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16. Februar 2006

Irak-Workshop 1 © Frauen ohne Grenzen

Irak-Workshop 2 © Frauen ohne Grenzen

Irak-Workshop 3 © FoG

Irak-Workshop 6 © FoG

Irak-Workshop 10 © FoG

Irak-Workshop 8 © FoG

Irak-Workshop 7 © FoG

Irak-Workshop 8 © FoG

Irak-Workshop 4 © FoG

Irak-Workshop 5 © FoG

Irak - Schritt für Schritt in die Zukunft

Ein Frauen ohne Grenzen Train-the-Trainer Workshop. 23.-29.1.2006

Das Frauen ohne Grenzen Team verbrachte gemeinsam mit acht irakischen MultiplikatorInnen, 5 Frauen und 3 Männern, eine einmalige Woche im Thermenhotel des Rogner Bads Blumau in der Steiermark.

Einmalig war die Zeit, die wir im Seminarraum und außerhalb, im stimmungsvollen Ambiente der Hundertwasser-Architektur sowie draußen, in der verschneiten Winterlandschaft, verbrachten, für alle Beteiligten. VertreterInnen verschiedener irakischer Volks- und Religionsgruppen, Frauen und Männer, unsere beiden Workshop-LeiterInnen, Mag.a Eva Maria Gauss, dipl.Sprechwissenschafterin mit den Forschungsschwerpunkten Genderthematik und Debattentrainings und Mag. Armin Staffler, Theaterpädagoge für spectACT - ARGE für politisches und soziales Theater und Fachbereichsleiter im Theaterverband Tirol, und das Frauen ohne Grenzen Team arbeiteten gemeinsam an dieser Sache. Dank der hervorragenden Kooperation mit Women for Women International, und der Unterstützung ihrer Irak-Direktorin Manal Omar, wurden einige der engagiertesten und am besten vernetzten AktivistInnen der irakischen Zivilgesellschaft nach Österreich eingeladen.

Alle brachten eine große Menge an Energie, Enthusiasmus und Offenheit in ein Projekt ein, mit dem wir absolutes Neuland betraten, sowohl was die Methoden, als auch was die Zusammensetzung der Gruppe betraf.

Seinen Ausgangspunkt nahm diese einmalige Initiative mit dem Frauen ohne Grenzen Projekt "Irak - Jugendliche zwischen Horror und Hoffnung", gefördert vom Bundesministerium für Soziales, Generationen und Konsumentenschutz, das im Frühjahr 2005 mit der Durchführung einer Umfrage unter Jugendlichen, Eltern und LehrerInnen in Bagdad gestartet wurde.

Angst, Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, allgemeiner Stillstand, Misstrauen: Mit diesen Schlagworten lässt sich das Leben der irakischen Jugendlichen im Moment beschreiben. Trotz der schwierigen Situation, in der die Jugendlichen leben, sind sie aber positiv und zukunftsorientiert. Sie wollen aktiv am Wiederaufbau, an der Neu- bzw. Umgestaltung des Irak teilnehmen. Gleichzeitig lastet aber auch ein großer Druck auf der irakischen Jugend, da die älteren Generationen die Zukunft ihres Landes in ihre Hände legen.

Auf Basis dieser Ergebnisse sollte ein Workshop-Programm für Jugendliche im Irak entstehen, um ihnen im Rahmen von After-School-Clubs Perspektiven und Vertrauen zu geben, ihre Identität zu stärken und ihnen Mut und Instrumente zu geben, um sich aktiv an einem demokratischen Irak zu beteiligen. Mit dem Druck, der auf ihnen lastet, umzugehen und einen realistischen Zugang dazu zu finden, ist daher einer der Schwerpunkte im Programm.

Amanj A. Muhammed, einer der Teilnehmer des Workshops, drückte diese neue Erfahrung so aus: „In den meisten Fällen transportieren die Medien nur die schlechten Nachrichten und berichten über den Terror, die Bombenanschläge und Kidnappings. Die positiven Entwicklungen werden ausgeblendet. Dieses Training gibt uns und in weiterer Folge den Jugendlichen im Irak die Chance, die aktuelle Situation zu bewältigen und vorwärts zu kommen. Der Workshop ist ein Abenteuer, wir lernen voneinander.“

