29. Mai 2006


"Warum sollte ich meine Frau schlagen?"

Bauern in ländlichen Regionen verdienen weniger als 1 Euro am Tag.
Fischer aus Tamil Nadu. Der Tsunami hat vielen das gesamte Hab und Gut genommen. Sie sehen sich gewzungen, ihre Lebensweise, auch Traditionen, grundlegend zu verändern.
Frauenempowerment stärkt auch Männer
Indien ist ein sehr vielschichtiges Land. Frauen-Empowerment ist keine leichte Aufgabe – Einstellungen müssen aufgebrochen, alte, patriachale Strukturen überwunden werden.
Sabil Francis, Frauen ohne Grenzen Mitarbeiter, war im Mai in Südindien, um für unsere Initiative „Men for Change“ den Grundstein zu legen. Sein Fazit: Veränderung ist möglich, aber nur mit viel Ausdauer und Mut.
In zahlreichen Interviews mit Männern mit den unterschiedlichsten Hintergründen, fand Sabil Francis heraus, dass die Einstellung von Männern gegenüber Frauen genau so vielschichtig ist, wie das Land an sich.
"Es ist nicht in Ordnung, nur den Männern die Schuld zu geben..."
In den meisten Ländern dieser Erde ist mit häuslicher Gewalt gemeint, wenn Männer ihre (Ehe) Frauen missbrauchen. In Indien ist dieses Problem um einiges komplexer, angefangen bei den endlosen Konflikten zwischen Schwiegermüttern und -töchtern – ein Thema, das auch in zahlreichen Soap Operas die Handlung bestimmt. So gibt es zum Beispiel Kyunki Saas Bhi Kabhi Bahu Thi, was ungefähr soviel heißt wie „Weil die Schwiegermutter auch einmal die Schwiegertochter war....“, eine Serie, die vor allem Mittelschichtfrauen begeistert.
Derart komplexe Verstrickungen innerhalb einer Familie werfen ein neues, oft unbeachtetes Licht auf häusliche Gewalt; Gewalt von Frauen an Frauen wird in Serien wie der erwähnten thematisiert. Eine Heirat in Indien impliziert automatisch den Zusammenschluss vieler Individuen, und es geht kaum einmal nur um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Einen sehr wichtigen Stellenwert zwischen Ehefrau und-mann nimmt die Mitgift ein, die sehr häufig Anlass für Gewalt ist.
Indien hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich rasch weiterentwickelt, in puncto Frauenrechte gab es keine positiven Veränderungen. Tatsächlich ist es so, dass sich in den 90er Jahren, als sich das Land wirtschaftlich liberalisierte, Gewaltverbrechen gegen Frauen verdoppelt haben.
Was sind die Gründe dafür? Wo liegen die Wurzeln für Gewalt gegen Frauen und wie kann man dagegen ankämpfen? Das sind die Hauptfragen, mit denen sich die Frauen ohne Grenzen Initiative„Men for Change“ intensiv auseinander setzen wird.
Lesen Sie hier ein paar männliche Stimmen zum Thema Gewalt gegen Frauen:
Sadanadam, ein 33jähriger Fischer:
„Es ist nicht ok, die Schuld alleine den Männern zu geben. Gewalt ist etwas, was beide Seiten betrifft. Manchmal kann ein Fischer zum Beispiel einen Monat lang nicht aufs Meer hinaus fahren wegen der hohen Wellen, also hat er auch kein Geld. Und manchmal ist er dann auch über seine Frau verärgert und sagt „warum bist du immer nur daheim, warum kümmerst du dich immer nur um deine Familie? Wer kümmert sich um meine Familie? Natürlich erklärt sie ihm das dann, aber sie hat ständig etwas an ihm auszusetzen. Und dann wird es der Mann irgendwann Leid, ihr zuzuhören, trinkt Alkohol und schlägt sie.“
Kumar, ein Dalit (Dalit = die „Unberührbaren“, aus dem indischen Kastensystem ausgeschlossenen) Bauer, fügt hinzu: „Wenn sich meine Frau ordentlich benimmt, warum sollte ich sie dann schlagen?“ Nalini, seine Frau, die daneben sitzt, meint traurig: „Früher ist er heimgekommen und hat mich geschlagen wenn er betrunken war. Ich bin seine Frau, er hat das Recht, das zu machen...aber ich leide.“
