
03. Dezember 2009
Der Stationsmanager des zentralen Bahnhofs Chatrapathi Shivaji Railway Terminus in Mumbai
Poonam und ihr Sohn Sanchin
Vineeta Sharma
Edit Schlaffer und Elisabeth Kasbauer mit Studentinnen des SNDT Women´s College in Mumbai
Eine der Studentinnen am SNDT Women´s College
Die Gruppe der Krankenschwestern, die am 26.11.2008 im Cama und Albless Krankenhaus Dienst hatte
Eine Frauen ohne Grenzen SAVE Reise anlässlich des ersten Jahrestages
Frauen ohne Grenzen SAVE reiste von 23. bis 27. November nach Mumbai, um anlässlich des ersten Jahrestages der Anschläge vom 26. November 2008 weitere lokale SAVE Aktivitäten zu starten. Bereits im Februar dieses Jahres fanden erste Treffen mit Opfern und Überlebenden, Workshops in Schulen und Interviews mit VertreterInnen aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft statt. Mehr dazu können Sie hier lesen.
Als die Anschläge vor einem Jahr Indien und die Welt erschütterten, fand in Wien die erste globale SAVE – Sisters Against Violent Extremism Konferenz statt. 33 Frauen aus aller Welt sind zusammengekommen, um diese erste anti-Terror Plattform zu gründen. Und damals haben wir
beschlossen, die Opfer und Überlebenden in Indien nicht alleine zu lassen, sie nicht mit unserem Mitleid zu überschütten, sondern dafür zu sorgen, dass sie nicht vergessen werden.
Vor allem die Zusammenarbeit mit Müttern und SchülerInnen und StudentInnen ist ein zentrales Anliegen von SAVE. Mütter können ihre zentrale Stellung in ihren Familien und Gemeinschaften nutzen, um ihre Familienangehörigen davor zu schützen, sich in den Fängen extremistischer Ideologien zu verheddern. Die junge Generation muss mit den Opfern und Überlebenden zusammenarbeiten, um ihre Anliegen sichtbar zu machen, um ihnen eine Stimme zu geben und gemeinsam gegen gewalttätigen Extremismus auftreten zu können.
Auffallend und alarmierend zugleich ist, dass die Opfer der Anschläge von Mumbai keine kollektive Stimme haben, keine Organisation, in der sie sich zusammengeschlossen haben wie zum Beispiel die „Families of 9/11“ in den USA oder die „Asociación 11-M“ in Spanien.
Sie sind isoliert und haben nicht die Möglichkeit, eine Gruppenidentität zu entwickeln, um gezielt Unterstützung, rechtliche und psychologische Hilfe zu erhalten, sowie Druck auf Politik und Bürokratie auszuüben. Sie sind die sichtbarsten ZeitzeugInnen von Gewalt und Terror und die Welt darf nicht versäumen, sie ihren Platz finden zu lassen als moralische Instanz und Autorität und als Teil der globalen Counter-Terrorismus Strategien.
Mr. Zinde, einer der Stationsmanager des zentralen Bahnhofs Chatrapathi Shivaji Railway Terminus, den jeder kurz VT Station nennt, hat unzähligen Menschen das Leben gerettet. Sein Arbeitsplatz ist ein kleiner Glaskobel oberhalb der Abfahrtshalle; von dort hat er unter Einsatz seines Lebens die Passagiere gewarnt, sich nicht Richtung Bahnsteige zu bewegen. Er hat sich am Telefon bei seiner Familie gemeldet, um sich von ihnen zu verabschieden, da ihm bewusst war, dass er in seiner exponierten Lage eine sichtbare Zielscheibe für die Terroristen abgab. Aber er überlebte.
Auch Poonam und ihr damals 6jähriger Sohn Sachin waren am Bahnhof. Sie wollten zum Begräbnis eines Verwandten fahren und warteten auf den Zug. Als das Knattern der Maschinengewehre zu hören war, dachte Sachin, das Cricketmatch, das an diesem Tag stattfand, würde gefeiert werden. Er lief in die Richtung der antizipierten Knallkörper und damit direkt in die Schusslinie der Terroristen. An den Folgen des Durchschusses seiner Hand leidet er noch immer. Seine Mutter, die ihm nachgelaufen war, wurde von einer Kugel getroffen, die von der Schulter in den Bauchraum wanderte. Seitdem kann sie kaum gehen.
Vineeta Sharma hat ihren 16jährigen Sohn verloren; die Familie war auf dem Weg zu einer Hochzeit, als der Anschlag passierte. Die 47jährige ist mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in eine neue Wohnung gezogen, zu viele Erinnerungen waren an das frühere Haus gekoppelt. In ihrem Wohnzimmer serviert sie uns Masala-Tee und erzählt mit leiser Stimme bei zugezogenen Vorhängen. Sie ist tief berührt vom Besuch des SAVE Teams: „Ich habe nie daran gedacht, dass so viele Menschen in allen Teilen der Welt betroffen sind. Wenn wir zusammenkommen könnten würden wir voneinander lernen und die Welt von uns.“
Hamid Khan wurde von den wegfliegenden Teilen eines explodierenden Autos am rechten Auge getroffen. Er begleitete das Frauen ohne Grenzen SAVE Team zu einem Workshop mit Studentinnen am SNDT Women´s College. Nachdem die jungen Frauen die Dokumentation „Surviving Terror“ gesehen haben, Hamid´s Erzählungen gefolgt sind mehr über SAVE erfahren haben, entstand eine hitzige Debatte. Die Teilnehmerinnen haben das Bedürfnis, aktiv zu werden und haben beschlossen, ein Organisationsteam zu gründen, das die weitere Koordination der Aktivitäten übernimmt. „Frauen können etwas bewirken, das haben wir bereits bewiesen. Wir müssen uns kurz zurück ziehen, uns Zeit nehmen, um etwas Sinnvolles zu realisieren“, meint Samira. Auch die Studentinnen des Doshti Women´s College sind überzeugt: „Wir Frauen werden für Veränderung sorgen, wir werden etwas bewegen und gemeinsam gegen Terrorismus auftreten.“
Farid Khan, Generalsekretär eines muslimischen Zentrums in Mumbai, lud Frauen ohne Grenzen SAVE in die Majlis e Shura zu einer Debatte mit der muslimischen Gemeinschaft Mumbais ein. Im Rahmen dieses Abends hatten Mitglieder der muslimischen Gemeinde, Opfer und Überlebende der Anschläge und jene hinduistischen Krankenschwestern, die durch ihre Zivilcourage Müttern und Babies im Cama Albless Krankenhaus das Leben gerettet haben, die Möglichkeit, gemeinsam über Ihre Erfahrungen, Ansichten, Einstellungen und Ideen zu sprechen und zu diskutieren.
Über die SAVE Aktivitäten ein Jahr nach den Anschlägen wurde von den großen indischen Tageszeitungen ausführlich berichtet. Bitte folgen Sie den unten stehenden Links, um Artikel in indischen Tageszeitungen sowie einen Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse zu lesen.
„Die Opfer des Terrors in Mumbai müssen über das Trauma hinwegkommen“ - Ein Interview mit Edit Schlaffer in Hindustan Times (24.11.2009)
Tapping into Girl Power - Ein Bericht über die SAVE Workshops an Universitäten in Mumbai, Hindustan Times(25.11.2009)
Die Blutspur durch Bombay. - Ein Gastkommentar von Edit Schlaffer in der Tageszeitung Die Presse (26.11.2009)
"Women here are extremely isolotated" - Ein Artikel in der indischen Tageszeitung DNA (1.12.2009)