Rückblick

Women Included! Warum Frauen unsere Welt mitgestalten und mitbestimmen müssen

v.l.n.r.: Edit Schlaffer, Sonja Wehsely, Shirin Ebadi, Jaleh Lackner-Gohari

Shirin Ebadi im Wiener Rathaus

Podium im Wiener Rathaus

v.l.n.r.: Edit Schlaffer, Sonja Wehsely, Shirin Ebadi, Jaleh Lackner-Gohari

Shirin Ebadi zu Gast bei Frauen ohne Grenzen

14.09.2008 
Women Included! Warum Frauen unsere Welt mitgestalten und mitbestimmen müssen

Auf Einladung von Frauen ohne Grenzen und mit Unterstützung der Wiener Frauenstadträtin Sonja Wehsely hielt Shirin Ebadi im Wappensaal des Wiener Rathauses am 14. September 2004 einen Vortrag zum Thema.

"Meine Damen und Herren, Ein Sprichwort auf Persisch besagt, dass für Menschen zwei reale Welten existieren: Unsere innere Welt und die Äußere. Der Mensch nimmt die äußere Welt durch seine innere Welt wahr und so wird die Beziehung zur Außenwelt möglich gemacht und hergestellt.

Frauen machen Frieden
Es ist nicht vorstellbar, dass in einer Gesellschaft, die den Frieden nie erfahren hat, über die Entstehung des Friedens als Wert gesprochen wird. Innerer individueller Friede ist notwendiges Fundament des äußeren Frieden. Die Natur hat Frauen mit der Gnade versehen, Initiatorinnen des inneren Friedens sein zu können. Vergessen wir nicht, dass jedes Wesen im Inneren einer Frau Gestalt annimmt, aus ihr heraus geboren wird und mit ihr aufwächst. Die Wissenschaft heute ermöglicht die Erkenntnis, dass emotionale Schwankungen einer Mutter, ihr Gefühl von Unsicherheit oder Angst, ihre Unruhe und ihr Aufgewühlt-Sein, das entstehende Leben in ihr beeinflussen und sich auf das ungeborene Kind auswirken. Ebenso führen Gefühle von Sicherheit, innerer Ruhe und Freude zu einer positiven emotionalen Entwicklung des ungeborenen Kindes. Wir wissen andererseits auch, dass die ersten Lebensjahre für die Entwicklung der Persönlichkeit jedes Menschen entscheidend sind. Die Mutter spielt in der Charakterprägung eines Kindes eine entscheidende Rolle. Es ist dieses exemplarische Kind, das potenziell die zukünftige PolitikerIn, WissenschafterIn, WirtschaftsexpertIn, Handelstreibende, LehrerIn, Krankenschwester etc. werden wird.
Das werden Menschen, die individuell und in der Gesamtheit die Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft mitbestimmen werden. Wenn ein Individuum in seinen ersten Lebensjahren - im Schoße der Mutter sozusagen - gelernt hat, das Recht anderer zu respektieren, wenn es erfahren hat, dass Gewalt in jeder Form ein abzulehnendes Instrument ist, und wenn es zugleich selbst um seine eigene Rechte Bescheid weiß und deren Verwirklichung anzustreben gelernt hat, und wenn dieses Individuum das Gefühl des inneren Friedens und der tiefen Zufriedenheit kennen gelernt hat, Zufriedenheit darüber, dass es die Möglichkeit hatte seinen Werdegang zu verwirklichen, ohne dabei die Rechte der anderen mit den Füßen treten zu müssen, dann wird es später entsprechend gerecht und friedlich handeln können. Ein Individuum andererseits, das sich stets in einer Defensive befindet und keine solche Entwicklung hatte, wird später bei der Erfüllung von menschlichen, gesellschaftlichen und beruflichen Aufgaben in der Familie, in seiner Stadt, in seinem Land und in der Welt -selbst wenn es den Wunsch in sich trägt - nicht friedlich und gerecht handeln können und wird kaum Positives auf das Umfeld zu übertragen wissen.

„Wie könnten Friede und Recht eines anderen Menschen hier ein Thema sein, wenn man sie selbst nicht kennen gelernt hatte und sie entbehren musste?“
Wie kann von einer Frau, deren Rechte stets verletzt und übersehen wurden, die in Unsicherheit und Überlastung das Leben verbringt; von einer Frau, die nicht genügend Raum erhalten hat, das eigene menschliche Potential zu entwickeln und immer und immer wieder verletzt und zurückgehalten wurde, erwartet werden, dass sie imstande ist, wichtige, selbst kaum erfahrene Werte, wie Selbstvertrauen oder Respekt vor dem Recht der Anderen oder wie Vermeidung von Gewalt, in der Erziehung auf ihr Kind zu übertragen - selbst wenn sie sich ihrer großen Verantwortung diesbezüglich bewusst ist und das auch ernst nimmt? Und in der Tat ist der Weg zu einer besseren Welt mit besseren Menschen, die sie bewohnen, die Verbesserung der Lebensbedingungen in Gesellschaften derselbe Weg für alle, für Männer wie für Frauen.

