Rückblick

Jaleh Lackner-Gohari ©Xenia Hausner

Frauen ohne Grenzen zu Gast bei UNIFEM Schweiz/Liechtenstein

24.04.2004 
Bern

UNIFEM Schweiz/Liechtenstein haben eine Vertreterin von Frauen ohne Grenzen zu ihrer Generalversammlung 2004 am 24. April in Bern eingeladen, um FoG im Rahmen eines Festvortrages zu repräsentieren. Dr. Jaleh Lackner-Gohari hat diese ehrenvolle Aufgabe übernommen. "Die Zusammenarbeit von UNIFEM Schweiz/Liechtenstein mit Frauen- ohne- Grenzen wird den Frauen dieser Welt durch intensiven Informationsaustausch Frieden und Freude bereiten." Für den Vorstand von UNIFEM Schweiz/Liechtenstein DKfm. Monika Studer Vizepräsidentin, Vaduz Lesen Sie die wichtigsten Ausschnitte aus der Rede von Dr. Jaleh Lackner-Gohari (Foto), in der sie die Geschichte der Frauenbewegung in ihrem Heimatland, dem Iran, aufrollt. Sehr geehrte Frau Präsidentinnen von UNIFEM Schweiz und Liechtenstein, sehr geehrte anwesende Damen, zuerst möchte ich mich herzlich für die Auszeichnung, hierher eingeladen zu werden, danken. Ich hoffe, Ihnen einige Aspekte der bewegten und bewegenden zeitgenössischen Geschichte der Frauen in meinem Ursprungsland, dem Iran, näher bringen zu können. Shirin Ebadi – eine Überraschung für die Welt Am 10. Oktober 2003 ging eine Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt: Shirin Ebadi, die iranische Anwältin und langjährige Verteidigerin der Menschenrechte erhielt den Friedensnobelpreis. Diese Meldung hat bei den meisten Menschen zwei Gefühle geweckt: Einmal große Überraschung und zum zweiten eine riesengroße Freude! Überraschung, weil, selbst für Menschen, die den Einsatz für Frauen-Menschenrechte seit Jahren auf ihre Fahnen geschrieben, daran geglaubt und dafür gekämpft hatten, diese Anerkennung nicht vorhersehbar war. Es überraschte, dass die stetigen Bemühungen einer Frau gewürdigt und ausgezeichnet wurden, die nie aufgehört hatte, für schwer erreichbare Ziele zu kämpfen und die in kleinen, aber vorwärts gerichteten Schritten, Prinzipien zum Durchbruch verhalf, an die sie UNBEDINGT glaubte. Eine Frau wie viele andere im Iran auch, die unter schwierigsten Bedingungen für ihr Recht und ihre gesellschaftlichen Überzeugungen gekämpft und dabei gelernt hatten, nicht aufzugeben. Diese allerhöchste Auszeichnung wurde, man staune, einer Frau, noch dazu aus dem Iran und darüber hinaus einer Muslima zuteil. Gute Gründe für eine große Überraschung also! Die zivilen Augen der Welt hatten ganz offensichtlich sehr wohl seit Jahren die unglaublichen Bemühungen und Widerstände der iranischen Frauen registriert – und mit Shirin Ebadi stellvertretend honoriert. Doch nun zurück zu einem kursorischen Überblick über die Geschichte der iranischen Frauenbewegung. Ich werde eine rückblickende Betrachtung dieses Entwicklungsprozesses, einen Vergleich der Situation der iranischen Frauen vor der Revolution (1979) mit den verschiedenen Phasen nach der Revolution bis heute versuchen und dann auch das Wagnis einer Voraussage: wohin der Weg führen könnte. Vor der Revolution – Modernisierung ohne Basis In den letzten Jahren der Pahlawi-Ära entstand als Teil der Modernisierungsbestrebungen im ganzen Land der ausgeprägte politische Wille, die Situation der Frauen im Iran quasi über Nacht den internationalen Maßstäben anzunähern. Die zuvor geltenden Gesetze beruhten auf islamischem Rechtsverständnis und wurden nun angepasst und modernisiert. Im Zivilrecht wurde Frauen mehr Mitsprache gewährt, vor allem in Scheidungs- und Obsorgerechtsfragen. Zur praktischen Durchführung dieser neuen Gesetze wurde eigens ein Familiengericht ins Leben gerufen. Die neuen Gesetze bedeuteten eine Erweiterung der gesellschaftlichen Freiheiten für Frauen, sie spielten Frauen – wenigstens theoretisch – von der Willkür ihres männlichen Vormunds (Vater, Ehemann etc.) frei. Diese Reformansätze hätten möglicherweise die Entwicklung der Frauenfrage im Iran längerfristig positiv beeinflussen können. Allerdings waren die Begleitumstände für eine bleibende Transformation nicht gegeben. Die vorher bestehenden Gräben zwischen extrem fortschrittssüchtigen westlich-orientierten Frauen und den in den Traditionen verhafteten, meist unterprivilegierten städtischen Frauen und den Dorfbewohnerinnen und