02. Mai 2005

Lucy
Kate Brubacher im Flüchtlingslager in Ghana. In zahlreichen Gesprächen mit Flüchtlingsfrauen hat sie ihre Schicksale dokumentiert.
Annie, eine andere Witwe, deren Lebensgeschichte Kate Brubacher aufgezeichnet hat.
(Kate E. Brubacher)
Mehr als 40.000 liberianische Flüchtlinge leben in Buduburam, einem UNHCR Flüchtlingscamp außerhalb von Accra, Ghana.
Die gewaltvollen Auseinandersetzungen in Monrovia nehmen kein Ende, die meisten Flüchtlinge haben wenig Hoffnung darauf, nach Hause zurückzukehren, zu dem, was von ihren Häusern noch übrig ist.
Im Camp treffen sich kleine Gruppen und unterstützen sich gegenseitig. Jeden Freitag gibt es ein organisiertes Treffen für etwa 200 Witwen. Fünf Monate lang habe ich mich mit Frauen aus dieser Gruppe getroffen. Ich habe sie interviewt, ihre Geschichten als Flüchtlinge aufgenommen, mitbekommen, welche Kämpfe und Streitereien es im Flüchtlingslager gibt, ich habe mit ihnen um verlorene Ehemänner, Kinder und Freunde geweint.
Gewalt und Armut gehen in den subsaharischen Ländern Afrikas unaufhörlich weiter. Die Witwen versuchen, neue Perspektiven, neue Ziele in ihr Leben zu bringen. Anstatt politischer Theorien oder sozialer Systeme, mit Hilfe derer sie das erlebte Leid verarbeiten könnten, bieten diese Frauen einfach nur Menschlichkeit. Mit dieser lebenswichtigen Einstellung berühren sie alle Menschen, mit denen sie Kontakt haben.
Lucy wäre wahrscheinlich zufrieden gewesen mit ihrem Leben, gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern in Grand Gedeh Country in Liberia. Aber 1989, als Charles Taylor mit seinen Truppen von der Elfenbeinküste nach Liberia einfiel, musste sich Lucys Familie aus Sicherheitsgründen aufteilen und sie startete eine Reise, die sie durch drei Länder führte und ihr unvorstellbares Leid brachte. In ihr Dorf waren die Rebellen eingedrungen, Lucys Mann nahm Kinder mit und flüchtete in eine Nachbarstadt, sie selbst ging mit den drei jüngsten, um bei ihrer Mutter zu leben. Aber im Haus ihrer Mutter war es nicht sicher. Als Charles Taylors Armee durch das Land zog, nahmen sie Lucy fest. Alle waren auf der Flucht als die Rebellen Dörfer und Häuser zerstörten.
Als Lucy wegrannte, wurde sie von ihren Kindern getrennt und gefangen genommen. Drei Rebellen hielten sie fest, eine bedrohte sie mit dem Umbringen. Ein anderer Rebell kannte Lucy zufällig und schlug den anderen vor, Lucy am Leben zu lassen und sie als Sklavin zu nehmen. Sie ließen sie zwar am Leben, aber sie folterten sie: Die Rebellen schnitten ein großes Stück Fleisch aus Lucys rechter Oberschenkelinnenseite und zwangen sie, es zu essen. Dann durchstachen sie ihre Achillessehne, zogen eine Kette durch und banden sie an einem Pfahl fest, während sie das Dorf weiter verwüsteten.
Die Rebellen hielten Lucy eineinhalb Jahre lang gefangen. Sie lebte mit ihnen im Busch und wurde gezwungen, ihnen zu dienen. Sie kochte für sie, wusch ihre Kleider, und ertrug sexuelle Gewalt – zu schmerzvoll, um jemandem davon zu erzählen. Jede Woche musste sie auf den Markt gehen, um Essen einzukaufen. Nach einem Jahr begleiteten sie die Rebellen nicht mehr dorthin; gemeinsam mit den anderen gefangenen Frauen musste sie einkaufen und dann in den Busch zu den Rebellen zurückkehren. Als sie das dritte Mal unbegleitet zum Markt gehen durfte, fasste sie den Entschluss zu fliehen. Sie kam mit den anderen Frauen gemeinsam am Markt an, kaufte wie gewohnt die Lebensmittel ein, aber als sich die anderen Sklavinnen auf den Rückweg machten, rannte Lucy weg und versteckte sich in der Menschenmenge. Im Busch sammelte sie Holz und verkaufte es am nächsten Markt; so sparte sie nach und nach Geld, um ins nächste Dorf zu kommen. In jedem Dorf verkaufte sie Kleinigkeiten auf den Märkten und schließlich schaffte sie es bis zum Flüchtlingslager nach Ghana, nach Buduburam. Zwei ihrer Enkelsöhne waren auch dort.
Heute, Jahre danach, kann sie nicht über Details dieser „bösen Dinge“, das Leid und die Gewalt, die die Rebellen ihr während der Gefangenschaft zufügten, sprechen; doch der physische Missbrauch zeigt sich in ihren gesundheitlichen Problemen und der schweren Traumatisierung ganz offensichtlich.
Wie verändert nun eine Frau wie Lucy die Welt?
Sie hat die Stärke, ihre Geschichte mitzuteilen. Sie lässt uns an ihrem Leben und den menschlichen Grausamkeiten teilnehmen. Ihr strahlendes Gesicht und ihre Geschichten durchbrechen unsere isolierten Welten, wenn auch nur für einen Augenblick, und bringen uns dazu, für den Frieden zu arbeiten. Lucy und ihre Witwen-Freundinnen zeigen uns, warum wir an die Menschenrechte glauben und warum wir darum kämpfen, die Würde jedes Individuums zu bewahren. So verändern diese Frauen die Welt.
Kate Brubacher studiert Philosophie, Religion und Geschichte in Stanford. Sie arbeitete ehrenamtlich mit liberianischen Flüchtlingen in Ghana.