
08. April 2005

Frauenversammlung in Kukilimedu. Frauen werden erstmals eingebunden.
Die Kinder von Kukilimedu. Wo sie einmal wohnen werden, ist uklar.
Die alten Häuser. Sie werden zwar repariert, aber nicht mehr bewohnt.
Eine Reportage aus Tamil Nadu von Edit Schlaffer. Drei Monate ist es her, dass die große Flut über die Fischer an der südindischen Küste hereinbrach. Sie finden sich heute noch nicht im Leben zurecht.
Fotos: Xenia Hausner
Zweieinhalb Autostunden von Madras entfernt liegt das Dorf Kukilimedu. Kukilimedu gibt es in zwei Ausführungen: direkt am Strand das, was von den alten Häusern übrig ist; einige hundert Meter im Hinterland die neue Siedlung. Das neue Kukilimedu ist ein Provisorium aus Stroh und Bananenblättern. Die Hütten sind fensterlos, denn sie sollten nicht viel Geld kosten. Deswegen hat man auch die Badezimmer weggelassen. Jedes Haus hat nun eine kleine Ausbuchtung, einen open-air-Waschplatz mit Sichtschutz aus Blättern, der von den Familien dazugeflickt wurde. Das Wasser dafür schleppen die Frauen jeden Tag quer durchs Dorf. Es kommt aus Containern, aber es reicht nie aus. Das Kochen in den Hütten ist unmöglich, die Hitze unerträglich. Die kleine Welt der 135 Familien von Kukilimedu ist voll Angst. Es passt nichts mehr zusammen seit der großen Welle. Die Menschen haben ihren Lagern die Namen ihrer einstigen Dörfer gegeben, doch die Unsicherheit darüber, wo sie einmal wirklich wohnen werden, verstärkt das Gefühl der Heimatlosigkeit. Einerseits sehnen sich die Menschen nach ihren alten Häusern am Strand und reparieren sie auch. Gleichzeitig wagen sie es nicht, dort zu übernachten. Die Regierung hat das neue Dorf im Hinterland geplant, ungefähr zwei Kilometer vom Strand entfernt. Doch die Einwohner sind dagegen. Wie sollen sie von dort aus nachts die Fischschwärme beobachten, wie sollen sie aufpassen, dass Netze und Boote nicht gestohlen werden, wie sollen die Frauen ihre Arbeit mit dem Fang bewältigen, die sie früher immer gleich am Ufer in ihren Hütten erledigten? "Wenn wir am Wasser leben, sind wir vielleicht in Gefahr, aber im Landesinneren haben wir kein Leben,“ sagt ein Dorfältester. Das Misstrauen gegenüber der Regierung ist groß. Denn schon seit Jahren gab es Versuche, die Küsten von den armen Fischerkolonien zu „säubern“ und touristsch zu erschließen. Die Katastrophe, so vermuten viele, sei nun die Gelegenheit, diese Pläne durchzuziehen. Die Männer führen uns am Strand entlang. Sie zeigen die beiden neuen Fischerboote und Netze, die sie aus Spenden anschaffen konnten. Sie hatten sich auf ihre erste Ausfahrt aufs Meer gefreut, doch die war schrecklich. Das Meer ist immer noch durcheinander. Treibholz und Zementblöcke bilden gefährliche Barriakaden unter der Wasseroberfläche. Es dauerte ncht lang, da waren die neuen Netze zerrissen und die Boote kaputt. Die Männer finden sich nicht mehr zurecht: Die Topographie des Meeres hat sich seit der Flut verändert, die Küstenkonturen sind anders, die Fischer wissen nicht mehr, welche Stellen seicht, welche rau und gefährlich sind. Um systematisch mit Erkundungen zu beginnen, sind noch nicht genug Boote da. Es sind bloß einzelne, die sich trotz der Gefahren hinaus aufs Wasser trauen. Sie fischen gerade soviel, wie zum Leben brauchen. Die übrigen sortieren das Holz der zerstörten Katamarane. Die Frauen sammeln mit ihren Kindern derweil das Brennholz. Das ist harte Arbeit. Sie kehren nach stundenlangen Märschen mit Bündeln von dünnen Ästen heim, die für höchstens drei Tage reichen. „Warum bekommen wir kein Land zugeteilt, wo wir Sträucher anpflanzen können?“ fragt Mahdu, eine Witwe, für die es besonders hart ist, sich und ihre unverheiratete 16-jährige Tochter durchzubringen. „Wer wird Nina heiraten?“, fragt sie. „Wir haben nichts, ich kann ihr nichts mitgeben. Sie hat als Näherin gearbeitet, aber die Nähmaschine hat die Flut mitgerissen.“ Jetzt lebt Mahdu von dem, was ihr die Nachbarn geben, etwas Reis und Öl zum Kochen. „Ich gehe von Tür zu Tür. Und obwohl ich willkommen bin, fühle ich mich wie eine Bettlerin.