Wie sieht aber die Wirklichkeit unserer heutigen Welt aus?

Gleichberechtigung Es ist schwer ein Land auszumachen, in dem Frauen keiner Diskriminierung, und sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind und gleiche Möglichkeit erhalten, ihre Talente voll zu entwickeln. Ohne Zweifel werden Frauen generell und überall benachteiligt und unterdrückt. Die angewandten Mechanismen und Instrumente sind manchmal sichtbar, dann wieder versteckt und implizit. In manchen Fällen bestärken bestehende Gesetze diese Benachteiligungen offensichtlich, in anderen Fällen gibt es zwar Gesetze, die das Prinzip der Gleichheit ausdrücken, aber in der Praxis werden diese nicht berücksichtigt. Außer Zweifel ist auch, dass in keinem Land dieser Welt, natürlich mit kulturellen Variationen und Unterschieden, auch bezogen auf die Regierungskultur, die Situation der Männer und Frauen gleich und gerecht ist.

Europa und die Vereinigten Staaten In den Vereinigten Staaten und den meisten europäischen Ländern beschweren sich Frauen über Ungleichheiten der gesellschaftlichen Arbeits- und Entwicklungsbedingungen. In diesen Ländern ist es nicht unbedingt die Gesetzeslage, die Frauen benachteiligt. Frauen sind oft nicht in der Lage, die potenziellen Möglichkeiten wahrzunehmen, weil sie immer noch Doppelbelastungen in Familie und Beruf ausgesetzt sind. Und somit sehen wir oft, aus eben diesem Grund, eine geringe Präsenz von Frauen in der Politik, in Parlamenten oder in entscheidenden gesellschaftlichen Positionen. Die Anzahl der weiblichen Abgeordneten oder der Anteil von Frauen in anderen wichtigen Positionen ist weit geringer als die dominierende Zahl der Männer in gleichen Berufen. Auf dem Wege der Gleichstellung der Frauen hat das europäische Parlament vor einiger Zeit einen Beschluss gefasst, wonach politische Parteien sich verpflichten, die gleiche Anzahl von Frauen wie Männer als KandidatInnen aufzustellen. Aber ein Blick auf die Parlamente jener westlichen Länder, die die Vorreiter der westlichen Zivilisation darstellen, zeigt deutlich auf, wie wenig Frauen es in diesen Ländern gelungen ist, diese Möglichkeit umzusetzen und zu realisieren. Selten gibt es ein Land, in dem Parlamente gleich viele Männer und Frauen als Abgeordnete haben. In fast allen westlichen Ländern, die Vereinigten Staaten eingeschlossen, gibt es hauptsächlich Minister und kaum Ministerinnen. Die wichtigsten Positionen in der Gesellschaft sind männliche Monopole- selten finden Frauen hier einen Zugang.

Islamische Länder In islamischen Ländern ist die Lage auf eine andere Art nachteilig. Natürlich ist das Bild uneinheitlich und es ist von Land zu Land stärker oder schwächer ausgeprägt. In Saudi Arabien hatten Frauen bis vor wenigen Jahren keinen eigenen Geburtsschein, d.h., dass sie überhaupt nicht als Staatsbürgerinnen geführt wurden! Mittlerweile sind sie offizielle Staatsbürgerinnen, müssen aber nach wie vor unter anderen Entbehrungen leiden: kein Zutritt ins Parlament, nicht einmal das Recht, ihr eigenes Auto selbst zu fahren. In Bahrain und Yemen und in vielen anderen islamischen Ländern zählen Frauen zwar als Staatsbürgerinnen, aber als solche zweiter Rangordnung. Niemals genießen sie dieselben Rechte, die Männer dort erhalten. Die Mehrfachehe ist gang und gäbe. Bei der Eheschließung zählt ausschließlich der Wille und die Entscheidung des Vaters, und die junge Frau kann sich unmöglich dagegen stellen. Die Wertschätzung einer Frau richtet sich danach wie viele Söhne sie geboren hat. Mütter werden sogar mit dem Vornamen ihres erstgeborenen Sohnes gerufen.

