
22. September 2009
Ulrike Lunacek (links) und Najma Ahmed Abdi
Im Rahmen der Frauen ohne Grenzen SAVE Konferenz im November 2008 fand ein Gespräch zwischen der grünen EU Abgeordneten Ulrike Lunacek und Najma Ahmed Abdi aus Somalia statt.
Ulrike Lunacek: Wenn wir EuropäerInnen von Somalia sprechen, dann denken wir immer nur an die Piraterie und wissen sonst wenig über das Land. Aber das bisschen was ich weiß ist, dass Somalia gerade keine Regierung hat, es gibt keine Organisation, die die Bevölkerung schützt- Was also machen Sie in Ihrer Organisation um dagegen zu steuern, nicht nur auf dem humanitären Level, sondern vielleicht auch auf dem politischen?
Najma Ahmed Abdi: Als die Organisation Save Somali Women and Children 1992 gegründet wurde, ging es darum, Frauen zu helfen, die zwischen den beiden Clans standen, die vergewaltigt wurden oder Analphabetinnen waren. Wir mussten die Frauen regelrecht vor zu früher Heirat und Beschneidung (FGM) retten. Wir haben die Frauen gebildet und sie gestärkt und sie mit Politik vertraut gemacht. Viele von ihnen sind mittlerweile Parlamentarierinnen.
Aber nun, mit den aktuellen Konflikten in Somalia und der Gründung der IDB Camps rund um Mogadishu, sind wir plötzlich keine Gender Empowerment Organisation mehr, sondern eine militärische Organisation. Die Frauen kommen heute zu uns und sagen: „Ihr habt mich trainiert, ihr habt mich gestärkt, aber jetzt ist mein Ehemann tot und ich kann meine Kinder nicht ausfindig machen, wie soll es weitergehen?“
Drei Millionen Menschen leben in dieser Krisensituation.
Ulrike Lunacek: Leben immer noch so viele Menschen in den Flüchtlingscamps?
Najma Ahmed Abdi: Ja. Aber man muss die Trennunngen durch die Clans bedenken. Jeder hilft nur denjenigen, zu denen er gehört. Aber wir können das nicht machen, wir helfen allen somalischen Frauen, unabhängig davon, ob sie zur Mehrheit oder zur Minderheit gehören.
Unserem Verständnis nach ist die Identität eine Frau gleichzeitig auch ihre Weiblichkeit. Wir haben ein Konzept in Somalia eingeführt, das anfangs bei allen als verpönt galt: Männer sind – wie fast überall – höher gestellt als Männer, eigentlich. Wir haben nämlich gesagt, Frauen stehen weiter oben, weil sie Leben schenken können. Männer nicht. Wir haben die Bestimmung, die Kraft und die Fähigkeit, etwas zu verändern, auch wenn es manchmal nicht einfach ist, eine Frau davon zu überzeugen, dass sie ihre Tochter nicht beschneiden lässt.
Erst kürzlich haben wir eine Reihe von Drohungen erhalten, weil wir gegen die Steinigung eines 13jährigen Mädchens in Mogadishu protestiert haben. Sie war psychisch instabil und ist alleine in eine falsche Gegend gegangen. Dort wurde sie von einer Gruppe von acht Männer vergewaltigt. Nachdem Verbrechen lief sie in Tränen aufgelöst zu einer Moschee und erzählte dem Geistlichen, was passiert war. Seine Antwort: „Also bist Du nun eine Prosituierte?“. Und sie steinigten sie zu Tode. Ihr Vater hat uns gefragt, ob wir nicht öffentlich dazu Stellung nehmen können, aber die somalische Presse weigert sich, etwas zu dem Fall zu veröffentlichen. Sie meinen, sie würden uns damit vor dem Zorn der Vergewaltiger und deren Sympathisanten schützen.
Ulrike Lunacek: Aber das Grundproblem liegt ja oft auch darin, dass die Frauen die Männer immer schützen, damit also auch oft zu Täterinnen werden…
Najma Ahmed Abdi: Das Stimmt. Ich habe gesagt: „Gut, sie hat Ehebruch begangen, deshalb habt ihr sie getötet. Aber wo sind die Männer, die Ehebruch begehen? Warum sind die nicht tot?” Das Kind war in ihren Augen ein dummes Mädchen, das Schande über viele Männer gebracht hat. Sie haben sie getötet, um die Identität ihrer Vergewaltiger zu schützen.