Dann gibt es Männer wie Mu. Ari, ein Menschenrechtsaktivist, der sich für die Dalit einsetzt und häusliche Gewalt als eine Folge von Unterdrückung beschreibt. Die Unterdrückung von Dalit Frauen sieht er als eine Begleiterscheinung des modernen Lebensstils, er ruft daher auf, sich wieder auf traditionellere Werte zu besinnen. „Ursprünglich, gemäß der Tradition, gab es unter den Dalit keine geschlechtsspezifische Gewalt. Sogar heute noch, wenn du zu abgelegenen Dörfern kommst, im Inneren von Tamil Nadu, in denen die Dalit die Mehrheit sind, merkst du nichts von Gewalt und Unterdrückung. Beide – Männer und Frauen – verrichten ihre Arbeit, meistens auf den Feldern. Im Haushalt gibt es eine Arbeitsteilung; so sammelt der Mann zum Beispiel Feuerholz und die Frau kocht. Da ist die Verantwortung noch gleichberechtigt zwischen Mann und Frau aufgeteilt. Aber die neue Generation, die von Filmen und der Modernität allgemein beeinflusst ist, akzeptiert die Werte der höheren Klassen, dadurch entsteht Gewalt.“
„Dalit-Frauen sind mit einer Reihe von komplexen, kastenspezifischen Problemen konfrontiert, und natürlich bedeutet das Unterdrückung. In Kombination mit finanziellen und wirtschaftlichen Problemen entsteht sehr oft Gewalt. Ein Hauptgrund ist, dass Dalit Jugendliche keine Bildung erhalten. Die meisten Kinder verlassen die Schule sehr früh“, erzählt K.Natarajan, Direktor der Adi Dravida Welfare School in Koovathur, einem Dorf im Landesinneren. „Die Eltern hier schauen nicht in die Zukunft, oder besser gesagt, sie können es sich nicht erlauben, vorauszublicken“, fügt er traurig hinzu.
Wirtschaftliche Unterdrückung als Ausgangspunkt für Gewalt und der Kampf gegen Armut, um häusliche Gewalt zu stoppen – das sind die Prinzipien der Kudumbasree Mission der Regierung von Kerals. Die Organisation hat 1995 den „We the People Award“ der USA gewonnen und ihre Aktivitäten wurden von UNDP zu den 15 erfolgreichsten in Indien gewählt. 968 Frauen, die an Kudumbasree Initiativen teilgenommen haben, sind heute in lokalen Regierungs- und Organisationsgremien vertreten.
"Die wirtschaftlichen Rollenverteilungen in der Familie müssen verändert werden"
„Frauenempowerment ist sehr eng mit wirtschaftlicher Freiheit verbunden und Kudumbasree versucht, die wirtschaftliche Aufteilung in den Familien zu verändern. Das führt langfristig zu sozialer Veränderung“, erklärt T.K. Jose, Direktor der Armutsbekämpfungsmission der Regierung von Kerala. „Kudumbasree gibt Frauen die Kraft, sich bewusst zu werden und ihr Vertrauen, ihre Fähigkeiten und ihre Möglichkeiten zu erhöhen. So kann Gewalt gegen Frauen bekämpft werden.“
Kesavan Nair, ein Mitarbeiter von Kudumbashree fügt hinzu: „Es reicht nicht, den Männer zu sagen, sie sollen ihr Verhalten Frauen gegenüber ändern. Um Veränderung zu erreichen, muss das Umfeld, die Situation, verändert werden. Für mich ist die Stärkung von Frauen vor allem mit der Reduzierung von Armut verlinkt. Indem wir Armut reduzieren, ändern wir auch die Männer. Männer sind diejenigen, die am meisten von Frauenempowerment beeinflusst werden. Wenn Armut reduziert wird, kann man sichtbare Veränderungen bei den Männer bemerken.“
Er erzählte mir eine Geschichte, die zeigt, wie durch die Veränderung von Situationen auch Gewohnheiten und Einstellungen verändert wurden:
„1998 organisierten wir Steinmetzkurse für Frauen aus Fischerdörfern. Die Frauen kamen am Morgen und arbeiteten bis zum Abend, von 9 bis 17 Uhr. Am zweiten Tag kam eine Frau zu mir und fragte mich, ob sie um 4 schon gehen könnte. Der Grund dafür war, dass sie am Vortag von ihrem Mann geschlagen worden war; weil sie nicht früh genug zu hause war, um Essen für ihn zuzubereiten. Sie ging von da an immer früher und mit der Zeit, als sie mit Geld nach Hause kam, dem Gehalt für ihre Arbeit, sah ihr Mann sie mit ganz anderen Augen. Plötzlich war sie nicht mehr abhängig, sondern selbständig, ein Mitglied der Familie, das ihr eigenes Einkommen hatte. Der Mann änderte seine Einstellung gravierend: „Du brauchst nicht so früh nach Hause kommen, ich kann ja auch woanders essen oder ich kann auch kochen, und etwas für dich übrig lassen.“ Als die Frau am nächsten Tag zum Kurs kam, weinte sie. Nie zuvor hatte ihr Mann sie so behandelt. Die Frauen wirtschaftlich und im Bereich der Bildung zu stärken, das ist der Schlüssel zu Frauenempowerment.“
Aber wirtschaftliche Stärkung alleine hilft nicht. Gewalt gegen Frauen in städtischen Gebieten, die in den letzten Jahren wirtschaftlich gewachsen sind, ist dramatisch angestiegen.