“ Neela Valli, Leiterin der indischen Hilfsorganisation IWID (Initiative Women in Development) kam sofort nach der Katastrope nach Kukilimedu. Bei der Verteilung von Hausrat fiel ihr auf, dass 37 Haushalte auf der offiziellen Liste fehlten. Als sie bei den Behörden nachfragte, erfuhr sie den Grund: Familien ohne männlichen Haushaltsvorstand werden nicht registriert. Damit sind sie quasi inexistent und von den Hilfslieferungen abgeschnitten. Frau Valli hat nicht nur sofort Decken und Töpfe für die 37 Familien herbeigeschafft, sondern sich auch bei den Ämtern beschwert – mit Erfolg. Frauenhaushalte werden künftig registriert. Doch das Detail wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Situation von Frauen in Krisensituationen – die schnell in eine Frage auf Leben und Tod kippen kann. Die Fischerdörfer sind patriarchale Gemeinschaften. Doch in Zeiten der Not sind tradierte Regeln brüchiger als sonst. Das Team von IWID hat sich dieses Phänomen zu Nutze gemacht und probiert, mit 500 Frauen aus vier Dörfern in der Region, ein neuartiges Demokratiemodell aus. Es wurden Frauenversammlungen einberufen, um Frauen in den Aufbau der Dörfer einzubinden. Zuerst waren sie von der Idee eingeschüchtert. Doch die Versammlungen gewannen immer mehr Dynamik. Das Konzept, das sie schließlich entwickelten, ist so originell wie nützlich: Kleine Frauen-Kollektive sollen Eigentümer der Boote und Netzte sein, die anschließend an die Männer vermietet werden. Der Profit des Fischfangs wird unter den Familien aufgeteilt, ein Anteil für Reparaturen, für kommunale Bedürfnisse und für die Bildung der Kinder einbehalten. Das Modell folgt den Aufrufen aller UN-Organisationen, die schon seit Jahren fordern, Frauen stärker in die Verteilungsprozesse einzubinden. Nur so, betont die Welternährungsorganisation FAO, sei der nachhaltige Wiederaufbau gewährleistet – denn Frauen seien seit jeher für das Funktionieren der Dorfstrukturen verantwortlich. Im Dorf Purusham, gleich neben Kukilimedu, bestätigt sich diese Theorie in der Praxis. Die Frauen hier drängen darauf, dass die Männer so schnell wie möglich wieder aufs Meer hinausfahren. Das Leben, sagen sie, sei „unerträglich, wenn die den ganzen Tag im Dorf verbringen“. Die ersten Hilfspakete seien an die Männer verteilt worden, und diese hätten sie sofort am Markt verkauft, um an Geld für Alkohol heranzukommen. „Wir haben gehungert“, sagt Chitra, ein 30jährige Mutter von vier Kindern. „Wenn ihr uns helfen wollt, dann nehmt unseren Männern die Flasche weg“, fügt ihre Nachbarin hinzu. Die Männer verfolgen unsere Gespräche mit den Frauen interessiert. Roy erzählt, er habe sein ganzes Leben auf dem Meer verbracht, jetzt arbeitet er, wie viele andere aus dem Dorf, am Bau, klopft Ziegel, schleppt Steine und kommt abends mit schmerzenden Knochen heim. Dann braucht er, wie alle anderen, Alkohol. Die Frauen reden offen über die gewalttätigen Szenen, die sich nachts abspielen. „Mein Mann hat früher auch getrunken, wenn er mit dem Boot draußen war“, erzählt Sara. „Die ganze Nacht bei wildem Seegang unter freiem Himmel, da haben die Männer Schnaps gebraucht, um sich aufzuwärmen. Aber jetzt ist es so schlimm wie nie. Sie trinken, wir streiten ums Geld, und jetzt, wo wir nicht mehr auf den Markt gehen, um Fische zu verkaufen, sind sie doppelt stark.“ Die Flut in Tamil Nadu scheint nicht nur die Häuser weggewaschen zu haben, sondern auch Regeln, Gewissheiten und patriarchale Traditionen. Daraus kann Neues entstehen – aber auch neue Konflikte. Ratna, eine 18jährge Mutter von zwei Babies, erzählt begeistert von ihrer ersten Frauenversammlung: „Die Männer haben jetzt Respekt vor uns“, glaubt sie. „Sie haben gesehen, dass wir etwas weiterbringen, wenn man uns entscheiden lässt.“ Eine andere junge Frau, die ihren zweijährigen Sohn auf dem Schoß hält, hat Traurigeres zu berichten: Ihr Mann habe dem Kind das silberne Fußkettchen vom Fuß genommen, um es zu verkaufen. Er habe sie zu Boden geworfen, als sie etwas von dem Geld wollte. „Ich habe das erste mal zurückgeschlagen“, sagt sie leise. Und was wünscht sich Rachel, die drei Töchter hat, für deren Zukunft? „Ich wünsche mir nichts mehr“, sagt sie. „Ich träume jede Nacht von Booten. Dann laufe ich aus dem Haus und sehe kein Meer, keine Boote, nichts. Dann weiß ich, dass unser Leben, wie es war, vorbei ist.“ Edit Schlaffer und Xenia Hausner waren Anfang März 2005 in Indien. Die Reportage erschien im Profil Nr. 14, 4. April 2005.