
08. März 2009

Bilder von Xenia Hausner








Ein Kommentar von Edit Schlaffer und Bilder von Xenia Hausner
Angela Merkel hat Russlands Putin letzten Samstag gefragt, ob er seiner Frau Lyudmila anlässlich des Internationalen Frauentages das Frühstück serviert. Er hat ihr versichert, dass sie zumindest zusammen frühstücken werden und er ihr ein Geschenk geben wird.
Der Frauentag hat in Russland hochoffizielles Backing. An der häuslichen Front sind Männer im Arbeitseinsatz, das ist Ehrensache an diesem Tag. Es wird von ihnen auch erwartet, dass sie ihren Ehefrauen und ihren Kolleginnen am Arbeitsplatz Blumen überreichen.
In Russland, China, Vietnam und Bulgarien ist der Internationale Frauentag ein nationaler Feiertag.
Aber hier endet bereits die Frohbotschaft.
Während Lokalpolitikerinnen zu Empfängen laden, verhallen die verzweifelten Appelle ihrer Schwestern ungehört.
Das iranische Frauenforum gegen den Fundamentalismus hat gerade einen Notruf an die internationale Gemeinschaft gerichtet, um die Steinigung der 37jährigen Ashraf Kalhori abzuwenden. Ihr Verbrechen: Verstoß gegen die Moralgesetze. Sie hat bereits 7 der 15 Jahre im Gefängnis abgesessen. Der Höhepunkt der Strafe wird die Steinigung sein. Nun soll sie aber umgehend gesteinigt werden. Dem Opfer wird ein langsamer Tod garantiert. Bis zum Hals eingegraben werden Steine auf sie herab prasseln, deren Größe genau vorgeschrieben ist. Die mutigen Aktivistinnen im Iran argumentieren, dass sich Teheran diese drakonischen Menschenrechtsverletzungen leistet, weil das Regime davon ausgeht, dass die Regierungen des Westens sich in diese internen Angelegenheiten keineswegs dezidiert einmischen werden. Und sie haben Recht damit.
Die Rechtsanwältin Hülya Gülbahar aus Istanbul berichtet von einer Studie zur Sicherheitslage von Frauen in der Türkei: 71%der Frauen leben mit physischer und sexueller Gewalt. Immerhin ist die Türkei ein Land, das mit der EU in Beitrittsverhandlungen steht, und das ist genau der Zeitpunkt, um mit Nachdruck Lösungen einzufordern. Das ist teilweise gelungen. Das neue türkische Strafrecht weist Fortschritte auf und das hat eine EU-weite Kampagne bewirkt. Die tatsächliche Umsetzung steht allerdings noch an und ist ein weiteres Kapitel in der Geschichte der türkischen Frauen und ein Fitnesstest für die EU Mitgliedschaft.
Rollenmodell EU?
Aber die EU tut auch gut daran, vor der eigenen Haustüre zu kehren. Die Europäische Union beheimatet 250 Millionen Frauen. In den nächsten 12 Monaten werden wieder vier hochkarätige Führungspositionen in der Union frei. Seit 50 Jahren haben wir dasselbe Familienfoto: ein Heer von grauen Anzügen. Die Kampagne „Females in Front“ versucht, eine Million Unterschriften zu sammeln. Das ist die Voraussetzung dafür, dass das im Vertrag von Lissabon verankerte Prinzip der Geschlechtergleichbehandlung durchgesetzt werden muss. Interessant, dass das Abkommen durch eine „citizen´s initiative“ realisiert werden muss.
Der Titel der Kampagne ist sehr zutreffend: „250 Millionen Frauen in der EU und nicht eine davon gut genug?“ Vor allem, wenn man die AbsolventInnenzahlen der Studierenden an den Universitäten berücksichtigt. Es scheint Frauen wenig zu helfen, dass sie intellektuell brillieren, im Gegenteil, das Terrain des Teilzeitjobs ist ihre angestammte Spielwiese. Teilzeit ist ein Abstellgleis und garantiert, dass Frauen ihre Kompetenzen nicht umfassend zur Geltung bringen und damit die alten Herrschaftsverhältnisse nicht gefährden können.
Frauen 2009: zunehmend gebildet, aber nachhaltig benachteiligt, das ist ungerecht, macht aber keinen wirtschaftlichen Sinn. Ein besorgniserregender Befund und ein Indiz für die Verschwendung öffentlicher Ressourcen.
Backlash international
Und nun zum fortschreitenden Terraingewinn von radikalen Kräften: Die Einführung der Scharia macht Fortschritte, und das ist nicht nur für die jeweiligen Regionen ein Problem, sondern hat auch geopolitische Konsequenzen. In Somalia, mittlerweile fest in islamistischer Hand, sind die Frauen in die Schusslinie der Radikalen geraten. Eine tapfere Lehrerin zum Beispiel, die versucht hat, eine Mädchenschule trotz regelmäßiger Attacken offen zu halten, sagt, dass der Preis für die Freiheit mittlerweile zu hoch ist.
Auch First Lady Michelle Obama hat sich bereits zu Wort gemeldet und versichert, dass der Präsident die Balancierung von Karriere und Familie als eines der wichtigen Politikanliegen definiert hat. Das ist auch dringend notwendig, denn die USA ist eines der wenigen Länder weltweit, das keinen bezahlten Mutterschutz hat. Die anderen Länder sind Papua New Guinea, Swasiland und Liberia.
Da nun Amerika einen Präsidenten hat, der sehr auf Grassroot Activities baut, hat die Stunde der Frauen geschlagen. Druck von unten, von der Masse der benachteiligten Frauen, wird das Epizentrum der Macht in Amerika mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen.
Women power disempowered
Im Global Gender Gap Index 2008 des World Economic Forum, der die Kluft im gesellschaftlichen Status bezüglich Einkommen und politischer Repräsentanz zwischen Frauen und Männern misst, liegt Österreich im Mittelfeld.
Die Länder, die ohnehin an der Spitze stehen – wie Norwegen, Finnland, Schweden - haben seither weiterhin Fortschritte gemacht. Österreich fehlt aber immer noch in der Hitliste der Top 20, wo immerhin Länder wie Mosambik und Trinidad vertreten sind.
Frauen machen weltweit zwei Drittel der anfallenden Arbeit, haben aber nur einen 10% Anteil am Gesamteinkommen. Ein Jahr nach Collegeabgang verdienen Frauen global bereits 20% weniger als Männer, mit garantierter Verschlechterung: in zehn Jahren haben sie ein um 31% geringeres Gehalt. Also muss sich Österreich nicht allzu sehr schämen für die schlechten Nachrichten der letzten Wochen als Schlusslicht im EU Ranking der geschlechterungerechten Entlohnung zu glänzen.
Der erste Internationale Frauentag 1911 hat alle Erwartungen übertroffen und brachte zigtausende Frauen auf die Straße, auch in Österreich. Fast 100 Jahre später kommen Frauen wieder zusammen in Wien. Zum Beispiel in ganz luxuriösem Rahmen auf einem Gala Event in der Stadthalle. Der Eintritt kostet allerdings zwischen 450 und 80 Euro. Selbst die Frauen-Agenden sind Teil der Geldmaschine der Eventkultur geworden.
Der Artikel erschien am 7. März in der Tageszeitung "Der Standard".
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