Stämme sind bei uns etwas sehr wichtiges, jeder weiß genau, wer wohin gehört. Al Kaida ist ziemlich gut vertreten in Somalia. Die Mitglieder glauben, Bin Laden ist der Größte und sie müssen jeden umbringen, der nur mit einem Menschen aus dem Westen zu tun hat. Der Islam dieser Leute beruht auf Wut, Unterdrückung, Gewalt und Hass. Das entspricht nicht meiner Auslegung des Islam. Mein Islam sagt, dass ich fünfmal am Tag beten soll, dass ich helfen soll, wenn ich kann, dass ich Mekka besuchen soll und mich um die Alten uns Schwachen kümmern soll.
Der Islam dieser Al Kaida Anhänger beruht darauf, jeden zu töten, denn niemand ist etwas Wert. Das Schlimme ist, dass diese Menschen nun auch gebildete Leute angreifen, weil die natürlich weiter denken und auch ihre Meinung sagen.
Ulrike Lunacek: Woher kommt diese Unmenschlickeit?
Najma Ahmed Abdi: Es ist die Hoffnungslosigkeit, das Trauma des Krieges, es sind die Bilder, die sie jeden Tag sehen, es ist das Fehlen von Recht und Ordnung, es ist die Ungerechtigkeit, die überall gerade passiert.
Können Sie sich vorstellen, ein 19jähriger, der nicht einmal in Somalia aufgewachsen ist, sondern in England geht nach Somalia und kämpft im Krieg. Jemand der in England gebildet wurde, der im Westen gelebt hat und westliche Freundinnen hatte, kommt zurück nach Somalia, streift sich einen Bombengürtel über und sprengt sich in der Nähe von Amerikanern in die Luft.
Das liegt daran, dass die Menschen kein Vertrauen haben, keine Zuversicht.
Ulrike Lunacek: Vertrauen in sich selbst?
Najma Ahmed Abdi: In sich selbst, ja. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Ich möchte, dass junge Mütter sagen können: „Nein, meine Tochter wird nicht beschnitten, weil ich wurde selbst beschnitten und ich weiß, was das heißt“. Ich möchte, dass junge Männer sagen: „Ich suche mir selbst aus, wen ich heirate und ich werde keine Frau dazu zwingen, mich zu heiraten und meine Kinder zu gebären.“
Durch viele Debatten und das Aufbrechen von Tabus sind wir nun so weit, dass wir öffentlich über Homosexualität reden können, über frühe Heirat, FGM und HIV. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die so ist wie die, in der ich aufgewachsen bin. Ich möchte, dass meine Kinder – sofern ich jemals welche bekomme - einmal so aufwachsen können wie ich. Ich möchte, dass sie die Möglichkeit haben, Diversität kennen zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, egal ob es um Religion, Geschlecht oder Bildung geht. Sei wer auch immer du sein kannst und sei der beste Mensch, der du sein kannst. Aber um so ein Umfeld zu schaffen, müssen wir viel in Bildung investieren. Bildung ist so wichtig, vor allem in Somalia. Es gibt so viele 18jährige, die noch nie in einer Schule waren. Wie kann ich eine 18jährige von meinen Ansichten überzeugen, wenn diese noch nicht einmal die Möglichkeit hatte, aus ihrem Dorf hinauszugehen?
Wenn es um Extremisten in unserer Gesellschaft gehen, dann haben wir zwei Möglichkeiten:
Entweder sprengen wir die Welt in die Luft und haben keine Zukunft mehr oder wir sagen: „Das sind wir, das ist unsere Religion, aber wir leben in einem globalen Dorf, wir sind Teil eines Systems, eine menschenwürdigen Systems.“
Najma Ahmed Abdi wuchs in England auf. Vor kurzem ging sie zurück in ihr Heimatland Somalia, wo sie für die NGO Save Somali Women and Children arbeitet, eine Organisation, die seit Beginn der 90er Jahre Frauen dabei unterstützt, der Spirale Marginalisierung, Gewalt und Armut zu entkommen. Sie ist außerdem Vorsitzende des Youth Leadership Forum und Mitglied des Nationalen Komitees zu Beschneidung (FGM) in Somalia.