12. Juli 2005
Saliha, die Direktorin des Zentrums.
Frauen beim Workshop mit dem Frauen ohne Grenzen Handbuch "Our Country My Role".
Frauen beim Englischkurs in unserem Begegnungs- und Kulturzentrum in der Provinz Nimruz, Afghanistan.
Martina Handler reiste Anfang Juni nach Afghanistan, um das Frauen ohne Grenzen Begegnungs- und Kulturzentrum in Saranj, Provinz Nimruz zu besuchen.
In zahlreichen Interviews mit Lehrerinnen und Frauen, die an den angebotenen Kursen teilnehmen, hatte sie die Gelegenheit, unser Projekt zu evaluieren und zu dokumentieren und aus erster Hand über die aktuelle Situation, das tägliche Leben, der Frauen vor Ort zu erfahren.
Lesen Sie einen Stimmungsbericht. Ein ausführlicher Endbericht wird im Herbst zum Download zu Verfügung stehen.
Zaranj, Afghanistan. Die Hauptstadt der Provinz Nimruz im Südwesten des Landes liegt nur 10 Autominuten von der iranischen Grenze entfernt. Die Stadt mit einer Bevölkerung zwischen 70 und 100.000 gilt als wichtiger Standort für den (Schwarz)Handel zwischen Afghanistan und dem Iran bzw. Pakistan. So wird am hiesigen Basar auch ausschließlich mit iranischen Toman gerechnet – niemand kennt den direkten Wechselkurs für Afghani. US-Dollar kommen besser an.
Zaranj ist eine Wüstenstadt. Die hektische Betriebsamkeit in den Straßen, die jetzt eine nach der anderen asphaltiert werden, ist an einem windigeren Tag, der sich in meiner Wahrnehmung aber kaum von den anderen Tagen unterscheidet, an denen ebenfalls einzelne Windböen alles in eine Wolke aus Sand, Staub und Dreck hüllen, wie ausgestorben. „Heute ist ein Sandsturm-Tag“, werde ich aufgeklärt, „da geht niemand aus dem Haus, der nicht muss“. Natürlich – während ich jeden Meter mit dem Auto chauffiert werde, müssen die meisten Zaranjis, jedenfalls die Frauen, die Stadt zu Fuß durchqueren. Das ist bei 45 Grad und praller Sonne schon unangenehm, aber wenn alle paar Meter eine Sandwolke droht, ist es fast unmöglich, sich fortzubewegen.
Wais, mein Chauffeur, ist übrigens 14 Jahre alt, aber an Weltgewandtheit den meisten hier überlegen – er spricht Englisch und hält sich selbst für ein Computergenie. Saliha ist seine Mutter – „wenn dein 14jähriger Sohn Autofahren kann, warum tust du das dann nicht“, frage ich sie. „Ich würde es ja gern lernen“, lautet ihre Antwort, „aber ich habe keine Zeit dafür“. Trotz der fortschrittlichen Orientierung dieser Familie bleibt also – vorerst – alles beim Alten.
Alles? Nicht ganz. „Es gibt hier in Zaranj drei Frauen, die ihr Auto selber fahren“, klärt mich Saliha auf. Ich bin begeistert. Bei der Abschlussparty der Mädchenschule bekomme ich schließlich eine der tapferen Lenkerinnen zu sehen – ein junges Mädchen, sie geht noch zur Schule.
Inmitten des Stadtzentrums, im Hof der Naswan Girls High School, der einzigen höheren Mädchenschule der Stadt, liegt unser „Women´s Education Centre“. Die zentrale und geschützte Lage (die hohe Mauer rund um das Schulareal bietet Schutz vor ungebetenen männlichen Zaungästen) wird allerorten gelobt. Saliha, die Direktorin der Mädchenschule leitet auch unser Projekt.
Saliha ist auch Politikerin – sie bezeichnet sich selbst als die progressivste und aktivste Frau der Provinz. Wenn man ihr zuhört, zweifelt man kaum daran. Der Besuch beim Provinzgouverneur am ersten Tag ist obligatorisch. Ich wundere mich ein wenig, dass er uns sofort empfängt – natürlich hat Saliha unseren Besuch angekündigt. Er sitzt zwar uns gegenüber in seinem Riesen-Lehnsessel, der einem Thron ähnelt, was dem ganzen Treffen die Aura einer Audienz vermittelt (der prächtig mit Marmor, Gold und Perserteppichen ausgestattete Raum tut sein Übriges dazu, dass ich mich etwas unwohl fühle). Aber Saliha spricht mit ihm wie mit einem guten alten Bekannten. Ich frage sie in einem unbeobachteten Moment, warum er diese Kollegialität hervorkehre – ob sie wirklich mit ihm befreundet sei? Sie lacht. „Er hat Angst vor mir, denn ich bin stark. Viele Leute hier sagen, ich sei eine Hexe. Sie haben Respekt vor mir.“
Saliha hat seit dem Sturz der Taliban ihre Provinz bei beiden Loya Jirgas als Delegierte vertreten. Sie ist zuversichtlich, dass sie auch den Einzug ins Parlament schaffen wird. Ihr werden von allen Parteien gute Chancen eingeräumt. Nimruz wird eine weibliche und einen männlichen Delegierten ins Parlament entsenden. Da es nur vier Kandidatinnen gibt, sind die Chancen der Frauen ungleich größer als die der Männer. Dass Saliha ein Star ist, wird mir spätestens bei der „Graduation Party“ der High School Absolventinnen bewusst. Alle wollen ihr die Hand schütteln, wollen auf ein gemeinsames Foto mit ihr. In diesem Umfeld wird sie bestimmt die Stimmenmehrheit bekommen...
