
30. Juli 2010
Ein Gastkommentar von Edit Schlaffer (Die Presse, 30.7.2010)
Die Debatte über die Einwanderungspolitik ist in Österreich zwar schon lange angekommen, aber scheint gerade in seriösere Bahnen gelenkt zu werden. Natürlich, da stehen Sachzwänge und nicht unbedingt eine humanitäre Transformation der entscheidenden Akteure dahinter. Eine rapide alternde Gesellschaft, ein kollabierendes Gesundheits- und Sozialsystem, schwindende Zuversicht in die Haltbarkeit unserer Pensionen beschleunigen den vernunftorientierten Zugang zu diesem kontroversen Themenblock. Minister Spindelegger spricht von staatspolitischen Notwendigkeiten, der Generalsekretär des ÖAAB, Lukas Mandl, adressiert einen emotionalen Appell an die Öffentlichkeit, er möchte die rot-weiß-rot Card zu einem der begehrtesten Dokumente dieser Welt machen.
Ja, Österreich muss wettbewerbsfähig bleiben. Die laissez-faire Strategie der Vergangenheit, dem notwendigen Gastarbeiter-Pool ohne nachhaltige Maßnahmen Tür und Tor zu öffnen, und dann überfordert in einer Panikreaktion wieder die Grenzen dicht machen zu wollen, ist in einer globalisierten Wettbewerbsgesellschaft ökonomisch kontraproduktiv.
Bevor wir nun voreilig auf Talentejagd quer durch den Balkan bis in die Türkei ausziehen, sollten die damit beauftragten PolitikerInnen und MigrationsexpertInnen noch kurz einhalten und den Ist-Zustand im Land evaluieren. Wie geht es den mittlerweile bereits zu ÖsterreicherInnen gewordenen MigrantInnen? Vor allem der Jugend, die die Brücke zwischen der Elterngeneration und den Einheimischen ist.
Parallelgesellschaften, Kampf um Minarette, Islamophobie und Burkaverbote sind die neuen Themen, die die europäische Landschaft durchziehen. Es ist unbestritten, dass die Beförderung einer positiven Einstellung für eine gelungene Integration von beiden Seiten, der Mehrheitsbevölkerung und der Migrationsgruppen, die Basis für den Zusammenhalt der Gemeinschaften auf der persönlichen Ebene und im weiteren Kontext sein wird. Und genau um diese Frage der Gestaltung des Zusammenlebens im unmittelbaren Alltag der Mehrheits- und der Migrationspopulation geht es in unserer neuen Studie, die in Österreich quer durch unterschiedliche Schultypen mit 120 SchülerInnen im Alter von 14 bis 18 Jahren durchgeführt wurde . 76 der Befragten hatten Migrationshintergrund, die Mehrheit davon war muslimisch und bereits in Österreich geboren.
Die Schule ist eine Art Mikrokosmos, wo gesellschaftliche Einstellungen reflektiert, Regeln vermittelt und modifiziert und im optimalen Fall gesellschaftliche Vorurteile aktiv aufgebrochen werden, um den Weg in eine für alle Kinder, ob MigrantIn oder nicht, offene Gesellschaft zu ebnen.
Um gleich zum Schlüsselergebnis unserer qualitativen Exploration zu kommen: Den Begriff Zusammenleben für die zufällig zusammengewürfelte, gemischte Klassengemeinschaft zu bemühen, ist nicht zutreffend. Zwischen den MigrantInnen und den „ÖsterreicherInnen“ gibt es nur wenige Berührungspunkte.
Zwischen den jungen MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen scheint eine unsichtbare Trennlinie zu verlaufen. Sie leben im formalisierten Zusammenhang Schule, aber dieser gemeinsame, verbindliche Ort wird noch nicht ausreichend genutzt. Auch darüber hinaus entwickelt sich wenig. Gegenseitige Hausbesuche, Freizeitaktivitäten, Freundschaften basieren auf einer Art Segregation. Dazu kommt noch eine weitere Splittung der Gesamtgruppe: die Geschlechtszugehörigkeit. An sich ein volatiles Terrain in der Adoleszenz, aber vor allem für muslimische Burschen und Mädchen zusätzlich sorgfältig abgesteckt mit klaren Tabuvorstellungen. Die familiären Regeln migrantischer Eltern, vor allem in Hinblick auf die Begrenzung der ortsüblichen Freiheiten von Jugendlichen wirken sich natürlich auch auf den Schulalltag aus. Deshalb ist Gender mittlerweile ja eine der schärfsten Waffen an der Kulturkampf-Front geworden. Auf der einen Seite traditionelle, oft überbeschützende und auch kulturell desorientierte Eltern, auf der anderen Seite ProponentInnen der Aufklärung, die aber jenseits der Rhetorik nicht ausreichend Angebote machen, um diesen Bruch, der durch unsere Kultur läuft, kompetent und professionell zu überbrücken.
Dabei ist Österreich doch so stolz auf seine interkulturelle Dialogkompetenz. Diese müsste allerdings von der Ebene der kirchlichen und politischen Würdenträger heruntergeholt werden und mit denen praktiziert werden, die unsere Zukunft bauen: mit unserer Jugend. Und Diversity ist dafür ein Schlüsselbegriff.
Die Schulen haben sich mit vielen Programmen um die Sprachförderung bemüht. Das ging oft langsam, aber diese Dinge brauchen tatsächlich ihre Zeit und der Erfolg ist bereits sichtbar. Jetzt muss die Schule einen wichtigen mutigen nächsten Schritt machen, nämlich das Zusammenleben aktiv zu moderieren und durch innovative Programme zu fördern.
Der Einstieg in die sprachliche Sozialisation war für die Mehrheit der Migrantinnen, selbst der Jugend, tatsächlich auch keine Selbstverständlichkeit. Und trotzdem, heute ist sich die Mehrheit der SchülerInnen mit Migrationshintergrund durchaus bewusst, dass ein Leben in Österreich ohne profunde Deutschkenntnisse nicht möglich ist. Knapp ein Drittel unserer GesprächspartnerInnen ohne Migrationshintergrund findet allerdings, dass ihre SchulkameradInnen mit Migrationshintergrund nur mangelnde Sprachkenntnisse haben. Allerdings sprechen in der Gruppe der im Rahmen unserer Studie befragten migrantischen SchülerInnen entgegen dieser Wahrnehmung drei Viertel perfekt oder nahezu perfekt Deutsch. Dieses Auseinanderklaffen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und objektiver Realität kann auch interpretiert werden als Widerspiegelung eines bestimmten gesellschaftlichen Klimas.
Um mit Sir Karl Popper zu sprechen: eine offene Gesellschaft hat viele Feinde.