Eine Studie unter so genannten „Mitgift“Opfern in Delhi in den 90er Jahren zeigte, dass von 150 Opfern ein Viertel ermordet oder dazu gebracht wurde, Selbstmord zu begehen. Mehr als die Hälfte wurden nach jahrelanger Gewalt und Folter von den Ehemännern aus dem Haus geworfen. Gewalt in diesem Bereich ist vor allem in Mittelschichtfamilien stark angestiegen: „Es ist traurig aber wahr, dass viele Familien die Mitgift als legitime Rückzahlung jenes Geldes sehen, dass für die Ausbildung des Sohnes ausgegeben wurde“, erklärt Sunil Saxena, Vizepräsident von India Express, eine der größten indischen Zeitungen.
Dennoch, der Wille, etwas zu tun, ist da. Der Ruf nach Veränderung kommt von vielen Seiten. Sogar die traditionellsten Familien, die Fischermänner, sind bereit für Veränderung. „Frauen müssen gestärkt werden, denn dann werden auch die Männer gestärkt“, sagt Kuppuswamy, 32, ein Fischer, der beim Tsunami all sein Hab und Gut verloren hat.
Seine Freunde, die während unseres Gesprächs um uns herum stehen, nicken zustimmend. „Wir sind zum Beispiel schon dafür, dass unsere Frauen schwimmen lernen, aber die Älteren wollen das immer verhindern. Sie glauben, dass all diese neuen, modernen Sachen, nur Probleme bringen“, meint A. Shanmugham, 38. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und spricht hier das Frauen ohne Grenzen Schwimmprojekt „Women Swimming into the Future!“ an.
Die Frauen ohne Grenzen Empowerment Projekte werden von den Männern durch die Bank positiv aufgenommen – sie würden helfen, Altes über Bord zu werfen, Neues zu lernen und zu erfahren.
"Wenn Frauen gemeinsam eine Chance haben, können sie die Gesellschaft verändern"
Den Männern zuzuhören ist eine interessante Erfahrung. Sie zeigen alle eine bemerkenswerte Offenheit und ihre Aussagen könnten ebenso von hochgebildeten Wissenschaftlern stammen. „Unsere Töchter sind genauso wichtig wie die Sühne“, erzählen sie. Frauen müssten sich außerdem zusammentun, um die Gesellschaft zu stärken. Aber auf der anderen Seite sind die Fischer auch nach wie vor in den seit jeher festgesetzten Geschlechtszuschreibungen gefangen „Ich akzeptiere natürlich, was meine Frau sagt und macht. Aber die Entscheidungen möchte ich schon immer noch alleine treffen. Auch wenn ich soweit bin, dass ich meine Frau als gleichberechtigt ansehe, gibt es immer die Gesellschaft, die ich respektieren muss und die ihre eigene Idee davon hat, wie Männer und Frauen miteinander umgehen, sich verhalten sollten.“
Die Zeiten ändern sich, langsam. Die alten Strukturen werden immer unattraktiver, die Zeit ist reif für Veränderungen. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, Einstellungen und Ansichten, die über Generationen hin weitergegeben wurden, müssen Neuem Platz machen. Die Zeit ist reif und „Men for Change“ soll einen Beitrag für diese Veränderung leisten. Veränderungen, die unsere Generation – oder auch die nächste - vielleicht (noch) nicht erleben wird. Aber das sollte kein Grund sein, diese Initiative nicht mit voller Energie und Ehrgeiz voranzutreiben.