Die Situation im Iran Im Iran, einem Land, in dem Mädchen 63% der Studierenden ausmachen, in anderen Worten in einem Land, wo es mehr gebildete Frauen als Männer gibt, ist die Arbeitslosigkeit unter Frauen dreimal höher als unter Männern. Frauen schaffen es nicht, wichtige politische Positionen zu erlangen. Die geringe Anzahl von Frauen im Parlament ist mit ein Grund dafür, dass essentielle Gesetzesänderungen nicht möglich sind. Ich erinnere auch an die aufgezwungene Diskriminierung der iranischen Frauen, z.B. manifestiert im islamischen Strafrecht, das 1370 (1991) vom Parlament bewilligt wurde und in dem das Leben einer Frau faktisch halb so wertvoll eingeschätzt wird wie das Leben eines Mannes. Zur Illustration: Bei einem tödlichen Unfall wird das Dyeh, das Blutgeld (vgl. Schmerzensgeld) bei einem männlichen Opfer doppelt so hoch angesetzt wie bei einem weiblichen Opfer. In vielen Situationen ist bei Gericht die weibliche Zeugenaussage nicht zugelassen – ihre Aussagen vor dem Gericht sind ungültig. In den wenigen Fällen, in denen weibliche Zeugenaussagen erlaubt sind, gilt die Zeugenaussage zweier Frauen soviel wie die eines einzigen Mannes. Die Mehrfachehe ist im Iran gesetzlich anerkannt. Ein Mann kann sich ohne Angabe von gültigen Gründen von seiner Frau scheiden lassen. Zugleich ist die Durchsetzung einer Scheidung für eine Frau extrem schwierig, gelegentlich sogar ausgeschlossen. Iranische Frauen leben durch Gesetze, die zu ihren Werten und kulturellen Einstellungen in großem Widerspruch stehen, in einer leidvollen Situation.

„Die eigentliche Frage hier ist aber der Ursprung dieser unwürdigen Situation der Frauen in islamischen Ländern.“
Der Islam ist eine Religion in der das Gleichheitsprinzip von Mann und Frau potenziell/theoretisch seinen Platz hat. Der entscheidende Faktor für den Mangel an Frauenrechten in islamischen Ländern ist jedoch etwas anderes: es sind die Kultur und die Tradition des Patriarchats, die in den genannten Ländern intensiver vorherrschen als in den westlichen Ländern. Die männlich dominierte Kultur benachteiligt hier nicht nur Frauen, die sie nur als das zweite Geschlecht anerkennt, sondern betrifft auch die Situation der Männer. Diese Kultur ist mit einer demokratischen Entwicklung nicht vereinbar, sie akzeptiert die Gleichheit aller Menschen nicht!

Demokratie und Frauenrechte
Ein Blick auf die vorherrschenden Regierungsformen dieser Länder zeigt deutlich, dass es dort, wo Frauen unter ungerechten gesetzlichen Bedingungen leben müssen, es auch um die Demokratie nicht gut bestellt ist. In deutlicheren Worten: Die Verbesserung der Situation der Frauen steht mit dem Demokratisierungsgrad eines Landes in unbedingtem Zusammenhang. Demokratisierung heißt in einem ersten Schritt die Verbesserung der Situation von Frauen. Denn Demokratie heißt auch, dass es die Gesamtheit des Volkes ist, die die Regierung wählt – sie bedeutet, dass die Menschen über ihr eigenes Schicksal bestimmen können. Jedoch hat auch die Demokratie ihre Schattenseiten, denen tunlichst ein Riegel vorgeschoben werden muss. Vergessen wir nicht, dass auch Hitler mit den Stimmen der Mehrheit gewählt wurde. Viele Diktatoren der Welt hatten am Anfang die Mehrheit hinter sich. Also ist es nicht allein die Mehrheit, die einziges Kriterium und Legitimation der Herrschaft darstellen kann. Demokratie muss sich im Kontext der vollen Berücksichtigung der gültigen Menschenrechte manifestieren können. Natürlich entscheidet der Wille der Mehrheit die pragmatische Umsetzungsrichtung, aber selbst die Mehrheit hat nicht das Recht sich beliebig zu verhalten und außerhalb bzw. oberhalb der Prinzipien der Menschenrechte zu agieren. Ich möchte diese Gelegenheit auch wahrnehmen, um darauf hinzuweisen, dass die Etablierung der Menschenrechte nicht als Vorwand benützt werden darf, um ein Land zu überfallen. Man kann Völker nicht auf dem Luftweg, durch Bomben und Raketen mit Menschenrechten beglücken. Demokratie kann man nicht mit Waffen exportieren. Nur der unabdingbare Wille einer gesamten Nation kann zur Verwirklichung der Demokratie und der Menschenrechte verhelfen. Keine Regierung dieser Welt, auch kein Land, hat das Recht, unter Vortäuschung der Hilfe für eine andere Nation militärisch zu agieren und die Invasion dieses Landes damit zu rechtfertigen.

Es gibt Instrumente der Vereinten Nationen, mit deren Hilfe Länder, die die Menschenrechte ihrer Völker mit Füßen treten, dazu gebracht werden können, diese zu respektieren. Nur auf diesem Wege sind Bestrebungen um die Ausbreitung der Demokratisierungsprozesse dieser Welt zu rechtfertigen und zu legitimieren.

Danke!"

 
 

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