Bauersfrauen andererseits wurden größer und letztlich unüberbrückbar. Das Land tanzte damals auf einem politischen Vulkan, es wurde zunehmend instabil. Der interne Druck stieg stetig an und der Kochtopf der Revolution begann sichtbar zu dampfen. In dieser Zeit haben sich die aktiven Frauen lieber den politischen Entwicklungen zugewandt und großteils die Veränderung mitgetragen. Sie haben sich damals von der Revolution noch die Erfüllung ihrer politischen Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit erwartet. Darum wurde dem Kampf für den Umsturz vor dem Kampf für die Frauenrechte Vorrang gegeben. Die Frauen dachten, und das nicht nur im damaligen Iran, dass erst die (revolutionäre) Veränderung der Gesellschaft gemeinsam abgeschlossen werden müsste bevor man sich dann, in der neuen Gesellschaftsordnung, der Frage der Gleichberechtigung zuwenden könnte. Nach der Revolution die Freiheit – eine Fata Morgana Die iranischen Frauen haben in dieser Phase einen weiteren großen Fehler gemacht: Sie haben sich zur Verwendung eines Instruments des Widerstands überreden lassen, das ihnen später – und noch bis heute – zum Verhängnis wurde. Der Schleier, dieses damals auch von intellektuellen Frauen angenommene Symbol des „Befreiungskampfes“, das sie in die neue Freiheit führen sollte, sie vom aufgesetzten Fortschritt westlichen Stils befreien sollte, tat weder das eine noch das andere. Ganz im Gegenteil! Der Schleier ist bis heute aus dem persönlichen und politischen Leben der Iranerin nicht wegzudenken. Er wurde zu der be-hütenden Instanz in ihrem Leben. Er brachte unvorhersehbare Unfreiheiten mit sich. Und trotzdem haben die Frauen im Iran, wenn auch verhüllt, ihr Ziel weiter verfolgt. Als symbolische Geste des Protests trugen die urbanen Perserinnen den Schleier mal über die erlaubte Linie oder probierten, bunte Farben zu tragen. Dafür mussten sie immer wieder Mahnungen und manchmal sogar Züchtigungen einstecken. Aber über die ganzen Jahre nach der Revolution war dieses deutliche Sich-Wehren gegen die Kleidervorschrift sichtbar. Gleich nach der Revolution wurde, als eine der ersten Handlungen der neuen Ära und per persönlichem Dekret Ayatollah Khomeinis, das oben erwähnte Familienrecht suspendiert. Scheidung und Obsorgerecht, das Recht der Wahl der Arbeit, des Wohnorts und andere zivile Freiheiten für Frauen wurden auf den Stand vor der Revolution zurückgesetzt und streng überwacht. Das Ehealter für Mädchen wurde auf neun Jahre herabgesetzt! Aktivistinnen und intellektuelle Frauen haben die unakzeptable Zweitrangigkeit der Frauen in Familienrechtsfragen immer wieder angeprangert. Verschleierte politisch aktive Frauen entdeckten die Wichtigkeit der Frauenarbeit. Mit der Zeit setzten sie sich für die Veränderung der Gesetze ein. Sie konsultierten Expertinnen wie Ebadi. Als eine machbare Lösung erschien der Entwurf eines 12-Punkte-Zusatzvertrages, der bei gegenseitigem Einvernehmen der Eheleute beglaubigt werden kann und der Ehefrau im Falle der Scheidung bei der Obsorge der Kinder wie in Finanzfragen erweitertes Mitspracherecht garantiert. Von diesem Recht wurde und wird leider nicht oft Gebrauch gemacht. Die traditionell eingestellte Familie optiert im Zweifelsfall eher dafür, ein Mädchen unter die Haube zu bringen, als diese Chance durch Beharren auf den „12-Punkte-Vertrag“ zu versäumen. Traditionelle Strukturen – im Namen des Islam Der Aspekt der Tradition darf im Diskurs um die Situation der Frauen im Iran und anderen Ländern mit stark patriarchalischen Strukturen nicht außer Acht gelassen werden. Die Neigung, in islamischen Ländern alles dem Islam in die Schuhe zu schieben, muss sich in objektiven Grenzen halten und sollte der Fairness halber durch eine mehrdimensionale Betrachtungsweise ersetzt werden. Zur Illustration ein kleiner Ausflug in die Vielfalt der Länder mit islamischer Kultur: Die Rollen und Rechte der Frauen in Indonesien sind anders als die in Saudi-Arabien, Tunesien oder Bosnien. Während in Saudi-Arabien Frauen im Namen des Islam nicht Autofahren dürfen, gibt die iranische Abgeordnete Elahee Koolaee drei jungen Studenten autofahrenderweise ein Interview, das über das Internet um die Welt geht. Keiner, und ich schließe die konservativen