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09. Mai 2008

Wild things © Xenia Hausner

Die anderen Mütter

Weltweit sind Mütter mit Herausforderungen konfrontiert, von denen unsere Zukunft abhängt. Eine alternative Sicht auf den Muttertag. Ein Kommentar von Edit Schlaffer

Muttertag: Dieser Tag hat keinen guten Ruf. Er erinnert an Hitlers Mobilisierung gebärfreudiger Frauen, die als Heldinnen des Volkes stilisiert 1939 erstmals das Ehrenkreuz der deutschen Mutter verliehen bekamen.

Fortschrittliche Frauen wollen heute auf keinen Fall geehrt werden. Feministinnen, und nicht nur sie, finden es lächerlich, wenn ihr sonst haushaltsunwilliger Ehemann gemeinsam mit den Kleinen an diesem Tag dramatisch Frühstückstabletts belädt und diese unpraktischerweise im Bett deponiert. Kinder sagen Gedichte auf und die Blumenläden haben Hochkonjunktur.

Es gibt aber auch eine alternative Betrachtungsweise des Muttertages. Er geht auf das Betreiben der Frauenbewegung in England und den USA zurück. Julia Ward Howe, eine philosophisch gebildete junge Dame, hat schon 1870 mit dem dramatischen Aufruf „Kein Sohn mehr für den Krieg“ die „Peace and Motherhood“-Bewegung in den USA eingeleitet und den Muttertag zum Protesttag gegen den Krieg definiert. Mutterschaft hat auch heute jenseits der privatistischen Betrachtungsweise von sehnsuchtsbehafteten Familienidyllen eine brisante Bedeutung. Die Mütter sind weltweit mit Herausforderungen konfrontiert, von deren Bewältigung nicht nur ihr individuelles Glück, sondern auch der Zusammenhalt der Gesellschaft abhängt.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Mairead Corrigan Maguire war eine junge Frau, als 1976 in Belfast ein IRA-Aktivist am Lenkrad erschossen wurde und sein Auto ihre Schwester mit den vier Kindern auf der Straße niedermähte. Es überlebten nur der kleine Mark und seine Mutter. Maired hat sich, als sich die traumatisierte Schwester umbrachte, um den Mann und das Kind gekümmert. Sie haben geheiratet, weitere drei Kinder bekommen, und sie hat den größten Friedensmarsch Irlands organisiert. Dafür bekam sie den Friedensnobelpreis. In unserem Gespräch erzählt sie: „Die Kinder haben mir die Kraft gegeben, von einer friedlichen Welt zu träumen und dafür zu kämpfen.“

Rajaa al-Khuzai, eine irakische Gynäkologin, Mutter von sieben Kindern, hat während der Sanktionen und Kriegswirren im Irak unzählige Menschen gerettet. In der Übergangsregierung war sie eine der drei ersten Frauen im Parlament. Ihre eigene Bedrohung konnte sie hinnehmen, doch als der 18-jährige Sohn ihrer Amtskollegin erschossen wurde – als Warnung an seine Mutter, sich aus der Politik fernzuhalten –, wurde sie nervös. Sie selber hat weiterhin die Festung gehalten, aber nach und nach ihre Kinder aus dem Land gebracht. Als einer ihrer Söhne in einem Kuvert eine Kugel zugeschickt bekam, fand Rajaa es schwierig, auf Kosten der Kinder mutig zu sein – sie verließ die Politik.

Die Berichte aus Palästina zeigen uns oft Bilder von verzweifelten Müttern, die im Schutt nach ihren Angehörigen graben. Im Gespräch mit Naila Ayesh vom Womens' Affairs Centre Gaza, einer modernen Frau in Jeans und Lederjacke, wird die Verzweiflung der palästinensischen Frauen über die Ausweglosigkeit der politischen Situation spürbar. Als junge Ehefrau eines Aktivisten wurde sie festgenommen und verhört, im Gefängnis hat sie ihr erstes Kind verloren. Im Spital sah sie den Blick der israelischen Krankenschwester voll Mitgefühl auf sich gerichtet. Die Empathie dieser Frau von „der anderen Seite“ hat ihr Kraft gegeben für ihre Versöhnungsarbeit. „Im männerdominierten Gaza haben wir eine riesige Verantwortung für uns und unsere Kinder, diese Gewalt zu stoppen“, sagt Naila.

Eine Gruppe von Müttern hat mit keinen Sympathien zu rechnen. Die Frauen, deren erwachsene Kinder sich entschlossen haben, den Weg des Terrors einzuschlagen. Die Mutter von Maajid Nawaz, ehemals Top-Rekruter einer islamistischen Gruppe in London, hat darum gekämpft, mit ihm Kontakt halten zu können, als er in einem Gefängnis in Ägypten saß. „Nach seiner ideologischen Umkehr hat für mich wieder das Leben begonnen“, erzählt sie. Und wie fühlt sich Hasina Patel, Ehefrau von Mohammed Khan, einem der Attentäter auf die Londoner U-Bahn, der einen „Abschiedsgruß“ hinterlassen hat? Ein Video, in dem er liebevoll mit seiner kleinen Tochter spielt und ihr auf den Lebensweg mitgibt, dass sie auf ihre Mama gut aufpassen und mit ihr gemeinsam kämpfen soll.

Aicha el Wafi, Mutter des mutmaßlichen 20. Hijackers der 9/11 Anschläge, hat ihre soziale Isolation durchbrochen und damit auch die emotionale Blockierung. Sie ist auf die Mütter der Opfer zugegangen: „Der schwerste Schritt meines Lebens.“

Mütter sind das Rückgrat der Gesellschaft. Sie wissen es, aber sie brauchen auch Unterstützung dabei.

Dieser Artikel erschien am 9. Mai 2008 als Gastkommentar in der Tageszeitung Die Presse.("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2008)

 
 

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