09. Mai 2008

Rachel North, Überlebende des Terroranschlags auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005

Jemima Khan
Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Wir spüren es alle, Druck, Konkurrenz und Auflösungserscheinungen prägen unser persönliches und öffentliches Leben.
Das ist eine ganz besondere Herausforderung für ein neues Europa, in dem Diversität und Religiosität bereits eine neue Rolle spielen.
Individuelle Konflikte und soziale Disharmonien erzeugen ein Klima des Misstrauens. Wie können wir konfliktfähig und kompetent zusammen leben?
Die Quilliam Foundation hat eine Antwort darauf gefunden. Am 22. April 2008 wurde dieser Think Tank im British Museum in London offiziell gestartet. Frauen ohne Grenzen nahm an der Veranstaltung, die ein breites Spektrum von SprecherInnen präsentierte: Timothy Garton Ash, Arsalan Iftikhar, Sheikh Abdel Aziz al-Bukhari u.a. Klicken Sie hier für die Videostatements.
Wir möchten die beiden weiblichen Sprecherinnen vorstellen, Rachel North und Jemima Khan, zwei couragierte Frauen, deren Ansichten unserer Frauen ohne Grenzen Philosophie entsprechen: Frauen müssen die moralische Autorität haben, um eine entscheidende Rolle in ihren Gesellschaften zu spielen.
Rachel North überlebte den Terroranschlag auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 und Jemima Khan ist UNICEF Botschafterin und setzt sich für die Rechte muslimischer Frauen ein.
Rachel North: Why Islam Is Needed to Defeat Terrorism
Ich möchte erzählen, was mir und vielen anderen vor fast drei Jahren passiert ist. Damals ist ein 19jähriger Brite, Jemeil, kurz vor 9 Uhr früh in unseren U-Bahnwaggon gestiegen und hat im Namen Gottes eine Bombe detonieren lassen. Ich erinnere mich, wie dunkel es war, wie schwierig es war, zu atmen und wie erschrocken wir alle waren; wir dachten, wir würden sterben. 26 Menschen kamen in meinem Zug ums Leben und ungefähr hundert waren schwer verletzt. All diese abgetrennten Körperteile, die Schreie, wir kannten diese Bilder von den Nachrichten, von Afghanistan, Irak, Palästina. Niemand dachte, dass es so etwas auch in London geben würde.
Wie diszipliniert wir alle waren, das ist meine stärkste Erinnerung: Die Menschen sind nicht in Panik geraten, sie drängelten nicht, sie stiegen nicht über andere, um nach draußen zu kommen – das wäre ohnehin nicht möglich gewesen. Die Leute hielten sich stattdessen an den Händen. In der Dunkelheit konnte man nicht sagen, welche Hand man hielt, ob männlich oder weiblich, schwarz, weiß, asiatisch, persisch, ob ChristIn, JüdIn, Hindu, Sikh, MuslimIn. Wir wussten nur, dass wir die Hand eines Menschen hielten.
Ich habe mich mit den PassagierInnen, die damals um mich waren, die sich mit mir aus dem Tunnel retten konnten, angefreundet. Und seitdem treffen wir uns. Letztes Jahr haben 30 Menschen aus dem Todeszug auf meiner Hochzeit getanzt.
In den Monaten nach dem Anschlag haben wir mit unserem Schock und unsere Wut gekämpft. Ich erinnere mich an den Tag, an dem bekannt wurde, dass der Attentäter ein junger Brite war. Wie war das möglich? Viele von uns, die im Zug waren, haben gegen die Kriege protestiert, für die uns diese jungen Männer verantwortlich machen wollten. Manche Leute haben sich gefragt: „Warum hassen uns die Muslime so sehr, wir leben doch alle gemeinsam hier in London?“
In den Wochen und Monaten nach dem 7. Juli 2005 haben meine LeidensgenossInnen und ich versucht, uns auf die Dinge zu konzentrieren, die uns verbinden, nicht auf das, was uns trennt.
Ich weiß: egal wie aussichtslos, egal wie Furcht erregend es erscheint, wir alle machen diese Reise gemeinsam. Und es geht um das Zuhören, das einen in der Dunkelheit beruhigt; das Hände halten, dass uns Sicherheit gibt. Wir alle sind für die Sicherheit der anderen verantwortlich auf dieser Reise. Und der Islam, mit seiner Friedensbotschaft, mit seinem Willen zum Miteinander, ist nicht der Feind, er ist Teil der Lösung, inshallah.
Jemima Khan: Why the Quilliam Foundation
Ich kann nicht behaupten, für die MuslimInnen zu sprechen, ich bin keine Theologin und ich bin sicher nicht das, was sich die meisten Menschen unter “einer guten Muslimin” vorstellen.
Ich habe Islam studiert, ich bin konvertiert und aus meinen Erfahrungen habe ich eines gelernt: MuslimInnen passen nicht mehr oder weniger in ein vorgefertigtes Bild als wir alle. Und für mich gibt es nicht nur einen Weg, eine britische Muslimin zu sein.
Extremisten und die Boulevardpresse vermitteln konträre Welten und beiden machen den gleichen Fehler: sie präsentieren das Image der MuslimInnen als Menschen, die sich an ganz strikte Vorschreibungen, Richtungen, den Glauben halten müssen. Und sie vermitteln damit eine unüberbrückbare Kluft zwischen MuslimInnen und dem Westen.
Ich glaube, damit liegen sie ganz falsch. Die meisten britischen MuslimInnen sind vielleicht nicht so wie ich, aber sie sind keine ghettoisierten Aliens, und sie sind auch sicher nicht die, die laut schreiend gegen Cartoons protestieren. Die Mehrheit entspricht keinem der beiden Klischees.
Ja, Islamfeindlichkeit ist zunehmend da, ein Teil des Alltagsrassismus. Aber einen großen Teil der Schuld dafür tragen radikale Islamisten, diejenigen, die Terrorattacken verüben, diejenigen, die hasserfüllte Parolen auf den Straßen schreien.
Es ist an der Zeit, dass jemand aufsteht und die Wahrheit sagt: dass muslimisch sein und britisch sein nicht unbedingt mit einem Konflikt verbunden ist, dass islamische und britische Werte vereinbar sind. Ich möchte nicht, dass meine Kinder sich für eine der beiden Welten entscheiden müssen. Und ich kann beobachten wie ein Teenager, der zwischen zwei Kulturen steht, diese politische Ideologie, die so subversiv und macho ist, attraktiv finden kann. Jugendliche auf der Suche nach Identität brauchen Orientierung, sie können leicht abgleiten. Jemand muss den moderaten MuslimInnen in diesem Land eine Stimme geben.
Wenn es Veränderung geben soll, dann muss sie von der muslimischen Community ausgehen.