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14. Oktober 2011

Shahira Amin and Edit Schlaffer Amerikahaus © Frauen ohne Grenzen

Shahira Amin and Edit Schlaffer during a discussion at the Amerikahaus

Ägypten: Stärkere Einbindung von Frauen gefordert

Die ägyptische TV-Journalistin kritisiert die Militärs und Medien - Die Revolution sei unumkehrbar und braucht eine stärkere Einbindung von Frauen

14. Oktober 2011

die Standard

Wien - Die TV-Journalistin Shahira Amin, die während des politischen Umbruchs in Ägypten aus Protest gegen die Zensur ihren Führungsposten beim staatlichen Sender Nile TV in einer Live-Sendung hinschmiss, hat scharfe Kritik am Verhalten der Militärs geübt und eine stärkere Rolle für die Frauen eingefordert. Acht Monate nach dem Sturz von Staatschef Hosni Mubarak sei noch kein Revolutionsziel erreicht worden, stellte sie am Donnerstagabend in einem Vortrag in Wien fest. Dennoch hält sie die Revolution für "unumkehrbar".

Vor ihren Ausführungen im Amerikahaus forderte die prominente TV-Journalistin ihre zahlreichen ZuhörerInnen zu einer Trauerminute für die Opfer der jüngsten blutigen Übergriffe auf Kopten in Kairo auf. Diese hätten für ihre legitimen Rechte der Religionsausübung gekämpft, betonte Amin. Sie sprach von einem "islamischen Trend" im Lande. Das beunruhige die liberale Bevölkerung, die Christen Ägyptens und die westliche Welt. Die Religion sei bei den geplanten Wahlen aber ein wichtiger Faktor.

Die Muslim-Bruderschaft sei sehr aktiv, im humanitären wie im politischen Bereich, und sie propagiere die Sharia, das islamische Recht. Doch immerhin, auch bei deren Versammlungen "sitzen jetzt Männer und Frauen Seite an Seite". Als positives Beispiel nannte Shahira Amin eine Abspaltung von jüngeren Mitgliedern der Muslim-Bruderschaft, die im PräsidentInnenwahlkampf mit den ChristInnen kooperiere.

Kein Fortschritt im Alltagskampf

Bei der Revolution ging es den ÄgypterInnen "auch um die Würde", so Amin. Die Menschen wollen aber "eine Demokratie, die von innen kommt", und "keine Demokratie westlichen Stils". Frauen würden künftig mit Kopfbedeckung auftreten, "aber innerlich liberalisiert sein". Die TV-Journalistin hob die aktive Rolle der Frauen hervor, die auf dem Tahrir-Platz demonstrierten. Doch dann saßen keine Frauen in dem Rat, der die Verfassung ausarbeitet, und dem Übergangsregierung gehört eine einzige Frau an. Umso mehr freut sich Amin, dass zumindest eine Frau für die Präsidentschaft kandidiert. Die politische Motivation sei sehr groß.

Andererseits beklagte die Journalistin, dass sich viele ÄgypterInnen von der Revolution abgewendet haben, besonders die ärmeren Schichten. Oder sie sagen, es habe gar keine Revolution gegeben. Denn im Alltagskampf sehen sie keinen Fortschritt. Ganz große Probleme sind laut Amin der Stillstand der Wirtschaft und das Sicherheitsvakuum. Regiert werde nach breitest ausgelegten Notstandsgesetzen. Auf diese Weise seien schon 12.000 ÄgypterInnen vor Gericht gekommen, "mehr als in der Ära Mubarak in 30 Jahren".

Im Zentrum von Amins Kritik steht das Militär. Dessen repressive Taktiken seien die gleichen wie zu Mubaraks Zeiten, oft noch schlimmer. Kein Wunder, dass die Aktivisten auf eine Übergabe der Macht an Zivilisten drängten."Die gleiche Armee, die die Leute auf dem Tahrir schützte, ging nun gegen die Kopten vor." Für Amin "ist die Situation derzeit sehr chaotisch." Dem Militär gehörten 40 Prozent der Wirtschaft, es wünsche keine Transparenz. Ein Vorkommnis macht die Journalistin wütend: dass Militärs bei jungen Aktivistinnen vom Tahrir-Platz Jungfrautests durchführen ließen - zur "Selbstverteidigung", wie sie nachher sagten, damit man ihnen nicht sexuelle Belästigung vorwerfe.

Reform der Medien gefordert

Amin forderte auch eine Reform der Medien. Es habe nur "kosmetische Änderungen" gegeben, die Verantwortlichen seien nicht ausgetauscht worden, viele JournalistInnen praktizierten Selbstzensur. Oft würden sie von der Armee eingeschüchtert. Auf der anderen Seite lobt die Berichterstatterin, die auch für CNN Beiträge gestaltet, das Social Networking: "Das war der Funken für unsere Revolution."

Nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie befragt, meinte die Ägypterin, alte Traditionen könne man nicht von heute auf morgen abschaffen. Bis in die 70er Jahre war Ägypten ein moderates, mehrheitlich sunnitisches Land. "Doch dann wurde es saudifiziert." Mubarak habe auch viele Saudi-Sender ins Land gelassen. Religion sei in seiner Ära ein Tabu-Thema gewesen, der Ausdruck "säkular" ein Reizwort. Amin: "Ich hoffe, dass die Revolution wieder das moderate Ägypten von früher zurückbringt." (APA)

Link: diestandard.at/1318461261735/Shahira-Amin-Aegypten-Staerkere-Einbindung-von-Frauen-gefordert

 
 

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