Auch Manal Omar von Women for Women International meinte: "Die IrakerInnen wissen genau, wohin sie gehen müssen, aber es fehlt ihnen an notwendigen Skills, um dorthin zu gelangen. Trainings wie dieses bieten einmalige praktische Werkzeuge und Methoden, die wir mit in den Irak nehmen können. Die zukünftigen TrainerInnen haben so die Chance, das Gelernte in ihre Gesellschaft einfließen zu lassen, um ihre Ziele zu erreichen.“

Die Gruppe irakischer AktivistInnen verdanken wir der wunderbaren Organisation von Manal Omar und Rana H. Getan, die beide an dem Workshop teilnahmen. Des weiteren bestand die Gruppe aus:
Khaldoun J. Ali, Mercy Hands, Bagdad, Ban M. Farid, Al-Mustaqbal Organisation for Women, Bagdad, Ahmed H. Gutan, Women for Women International, Bagdad/Amman, Nagham K. Hamodi, Iraqi Women Network, Al-Najaf, Amanj A. Muhammed, Asuda Organisation, SPEDA Organisation for Youth Development, Suleimanya, Asmaa Y. Pauls, United Women's League, Bagdad.

Von Anfang an, also bereits bevor die TeilnehmerInnen nach Österreich reisten, wurde klargestellt, dass dieser Workshop auf gegenseitigem Lernen basiert: Wir, d.h. Frauen ohne Grenzen gemeinsam mit den beiden TrainerInnen Eva Maria Gauss und Armin Staffler, können und wollen nur Methoden lehren, und Gerüste, Hülsen für Übungen und Spiele zur Verfügung stellen. Die Inhalte jedoch müssen von den TeilnehmerInnen selber kommen – dies stellt sicher, dass die hier vermittelten Inhalte im heutigen Irak relevant sind und etwas bewirken können. Die am ersten Tag noch auf beiden Seiten vorhandene Unsicherheit angesichts dieses für alle neuen Ansatzes schlug, zu unserer großen Freude, bereits am zweiten Tag in Begeisterung um.

Methoden und Inhalte des Workshop-Programms

“Der Workshop beruht auf gegenseitigem Lernen, das ist der Grund, warum alles wunderbar funktioniert. Es geht nicht darum, dass wir als TrainerInnen nur Wissen weitergeben, sondern es geht vielmehr um einen Austausch von dem beide Seiten profitieren.“ (Armin Staffler, Theaterpädagoge)

„Ich habe schon an vielen Workshops teilgenommen, aber das ist das erste Mal, dass es die ganze Zeit lang eine richtige Kommunikation mit den TrainerInnen gibt. Es ist eine Interaktion, nicht nur von den TrainerInnen zu uns, sondern partizipativ. Das ist eine neue Erfahrung.“ (Ban M. Farid)

Es werden zwei verschiedene Methoden-Gebäude verwendet.

Armin Staffler bezieht sich in seiner Arbeit hauptsächlich auf Augusto Boal, den brasilianischen „Erfinder“ des „Theater der Unterdrückten“, einer konstruktiven Kunstform, das in den letzten Jahrzehnten einen Siegeszug rund um die Welt antrat und je nach Situation und Kontext anders verstanden und adaptiert wurde und wird. Am bekanntesten ist wahrscheinlich eine Form des Theaters der Unterdrückten, das „Forum-Theater“.

Außerdem verwendet Staffler die pädagogische Methode von Paolo Freire, „Lernen durch Dialog“. In diesem Teil des Workshops geht es vor allem darum, zu lernen, eigene Gefühle auszudrücken sowie auch die Gefühle der Gruppe, der „Community“ auszudrücken und zu verstehen. Gefühle, die unterdrückt werden, machen krank.

Die Fähigkeiten, die durch diese Übungen gelernt werden, sollen den Jugendlichen helfen, auf konstruktive Weise aktiv zu werden, und zwar aktiv in einem kulturellen, zivilgesellschaftlichen, aber auch politischen Umfeld.

Eva Maria Gauss wendet verschiedene Techniken des verbalen Kommunizierens an, um eine bessere, gewaltfreiere Verständigung zwischen Individuen, aber auch Gruppen zu ermöglichen. Zivilgesellschaft und Frieden gründen auf Dialog und das Teilen von Verantwortung. Beides kann nur durch verbale Kommunikation funktionieren. „Rhetorischer Bildung“ in diesem Sinn geht es nicht darum, den/die DialogpartnerIn von etwas zu überzeugen. Vielmehr sollen durch einen fairen Austausch von Argumenten Gemeinsamkeiten identifiziert werden. Die „Theorie der gewaltfreien Kommunikation“ von Marshall Rosenberg bietet hier in einer von Gewalt sosehr dominierten Gesellschaft wie dem heutigen Irak eine große Herausforderung, aber auch eine vielversprechende Alternative.

