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04. Mai 2010

Brennende Ungerechtigkeit: Gewalttätiger Extremismus

Säureattacken auf Mädchen und Frauen häufen sich in Pakistan

Drei Schwestern im Alter von 20, 16 und 14 Jahren wurden vergangene Woche auf ihrem Weg von Kalat nach Pandarani (Belutschistan) von zwei Motorradfahrern mit Säure attackiert. Die Säure ätzte ihre Gesichter und Körper, die Verbrennungen sind schwerwiegend. Kurz zuvor wurde ein weiteres Geschwisterpaar auf dieselbe Weise angegriffen. Warum? Weil sie unverschleiert und ohne männliche Begleitung unterwegs waren. Eine bis vor kurzem unbekannte Gruppe namens Baloch Ghaeratmand verteilte im April Flugblätter mit folgendem Text: „Frauen und Mädchen, die unverschleiert ihre Häuser verlassen, werden mit Säure attackiert … all jene, die diese Anordnung nicht befolgen, werden für die Konsequenzen zur Verantwortung gezogen“.

Fünf Opfer innerhalb von drei Wochen in derselben pakistanischen Provinz. Die Täter werden womöglich nicht einmal bestraft. Und was können die Familien der Opfer tun? Was können die Menschen in der Region machen, um derartige Verbrechen und Zukunft zu verhindern? Die Polizei behauptet, die Gruppe Baloch Ghaeratmand nicht zu kennen und nicht zu wissen, ob die Angreifer auch Mitglieder dieser Gruppe waren. Diese fünf Mädchen werden ihr Leben lang unter den physischen und psychischen Folgen dieser Angriffe leiden, die Bewohner der Region werden ewig in der Angst vor Gewalt leben. Niemand weiß, wann es das nächste Mal geschehen wird.

Dies ist eine heimtückische Form von gewalttätigem Extremismus: Kontrolle von Gemeinschaften und Einzelpersonen mittels Gewalt und Drohung im Namen radikaler Ideologien. Extremistische Gruppierungen benützen ideologische Konzepte oft als Deckmantel für ihre menschenverachtenden Aktionen, als Entschuldigung für Verbrechen, die sie im Namen abstrakter Prinzipien begehen und für die niemand zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Wenn die Opfer von Säureattacken überhaupt überleben, dann haben sie mit lebenslangen Beeinträchtigungen zu kämpfen. Die Säure ätzt sich durch Augen, Haut, Knochen, Gewebe. Die meisten Opfer erblinden, ihr Gewebe ist zerstört und ihre Knochen werden neu fixiert – Kieferknochen werden fest versiegelt, das Kinn mit der Brust verbunden, die Hände bleiben in der Position, die die jungen Frauen hatten, als die die Angreifer abwehren wollten. Die psychischen Verletzungen sind noch schlimmer. Depressionen, Angst, Scham. Opfer von Säureattacken werden oft aus ihren Gemeinschaften ausgeschlossen und für das, was passiert ist, verantwortlich gemacht. Wenn die Opfer verheiratet sind, sind die Kinder gezwungen, die Rolle der Mutter zu übernehmen und wenn der Ehemann seine verstümmelte Frau verlässt, dann müssen die Nachkommen auch für Einkommen sorgen. Unverheiratete Frauen sind ihr Leben lang auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Jene, die Geld haben, können sich eventuell Operationen leisten, durch die Hautpartien wieder hergestellt werde können, das Augenlicht zum Teil zurückgebracht werden kann oder versiegelte Knochen repariert werden. Aber egal ob mit oder ohne nachträgliche Operationen, die Opfer werden nie mehr wieder so aussehen wie vorher.

Jene fünf Mädchen, die in Belutschistan attackiert und verstümmelt wurden, sind nur ein trauriges Beispiel für sehr hohe und im Steigen begriffene Anzahl von Säureopfern. Angriffe auf unverschleierte Frauen und Mädchen häufen sich nicht nur in Pakistan, sondern auch in Afghanistan, Kambodscha, Bangladesch, Indien und in den letzten Jahren auch vermehrt in Hong Kong, China und England.

Die Verbrecher geben meist politische oder religiöse Motive als Grund für ihre Taten an – sie nennen die Scharia, Stammesgesetze, stoßen sich an Schulbesuchen von Mädchen, an Frauen, die keinen Schleier tragen oder das Haus ohne männliche Begleitung verlassen, verdächtigen Frauen des Ehebruchs oder der Unsittlichkeit. In Wirklichkeit handelt es sich oft um bloße Racheakte.

Die 22jährige Manzoor Attiqa aus Pakistan wurde von ihren Verwandten mit Säure attackiert, weil sie das Geschirr nicht abgewaschen hatte. Der 13jährigen Naila Farhat wurde von einem missachteten Verehrer und seinem Freund Säure ins Gesicht geschleudert; er war einer ihrer Lehrer. Haseena Husain aus Indien wurde mit zwei Litern Säure übergossen, weil sie den Heiratsantrag ihres Chefs nicht angenommen hat.

Wie können Frauen arbeiten gehen, wenn schon allein die Tatsache, dass sie ohne männliche Begleitung eine Straße entlang gehen, zu einer Attacke führen kann? Wie können sie sich für Wahlrecht, gleiche Rechte oder Schutz vor häuslicher Gewalt einsetzen, wenn schon die kleinste Abweichung zu Gewalt führen kann? Wie können Frauen für ihre Familien sorgen, wenn sie keinen adäquaten Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung haben? Was wird aus der nächsten Generation werden, wenn sie nichts anderes als Gesetzlosigkeit, Gewalt und Angst kennen lernt?

Das Überhandnehmen von Säureattentaten ist eine globale Gefahr. Wenn Länder den nachkommenden Generationen keine Hoffnung bieten können, keine Zukunft, in der es Arbeit, ein zu Hause, eine Familie gibt, dann werden auch die positivsten Menschen von Frustration und Wut erfüllt und extremistische Gruppen werden ihnen die Sicherheit, die sie suchen, bieten können.

Für weiterführende Informationen zu den jüngsten Vorfällen folgen Sie bitten folgenden Links: 
http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/8653296.stm
http://www.thenews.com.pk/print1.asp?id=234246

 
 

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