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09. November 2015

Beunruhigte nicht nach rechts abdriften lassen!

Alice Schwarzer über das Frauen ohne Grenzen Mütterschulen gegen Extremismus Projekt

In einem Gespräch mit der Österreichischen Nachrichtenagentur APA warnt Alice Schwarzer vor einer Polarisierung in Deutschland. Sie fordert mehr Dialog der Politik mit Bürgern, "damit die nicht nach rechts abdriften". Und mehr Schutz für weibliche Flüchtlinge.

Die bekannteste deutsche Feministin und Herausgeberin von EMMA, Alice Schwarzer, warnt davor, angesichts des aktuellen Flüchtlingsstromes die eigenen Werte relativieren zu lassen. Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter dürften nicht dem fundamentalistischen Islamismus weichen, der die Scharia zum Gesetz machen will, forderte sie am Mittwochabend im APA-Interview in Wien.

Mit deswegen beunruhigten Bürgern müsse der Dialog gesucht werden, um sie nicht Pegida in die Arme zu treiben. Alice Schwarzer betonte die Verantwortung des Westens gegenüber Flüchtlingen. Der Westen trage Mitverantwortung für die verzweifelte Situation der Menschen und müsse nun auch helfen. Trotzdem dürfe man aber nicht blauäugig sein. "Es kommen ja Menschen - 70 bis 80 Prozent sind Männer - und die kommen aus Ländern und Kulturen, die von Frauenbewegung noch nie was gehört haben und Frauen als minderwertige Wesen ansehen."

In der arabischen und muslimischen Welt hätten Frauen traditionell kaum Rechte. "Ich denke, wir können selbstbewusst sein. Wir haben uns hier in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Gleichberechtigung der Geschlechter einen großen Fortschritt erarbeitet. Wir haben eine Demokratie. Diejenigen, die zu uns kommen, müssen diese Regeln akzeptieren." Besonders der islamische Fundamentalismus würde diese Werte bedrohen, und genau davor seien ja auch viele Flüchtlinge auf der Flucht. "Dieser politisierte Islam, der Islamismus, da stehen die Frauen als erstes im Visier. Ihre völlige Entrechtung, bis hin zu ihrer Unsichtbarkeit."

Eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung des Islamismus könne in der Tat den Müttern zukommen. Schwarzer lobte das Projekt "Mütterschulen gegen Extremismus" der österreichischen Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer. "Ich denke, dass man diese jungen Männer, die dazu verführt werden, selbstgerecht zu sein und sich über andere zu erheben und die sich so ihr Selbstbewusstsein holen - dass man da vielleicht ganz am Anfang beginnen muss. Und dass man viel über die Mütter erreichen.

Der Islamismus ist für Schwarzer eine ernsthafte Bedrohung - auch innerhalb von Europa. Sie warnt schon seit langem davor, seit der Machtergreifung von Khomeini im Iran 1979. "Und jetzt wird natürlich mit diesem massiven Zustrom von Menschen, die vor Krieg und islamistischer Gewalt aus ihrem Land fliehen und zu uns kommen, das Problem auch mitten unter uns noch virulenter.
Diesem Problem müssten wir uns stellen: Mit Deutschkursen, die gleichzeitig Aufklärungskurse sein sollen, müssten die Flüchtlinge lernen, "was Demokratie ist, was Rechtsstaat ist, was Gleichberechtigung ist. Sie müssen verstehen, dass man bei uns Kinder nicht schlagen darf, Frauen nicht im Haus gefangen halten darf, ihnen keine Vorschriften machen darf und dass Frauen einfach dieselben Rechte haben wie Männer.

Angesprochen auf die asylkritische Pegida-Bewegung sagte Schwarzer, sie halte die Rechtsradikalen noch für eine Minderheit. Die Politik müsse jedoch das steigende Unbehagen vieler Menschen ernst nehmen. "Ich denke, dass Kräfte wie die Rechtsradikalen bei Pegida maximal fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Jetzt laufen aber viele mit, weil sie diffuse Ängste haben. Ein berechtigtes Unbehagen. Sie werden aber daran gehindert sich zu artikulieren, weil man immer gleich mit dem Rassismushammer draufschlägt."

Schwarzer fordert deshalb ein offenes Gespräch zwischen Politik und Bevölkerung, damit nicht noch mehr Menschen nach rechts abdriften. Anfang des Jahres war die Feministin heftig kritisiert worden, weil sie in einem Text auf ihrer Webseite Verständnis für Pegida-Mitläufer zeigte. Etwa 20-30 Prozent der Flüchtlinge seien Frauen und Kinder. Die Flucht sei für sie besonders strapazierend. "Sie sind ja innerhalb ihrer Community schon mal schwächer. Und sie laufen natürlich auch Gefahr, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Wir haben über EMMAonline ja schon im August eine Hilfsaktion gestartet. Und da hören wir von den Helferinnen Berichte, dass manche Frauen auf der Flucht, die manchmal über Monate wenn nicht Jahre geht, auch  zur Prostitution gezwungen werden. Dass sie vergewaltigt werden. Deswegen sind sie doppelt schutzwürdig." Schwarzer fordert aus diesem Grund spezielle Unterstützung für Frauen. "Da brauchen wir separate Unterkünfte, eine spezielle Betreuung. Die Frauen, die oft Gewalt erlebt haben, müssen mit Frauen darüber sprechen können. Sonst schweigen sie vielleicht aus Scham."

www.emma.de/artikel/beunruhigte-nicht-nach-rechts-abdriften-lassen-330727

 
 

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