Das Manual, welches nun von allen Beteiligten gemeinsam entwickelt wird, nachdem wir während des Workshops viele neue Perspektiven und Sichtweisen von unseren irakischen TeilnehmerInnen erhalten haben, besteht aus vier aufeinander aufbauenden Modulen:

Modul 1.) “Erfahrungs- und Gefühlsaustausch”
erzählen / teilen / vertrauen

Modul 2.) “Vertrauen in mich, Vertrauen in die Gruppe“
austauschen/ beschreiben/ zuhören

Module 3.) “Zukunft in unseren Händen”
zuhören/ eine Position einnehmen/ sich auf einen Punkt/ ein Thema konzentrieren

Module 4) “Schritt für Schritt”
üben/ proben/ praktizieren

Jede der beiden Methoden kommt in jedem Modul zum Einsatz, und glücklicherweise zeigte sich, dass sie sich in der Praxis perfekt ergänzen.
Zusätzlich identifizierten wir Themengebiete, in dessen Licht jede einzelne Übung gesehen bzw. diskutiert werden kann: Sicherheit, Geschlechterbeziehungen, Generationen, Bildungssystem, Gesundheit, Gewalt.

Das Konkretisieren jeder einzelnen Übung mittels eines dieser Themengebiete sorgte dafür, dass jede/r Workshopteilnehmer/in viele neue Aussichten und Einsichten, die für die Zukunft des Irak und die Rolle jeder/s einzelnen in dieser sehr viel brachte.

In dieser Woche passierte viel in jedem/r der TeilnehmerInnen: sie lernten sich zuallererst selbst besser kennen, aber auch einander. Es wurden Gefühle und Gedanken offen gelegt, die normalerweise im Verborgenen bleiben. Es wurde viel diskutiert, viel ausgetauscht, und selbstverständlich gab es auch viele Meinungsunterschiede. Das Respektieren des/der Anderen stand aber immer im Vordergrund, und das Ziel, das sie alle verfolgen, nämlich einen besseren, freieren Irak zu gestalten, blieb immer im Fokus.

Als in der allerersten Übung, „Gefühle skalieren“, eine/r der TeilnehmerInnen auf einer Skala von 0 bis 10 auf die Frage, wie er sich fühle, „3“ angab, und dazu sagte, er/sie fühle sich unruhig und besorgt, änderte dies die ganze Situation. Dass er/sie diese von allen anderen unterschiedliche Gefühlswelt nicht für sich behielt, sondern offenlegte, gab den anderen die Möglichkeit, seine/ihre Aktionen und Reaktionen in diesem Licht zu sehen und Verständnis zu zeigen. Für die Genese einer auf Vertrauen basierenden Gruppenidentität für die irakischen Jugendlichen, welche verlernt haben, einander zu vertrauen, werden diese Momente des Sich-Öffnens, zusammen mit dem Gefühl des Aufgefangen-Werdens in der Gruppe (ebenfalls eine Erfahrung, die im Rahmen einer Übung in die Praxis umgesetzt wird), hoffentlich beitragen können; und im Weiteren dazu, ihnen wieder mehr Halt und Orientierung für ihre Zukunft geben.

„Es ist das erste Mal, dass ich an so einem wichtigen Training teilnehme. Man lernt sich selbst und die anderen kennen – es geht darum, was in uns und in den anderen passiert, und wie wir das auf die aktuelle Situation im Irak umlegen können. Und genau das ist es, was unsere Jugendlichen brauchen: sich selbst kennenzulernen, um persönlich weiterzukommen und um aktiv in der Gesellschaft mitzuwirken.“ (Asmaa Y. Pauls)

Wir, die irakischen AktivistInnen und Frauen ohne Grenzen, sind jedenfalls in dieser Woche zu einer Gruppe geworden, und wir werden unsere Arbeit für die Jugendlichen im Irak nun erst richtig beginnen – gemeinsam.

Lesen Sie hier einen Artikel von Mehru Jaffer, (auf Englisch) publiziert im Women's Feature Service (Indien) zu diesem einmaligen Projekt!

 
 

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