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12. Jänner 2015

Je suis Charlie Karikatur © Jean Jullien

Paris, Überall.

Den Worten müssen Taten folgen

Die Terroranschläge von Paris haben uns alle wachgerüttelt. Das latente Gefühl von Angst und Schrecken, das Menschen in vielen Teilen der Welt durch ihren Alltag begleitet, nimmt auch von uns Besitz: Selbstmordanschläge quer durch den Irak, Syrien und Pakistan bestimmen schon lange die Nachrichten, in Afghanistan sind die Taliban längst wieder auf dem Vormarsch, in Nigeria werden weiterhin Mädchen verschleppt, ganze Dörfer niedergebrannt - und keine militärische Macht scheint in der Lage zu sein, diesen Irrsinn zu stoppen.
Wir beobachten eine Gräueltat nach der anderen, sind fassungslos, aber konsequent einen Schritt hinter den sich mittlerweile fast überstürzenden Attacken, die in immer kürzeren Abständen passieren.
Neben Paris gab es weitere Zielscheiben auf die Bausteine der modernen Zivilgesellschaft. In der Schule in Peschawar in Pakistan wurden Kinder von Militärangehörigen gezielt hingerichtet, jeder Schuss hatte ein doppeltes Ziel verfolgt: Bildung und Sicherheit von der Landkarte zu radieren.Im Jemen ist vor einer Polizeiakademie eine Autobombe explodiert und hat eine große Gruppe von Polizeischülern in den Tod gerissen. In Nigeria fürchten sich Erwachsene mittlerweile vor kleinen Mädchen, wenn sie in einer Supermarktschlange anstehen. Das Kind könnte nicht nur da sein, um Kaugummi zu kaufen, sondern eine Bombe explodieren lassen.
Die Kalaschnikows der Paris Attentäter zielten auf die Karikaturisten, deren Arbeiten Ausdruck von kritischem Denken sind, das manchmal durchaus auch an Grenzen stoßen kann und darf. Das Satiremagazin Charlie Hebdo ist ein Symbol für die Werte eines aufgeklärten Zeitgeistes: Offenheit, Meinungsfreiheit und Toleranz.

Die Anschläge von Paris sind ganz besonders gefährlich, da sie darauf abzielten, die Gesellschaft zu spalten und zu polarisieren. Die Botschaft an die Muslime ist klar, der Westen respektiert und ehrt den Propheten nicht. Die Botschaft an die nicht-Muslime ist, dass Muslime freie Meinungsäußerungen nicht tolerieren, nichts was mit ihren religiösen Werten in Konflikt gerät. Diese beiden Botschaften bedienen in dramatischer Form zwei unterschiedliche Klientel: Die Islamisten auf der einen Seite des Spektrums, die durch solche Anschläge ermutigt werden weiter zu machen, und sogar neue Rekruten an Bord bringen. Am anderen Ende des Spektrums werden die Xenophoben adressiert, die nun ihre Parolen von Feindseligkeit und Angst gestärkt sehen und auf der wachsenden rechten Plattform europaweit platzieren.
Das Erstarken dieser beiden Gruppen könnte das demokratische Gleichgewicht ernsthaft gefährden, wenn die gemäßigten Stimmen der Mehrheitsgesellschaft übertönt und von extremistischen Ideologen und Akteuren in Geiselhaft genommen werden. Der Weg nach vorne ist eindeutig - die gemäßigte Mehrheit muss ihr Schweigen brechen und aktiv werden.

In Frankreich und vielen anderen Ländern sind Tausende auf die Straße gegangen, um Solidarität mit den Menschen, die im Kugelhagel der Terrorisen gestorben sind, zu zeigen. Viele von uns scheinen weltweit bereit zu sein, die Komfortzone des „Bystanders" zu verlassen und ein Zeichen zu setzen.

Das Gebot der Stunde ist zusammen zu stehen, aber darüber hinaus, zusammen zu arbeiten. Wir müssen uns nach Verbündeten umschauen. Eine fast unwahrscheinliche Gruppe scheinen Mütter zu sein, deren Söhne und Töchter dem Lockruf Syriens erlegen sind und aus Europa in den Heiligen Krieg aufbrachen. Keine einzige von ihnen hat es sich ausgesucht, die Mutter eines syrischen Kämpfers oder einer Jihadi Braut zu werden, sie unterdrücken ihre eigenen Gefühle von Scham und Schuld und treten mit großem Mut in die Öffentlichkeit. Elfriede D., eine Mutter aus Deutschland formuliert es treffend; „Ich bin hier, weil ich nicht schweigen will. Wenn wir schweigen, dann stellen wir uns mit jenen gleich, die unsere Kinder ruiniert haben." Ihr 19jähriger Sohn ist vor zwei Jahren verschwunden, sie weiß bis heute nicht, ob er noch lebt.

Nach Paris beobachteten wir eine Jagd quer durch Frankreich, um die Terroristen zu stoppen und der Gerechtigkeit zuzuführen. In Wirklichkeit sollte es solche Szenen gar nicht geben. An diesem Punkt ist bereits viel verloren. Wir müssen wachsam und vorbereitet sein, um solche Vorkommnisse bereits in der vorkriminellen Phase zu verhindern.
Die Mütter der Jugendlichen, die in den Jihad gezogen sind, sind tatsächlich eine der wichtigsten Informationsquellen für mögliche Präventionsstrategien. Kein Politiker, kein Sicherheitsagent kommt näher an die Mechanismen der Rekrutierung heran als diese Familien. Sie sind wichtige, wenn auch unfreiwillige und oft verängstigte Augenzeuginnen des Abgleitens ihrer Kinder in den Extremismus. Durch ihre persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen finden wir einen Zugang zur Lösung des Rätsels der Radikalisierung. Es ist besser, wir unterstützen sie und lernen von ihnen, als sie auszugrenzen und zu etikettieren.

Wir beobachten, dass jungen Menschen in einem so schnellen Tempo rekrutiert werden, dass sie nicht einmal, selbst wenn sie religiös interessiert und motiviert sind, die Suren des Koran studieren können. Wenn wir nach Lösungen suchen, halten wir umgehend nach religiösen Führern Ausschau. Doch auch hier gibt es ein Problem: Extremisten lehnen Muslime ab, die nicht bereit sind, ihre radikalen salafistischen Kreuzzüge zu unterstützen. Daher ist es nicht möglich, ausschließlich dort anzusetzen. Konkrete soziale, bildungsfokussierte und kommunale Bemühungen und Interventionen sind umgehend erforderlich.

Westliche Nationen und Sicherheitsstrategen scheinen überwältigt zu sein von der wachsenden Attraktivität des Terrors für junge Menschen aus unserer Mitte und involvieren nicht diejenigen, die auf der Täterseite und in deren Umfeld anzutreffen sind. Bis jetzt haben wir die Familien, LehrerInnen und die Jugend mehr oder weniger allein gelassen, mit dem wachsenden Extremismus zu Recht zu kommen. Das ist nicht nur eine verlorene Gelegenheit, sondern auch eine tickende Zeitbombe.

Dieser Beitrag erschien am 16.1.2015 auf www.huffingtonpost.de

 
 

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