Herrscher im Iran mit ein, findet das für eine Parlamentsabgeordnete einer islamischen Republik unpassend oder verwerflich – geschweige denn unislamisch! Vor der Revolution gab es im Iran zuletzt 20 weibliche Abgeordnete und zwei Ministerinnen. Im derzeit auslaufenden Majlis (Parlament) sind 13 Abgeordnete Frauen, die der Reformbewegung angehören. Ihre Eignung, für die nächste Parlamentsperiode zu kandidieren, wurde vom Wächterrat angefochten. Ins nächste Parlament werden acht Frauen einziehen, fast alle stammen aus dem konservativen Lager. Diese designierten Abgeordneten haben sich bereits mit ihrem Programm zu Wort gemeldet und bestätigt, dass sie sich dafür einsetzen werden, dass der gesellschaftliche Status der Frau in die Zeit vor der ersten Reform-Periode zurückgesetzt werden soll. Viele Shirin Ebadis geben nicht auf Gleichzeitig gibt es eine andere lebendige Strömung im Iran, vertreten durch die Stimme der jungen Journalistin Shadi Sadr. Sie meint, dass man sich nicht mit dem Versuch aufhalten sollte, eine Gottes-Staatlichkeit zu reformieren. Die Trennung der zivilen von den religiösen Werten wird gefordert. Sadr empfing jüngst einen Auslandspreis für couragierten Journalismus und wurde gleichzeitig vor das Gericht zitiert, weil sie sich öffentlich für die Ratifizierung der UNO Konvention zur Eliminierung aller Arten von Diskriminierung von Frauen geäußert hatte. Im heutigen Iran gibt es einige brillante Regisseurinnen, die mit höchstem Können und unglaublicher Sensibilität Bruchstellen einer widersprüchlichen Gesellschaft unter die Lupe nehmen. Sie tun das, ohne sich dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Künstlerinnen und Schriftstellerinnen entfalten sich im Iran wie nie zuvor, sie reisen ins Ausland, um bei internationalen Tagungen zu berichten, was sich intellektuell im Iran bewegt. Dann kehren sie in ihre Heimat zurück, um ihre Arbeit weiter zu machen. Manchmal erhalten sie Vorladungen und gelegentlich landen sie im Gefängnis. Sie stecken viel ein, riskieren noch mehr und machen ihre Sache weiter, diese vielen Shirin Ebadis. Im Iran wird den Frauen, trotzdem sie auf vielen Fakultäten heute die Mehrheit der StudentInnen darstellen, noch nicht der gesellschaftliche Raum zur Partizipation gegeben. Genauso wie in einigen anderen islamischen Ländern wird der Islam heute dazu benützt, bestehende, alte patriarchale Strukturen weiter aufrecht und lebendig zu halten. In arabischen Ländern jedoch hat die authentische Interpretation der religiösen Texte durch weibliche Gelehrte Einzug gehalten. Die herkömmlichen Gesetze, bisher ausschließlich von Gelehrten des Patriarchats interpretiert, werden sich in näherer Zukunft dem Maßstab arabisch-kundiger Expertinnen stellen müssen. Dieser Trend ist auch im Iran zu beobachten, der zwar Persisch als Landessprache hat, in dem aber nach der Revolution 1979 das Erlernen der arabischen Sprache aus religiösen Motiven auch bei Frauen üblich wurde. In diesem Machtkampf, nicht nur des politisierten Islam, sondern auch der traditionslastigen patriarchalen Gesellschaft, ist das letzte Wort für die unaufhaltsame Frauenbewegung noch nicht gesprochen – zu viele Faktoren werden mitentscheiden, wie es weiter geht. Auch wenn der Verlauf nicht linear nach vorn deutet, ist ein Rückwärtstrend schwer vorstellbar. Die Uhrzeiger der Geschichte lassen sich nur bedingt und nur vorübergehend zurückdrehen. Es ist wichtig, festzuhalten, dass weitere internationale Zurkenntnisnahme der Ereignisse im Iran der iranischen Frauenbewegung helfen, ihren Weg zu gehen. Das Wahrnehmen der Entwicklungen und auch das Einspruch-Erheben bei Menschenrechtsverletzungen wird den großartigen Leistungen von Frauen im Iran Vorschub leisten. Wir Frauen können diesen schwierigen Weg nur miteinander gehen. Die Frauenbewegung im Iran ist eine Menschenrechtsbewegung, Shirin Ebadi deren prominente Repräsentanz. Ihre Entwicklung ist unbedingt an die Demokratisierung des Iran gekoppelt. Die Rolle und der Einfluss der internationalen Gemeinschaft, ganz besonders ihrer öffentlichen Meinung, ist für die Wendungen dieses Prozesses unbestritten – man muss sie wahrnehmen und sehr ernst nehmen.

 
 

« Zurück zur ÜbersichtArtikel weiterleiten Artikel drucken