesellschaft sind. Das kommt daher, dass sie in die kriegerischen Handlungen und in den Genozid der Vergangenheit nicht sosehr involviert waren. Daher waren sie auch die wichtigsten Figuren bei den traditionellen Versöhnungs-Verhandlungen (Gacaca). Frauen waren die wichtigsten Peace-Building-Instrumente. Frauen haben die Tür zur politischen Beteiligung aufgestoßen, weil sie sich bewährt haben, ihre Kompetenz bewiesen haben. "Affirmative Action" war notwendig: Zum Beispiel wurde in der neuen Verfassung verankert, dass mindestens 30% der ParlamentarierInnen Frauen sein müssen.

FoG: Haben sich die Männer nicht gegen die massive Beteiligung von Frauen gewehrt?

CBS: Natürlich sind sie nicht zu uns gekommen und haben gesagt: "Wir lieben euch, und jetzt ist es Zeit, bitte nehmt alles, was vorher uns gehört hat". Unsere Gesellschaft unterscheidet sich nicht sehr von anderen Gesellschaften in Entwicklungsländern: traditionell werden Frauen als gutmütig, hübsch, nett für den Sex und als Hausfrau gesehen. Aber die Zeiten ändern sich. Der Widerstand der Männer war vorhanden, aber wie kann eine Frau in ihrem Haus gehalten werden, wenn sie keinen Mann mehr hat? Ihr Mann ist beim Genozid ums Leben gekommen, also muss sie sich aufraffen, arbeiten gehen und ihre Anliegen zum Ausdruck bringen. Das taten sie, indem sie sich in Verbänden organisierten - zuerst schrien sie ihre Trauer und Wut hinaus, aber dann mussten sich gemeinsam das Leben neu beginnen.
Das zeigt, dass auch Kultur dynamisch ist, sie wächst, passt sich den Rahmenbedingungen an. So haben die ruandischen Frauen den Widerstand bekämpft. Es gibt noch bestimmt noch Rückstände, denn Kultur ist eine sehr starke Sache, die man nicht in einem Tag überwinden kann. Aber es ist ein Kampf, den wir begonnen haben, und wir Frauen haben unsere Kompetenzen bewiesen, das ist keine Frage der Gefälligkeit, sondern eine Frage von Verdienst und Leistung.

FoG: Was sind die größten Herausforderungen für die Jugend in Ihrem Land - das Durchschnittsalter der ruandischen Bevölkerung liegt ja bei ca. 18 Jahren?

CBS: In den Schulen, Universitäten und in speziellen Camps gibt es Programme für die jungen Leute, wie sie ihre traumatischen Erlebnisse überwinden können und Antworten auf die Frage nach dem "Warum", finden können. Die Regierung in unserem Land setzt auf Bildung im Sinne der Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung.
Unsere Jugend steht heute vor der Herausforderung, das Land zu stabilisieren. Durch den Genozid von 1994 wurden auch die jungen Menschen in den Krieg hineingezogen. Die Herausforderung besteht darin, dass viele junge Leute sich nicht einfach re-integrieren lassen in ein "normales" Leben. Viele Kinder haben sich wie Erwachsene benehmen müssen, 12jährige Mädchen mussten für ihre kleinen Geschwister sorgen, die Mutterrolle übernehmen und nebenbei Geld verdienen. Viele Kinder sind jahrelang nicht mehr in die Schule gegangen und lehnen einen regelmäßigen Schulbesuch ab, und es sind viele Bildungs- und Umerziehungsprogramme notwendig, um die Jugendlichen zu resozialisieren.
Dann gibt es noch das Problem von HIV/Aids, womit viele durch Vergewaltigung infiziert wurden. Eine große Herausforderung im Zusammenhang damit ist die Versorgung mit Medikamenten.
Alles in allem sind wir heute sehr stolz auf unsere Jugend. Sie ist sich bewusst, dass sie für die Zukunft ihres Landes verantwortlich ist und auch ihren Teil dazu beitragen kann, sie ist sich bewusst, welchen Stellenwert eine fundierte Ausbildung hat. Nachdem viele von ihnen ihre Familien finanziell versorgen müssen, arbeiten sie neben der Schule.

FoG: Wenn Frauen die Welt regieren würden, was wäre dann anders?

CBS: Männer haben bereits bewiesen, dass sie sowohl gute als auch schlechte Führungspersönlichkeiten sein können. Haben wir nicht schon genügend Beispiele erlebt, wo Männer die Menschheit ins Verderben gestürzt haben? Aber wie die Welt aussähe, wenn sie von Frauen geleitet würde, wissen wir nicht - ist das nicht genug Grund, den Frauen die Chance zu geben, um zu sehen, ob sie es besser machen würden?
Ich glaube, wenn Frauen die Welt regieren würden, gäbe es nicht so viele Konflikte, Grausamkeiten, Menschenrechtsverletzungen etc., weil Frauen einfach mehr Mitgefühl empfinden für ihre Mitmenschen.
Wir Frauen in Ruanda versuchen, einen Unterschied zu machen - wir sind nicht bloße Dekoration, wir sind keine hübschen Blumen, sondern wir haben wirklichen Einfluss. Es ist ein Kampf, den wir zu führen haben, und wir werden ihn weiter führen.

FoG: Wie sehen Sie die ökonomische Zukunft des Landes, das kaum über Industrie verfügt und in bitterer Armut versinkt?

CBS: Die ökonomische Macht kann von der politischen Macht und vom sozialen Status der Bevölkerung nicht getrennt werden. Daher setzen wir alles auf Bildung, denn ohne sie können keine innovativen wirtschaftlichen Konzepte entwickelt werden.
Im Westen ist es so, dass die Politik von der Wirtschaft beherrscht wird, aber bei uns ist es genau umgekehrt. Daher haben wir so viele Organisationen auf der Grassroots-Ebene, die Trainings für Jugendliche anbieten, damit sie auf Entscheidungsfindungsprozesse vorbereitet werden - zum Beispiel sitzen zwei Jugend-RepräsentantInnen im Parlament, die ausschließlich von der Jugend, durch diese Grassroots-Organisationen, gewählt wurden. Sie sehen, unsere Jugend wächst heute bereits mit dieser Inspiration heran und daher setzen wir große Hoffnungen in unsere Jugend und darauf, dass sie das Land - sowohl politisch als auch wirtschaftlich - dauerhaft stabilisieren wird.

FoG: Herzlichen Dank für das Gespräch.

 
 

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