In den Tagen meiner Ankunft beginnen die großen Ferien – drei Monate lang werden sie dauern. Die Hitze wird in den kommenden Monaten noch um einiges stärker werden, der Helmand Fluss, der die Grenze zum Iran bildet, wird zur Gänze austrocknen. Wir kaufen eine Klimaanlage für den großen Unterrichtsraum und Ventilatoren für den Computerraum und das Büro. Das sollte den Betrieb unseres Zentrums auch über die glühend heißen Sommermonate sicherstellen. Die Stromversorgung ist im Vergleich zu vielen anderen Provinzen in Zaranj ziemlich gut – der Strom kommt aus dem benachbarten Iran. Das bedeutet aber auch eine Abhängigkeit vom Iran, die vielen hier ein Dorn im Auge ist. Manchmal dreht der Iran die Stromzufuhr nach Zaranj einfach ab, höre ich. Es kann dann tagelang keinen Strom geben. Meine Frage, warum das passiert, kann mir niemand beantworten. Es gäbe keine Gründe, höre ich. Hier regiert die Willkür.
Ich fahre zur iranischen Grenze. Der Helmand Fluss ist zwar nicht auf seinem höchsten Stand, aber dennoch beeindruckend – inmitten dieser Wüste soviel Wasser! Das afghanische Flussufer ist geprägt von Sanddünen, während die iranische Seite grün und fruchtbar herüberleuchtet. Wie denn das sein kann, frage ich.
Maryam, eine 19jährige Teilnehmerin unseres Englisch- und Computerkurses, soll als Beispiel für das junge weibliche Potential stehen, das ich in Zaranj vorfand. Kritisch klingt ihre Antwort. „Ich bin skeptisch gegenüber Veränderungen und sogenannter Hilfe die aus dem Ausland kommen, es sollte keine Einmischungen von außen geben, wie von Pakistan, das die Taliban geschickt hat oder die USA, die ihre Soldaten schickten. Wenn wir immer auf ausländische Hilfe zählen werden wir nie ein freies Land haben. Wir haben zum Beispiel einen Fluss in Nimruz. Aber das ganze Wasser aus diesem Fluss kommt in den Iran, wir bekommen vielleicht ein, zwei Tropfen davon. Deshalb können unsere Bauern nichts anbauen. Aber anstatt selbst etwas zu unternehmen, warten sie auf die Hilfe aus dem Ausland.“
Ich frage Maryam, wie Afghanistan diese Situation ändern könnte, wie es gegen den mächtigen Nachbarn Iran auftreten soll. Wie selbstverständlich stellt sie mir die Zusammenhänge dar: „Die Regierung könnte etwas tun. Es gab einen Vertrag zwischen Daud Shah, dem früheren König von Afghanistan, und dem Iran. Als der König starb, sollte also auch der Vertrag seine Gültigkeit verloren haben. Sie sollen uns unser Land überlassen und sich nicht einmischen. Sie nehmen unser ganzes Wasser und noch viel mehr Dinge einfach so, gratis, und wir haben kein Wasser zum Trinken, keine grünen Bäume, gar nichts. Wenn sich die Leute zusammentun würden, könnten sie mit dem Iran neu verhandeln. Aber die Leute wollen gar nichts tun, und die Regierung will auch nicht für ihr Land arbeiten.“
Nimruz sei eine der progressivsten, modernsten Provinzen Afghanistans, erfahre ich. Gerne möchte ich das glauben, und die vielen engagierten, gebildeten jungen Frauen, die täglich in unser Zentrum kommen, sprechen dafür. Fast alle von ihnen haben bis vor wenigen Jahren im Iran oder in Pakistan gelebt. Sie sind froh, wieder in ihrem Land zu sein, erzählen sie mir. Vor allem dir Rückkehrerinnen aus dem Iran können dieser Wüstenstadt mitten im Nirgendwo einiges abgewinnen. Die Aussage „im Iran konnten wir doch nichts tun“ irritiert mich. Ist der Iran nicht ein entwickeltes Land, mit den Errungenschaften der modernen Welt ausgestattet? Dagegen mutet Zaranj für mich wie das Ende der Welt an. In Zaranj gibt es keine Telefone und kein Internet, und Fernsehen nur über Satellit.
Im Iran wurden sie nur geduldet, aber nicht gefördert, erzählen mir die jungen Frauen. Manche von ihnen konnten nicht einmal zur Schule gehen, weil sie auf der Flucht ihre Papiere und Zeugnisse zurücklassen mussten. Auch das Argument „dort konnten wir nicht mitbestimmen, aber in Afghanistan zählt unsere Stimme. Hier können wir wählen und die Zukunft unseres Landes mitentscheiden“ höre ich öfter in Zaranj. Ich frage zwei 16jährige Mädchen, wie sie das meinen – das Wahlalter in Afghanistan sei doch 18. Sie kichern, und Sahar, meine Übersetzerin, erklärt: „Auf den Wahlkarten haben sie ihr Alter mit 18 angegeben, damit sie wählen dürfen“. Ich freue mich mit ihnen über diesen kleinen Streich.
Das Bild der Frauen in Zaranj bleibt dennoch ein ambivalentes. Niemand will hier, in der Schule und im Frauenzentrum, über die anderen Frauen reden, die keine Rechte haben und nichts lernen dürfen. Es gibt sie, das ist klar, und ich werde darauf hingewiesen, dass es Zeit braucht, bis sich die Einstellungen der Männer und althergebrachte Traditionen ändern. Gewalt gegen Frauen? „Das hier ist eine moderne Gesellschaft, und die Freiheiten für Frauen nahmen in den letzten Jahren, vor allem durch den positiven Einfluss der vielen Rückkehrerfamilien, enorm zu“, bekomme ich zu hören. Dass Frauen Rechte haben sei der Grundkonsens in Nimruz, ein Zuwiderhandeln würde nicht gern gesehen.
Stolz bringt Saliha das Argument ein, dass Nimruz bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Herbst den prozentuell größten Anteil an Wählerinnen im Ländervergleich aufwies.
Natürlich gibt es sie auch hier, die unterdrückten, ihrer Rechte beraubten Frauen. Wir besuchen eine paschtunische Großfamilie. Die Frauen freuen sich, uns zu sehen. Sie dürfen ihr Haus nicht alleine verlassen. Sie sind Analphabetinnen, weil ihre Männer ihnen nicht erlauben, zur Schule zu gehen. Auch für die junge Generation, die kleinen Mädchen, soll sich das nicht ändern. Ich bin betroffen und beeindruckt von diesen starken Persönlichkeiten, die mir lautstark und freimütig von ihren Problemen berichten, die so unlösbar scheinen, dass mir die Worte fehlen. Ohne jemals die Chance gehabt zu haben, die Welt kennen zu lernen, wissen sie genau, was sie wollen. Lesen und Schreiben zu lernen ist ihr größter Wunsch. Sie möchten auch gerne an der Wahl teilnehmen. Najeeba, die Gesundheits-Beraterin unseres Projekts, die im Namen der Hygiene-Aufklärung alle Familien zuhause besucht, verspricht ihnen, dass sie am Wahltag kommen und sie zum Wahlbüro bringen wird. Ihre Augen strahlen. Ich frage, ob es sie stolz machen wird, zu wählen. Ja, sie werden die glücklichsten und stolzesten Menschen sein, wenn sie mitentscheiden dürfen über die Zukunft ihres Landes. Eine Frau erwidert „wenn wir erst mal draußen sind, werden wir nicht mehr in diese Hölle zurückkehren“. Sie lacht dabei, aber ihre Stimme klingt fest und entschlossen.
Mit gemischten Gefühlen verlasse ich dieses Haus, und mit ebenso ambivalenten Eindrücken verlasse ich Nimruz. Ich bin überwältigt von der inneren Stärke aller Frauen, die ich kennen gelernt habe. Seien es die 16jährigen Schülerinnen, die soviel wie möglich so schnell wie möglich lernen möchten – denn es ist nie ausgeschlossen, dass passieren wird, was sie „Inshallah“ verhindern möchten: dass ein Mann um ihre Hand anhält und sie nicht „nein“ sagen können. Allah allein weiß, ob er sie weiterhin zur Schule gehen lässt. Aber die Hoffnung, es bis zur Universität nach Kabul zu schaffen, haben sie sich bewahrt – auch wenn die vielen Hindernisse am Weg eigentlich unüberwindbar sind.
Ebenso beeindruckend die ungebildeten, von ihren Männern unterdrückten Frauen. Ihre Situation scheint oft ausweglos, ein „lost case“. Aber auch sie haben sich nicht aufgegeben und kämpfen an allen Fronten um jeden Zentimeter an Freiraum.
Frauen ohne Grenzen werden nicht von ihrer Seite weichen.